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Der Tierarzt der Heimatlosen

Jeden Montag macht Thomas Kießling Visite im Freitaler Tierheim. Immer öfter behandelt er geschmuggelte Hunde.

Schmuggelwelpen versorgen ist zurzeit Alltag im Freitaler Tierheim. Auch Lumpi, hier mit Tierpflegerin Romy Rösner, sucht ein neues Zuhause.
Schmuggelwelpen versorgen ist zurzeit Alltag im Freitaler Tierheim. Auch Lumpi, hier mit Tierpflegerin Romy Rösner, sucht ein neues Zuhause. © Egbert Kamprath

Warum humpelt Axel? Vorne rechts ist es besonders schlimm, sagt sein Pfleger. Thomas Kießling inspiziert die Pfote des vierjährigen Mischlingsrüden, der ein Leben als Kettenhund hinter sich hat. Die Ursache der Humpelei hat er schnell entdeckt: einen aufgeschürften Mittelballen. Klar, dass das weh tut. "Da müssen wir uns nicht wundern.“

Vielleicht ist Axel im Zwinger irgendwo angeeckt. Kießling greift zur Schere, schneidet Hautfetzen ab. Künftig gibt es Schmerzmittel, versteckt im Futter. Nur keinen Stress. „Das heilt von alleine.“ Außer, wenn Axel an der Wunde knabbert. Für diesen Fall muss er mit Stufe zwei rechnen, sagt Kießling: Verband und „Lampenschirm“.

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Wenn die Ringelnatter Panik macht

Wer den Tierarzt Thomas Kießling sucht, kann nie wissen, wo er ihn findet. Vielleicht am OP-Tisch seiner Praxis. Vielleicht hat er aber wieder mal alles stehen und liegen lassen und ist im Pferdestall, oder auf der Kuhweide, oder an irgend einer Straßenecke, wo sich Passanten vor einer verirrten Ringelnatter fürchten. Nur eins ist sicher, jedenfalls zu 99,9 Prozent, wie er sagt: Montagmittag kommt er ins Tierheim auf den Freitaler Windberg und macht Visite.

Er ist der Arzt vom Freitaler Tierheim: Thomas Kießling (44) aus Possendorf, hier mit einem Ex-Patienten. Durch Katzenschnupfen hat der Kater ein Auge verloren.
Er ist der Arzt vom Freitaler Tierheim: Thomas Kießling (44) aus Possendorf, hier mit einem Ex-Patienten. Durch Katzenschnupfen hat der Kater ein Auge verloren. © Egbert Kamprath

Tierheime brauchen einen Haustierarzt. Bei den Freitalern ist das seit fünf Jahren Thomas Kießling aus Possendorf. Er sei angesprochen worden, sagt der 44-Jährige auf die Frage, wie es dazu kam. Wenn es um Tiere geht, hat er ein Problem mit dem Nein sagen. Das schiebt er auf die Familientradition, Opa und Vater waren Tierärzte, und auf sein Berufsethos. Tiere im Heim haben seine Hilfe genauso verdient, wie alle anderen. „Bei mir sind alle gleich.“

Und, das will er nicht verschweigen, es ist ein sicheres Standbein für die Firma. Etwa ein Dutzend Fälle hat der Arzt zur Visite vor sich und ist damit bis zu vier Stunden beschäftigt. Neulinge durchchecken, impfen, Parasiten bekämpfen, das sind die Standards. Dazu kommen an zwei, drei Vormittagen in der Woche Heimtierbehandlungen in seiner Praxis – Kastrationen etwa, oder Zahngeschichten. Und wenn es groß, wild oder gefährlich wird, fährt Kießling mit den Heimleuten raus, legt manchmal sogar das Blasrohr mit Betäubungspfeil an, um ein Tier in die Obhut zu kriegen. „Im Tierheim gibt es immer Arbeit.“

Schluss mit der Humpelei: Tierarzt Kießling behandelt die verletzte Pfote von Mischlingsrüde Axel.
Schluss mit der Humpelei: Tierarzt Kießling behandelt die verletzte Pfote von Mischlingsrüde Axel. © Egbert Kamprath

Dieser Tage besonders. Die Einrichtung, die größte im Landkreis mit Platz für 36 Hunde, 85 Katzen und etwa 20 Kleintiere ist ausgebucht. Regina Barthel-Marr, Chefin des Tierschutzvereins Freital und Umgebung, der das Haus trägt, sagt, dass man gar nicht so viele Tiere aufnehmen könne, wie es Anfragen gebe.

Nach allem, was sie weiß, ist das ein landesweites Problem, eine Folge der Pandemie. Im Lockdown habe jeder ein Haustier gewollt, sagt sie. Jetzt brächten die Leute ihre Anschaffungen ins Heim, weil sie überfordert seien, Allergien bekämen, oder weil der niedliche Hund plötzlich doch größer sei als der Händler versprochen hatte. Zwar gibt es am Windberg noch Kapazitäten. Aber die sind reserviert, für die Notfälle.

Impfungen gehören zu den häufigsten Prozeduren bei der Tierheimvisite.
Impfungen gehören zu den häufigsten Prozeduren bei der Tierheimvisite. © Egbert Kamprath

Dazu gehören immer öfter Schmuggelwelpen. In Fahrzeugen, die auf der Autobahn A 17 von Tschechien nach Deutschland rollen oder Schleichwege benutzen werden sie entdeckt, viel zu jung, ohne Impfungen, ohne Chip. Der Landkreis ist davon extrem betroffen. 2019 wurden 53 Schmuggelhunde festgestellt, 2020 schon 72. Das laufende Jahr wird einen neuen Negativrekord aufstellen. Bisher wurden schon um die 150 illegale Welpen beschlagnahmt.

Schmuggler lassen ihre Hunde im Stich

In der Regel landen diese Hunde, gezüchtet in Osteuropa, teilweise in Massenquartieren, im Freitaler Tierheim, in der Quarantäne, wo Thomas Kießling sie untersucht. Erkrankungen, die hierzulande durchs Impfen in Schach gehalten werden, sieht er seitdem häufiger. Etwa die als Hundeseuche bekannte Parvovirose. Auch die Staupe, die das Nervensystem angreift, und die in Kießlings Praxis zehn, zwölf Jahre keine Rolle mehr spielte, gehört neuerdings zu den Diagnosen.

Piks fürs Labor: Riesenschnauzer Attila muss Blut abgeben.
Piks fürs Labor: Riesenschnauzer Attila muss Blut abgeben. © Egbert Kamprath

Heute wird Kießling sieben Schmuggelwelpen untersuchen, drei davon, Golden Retriever, bekommen den abschließenden Check, den Hunde-TÜV sozusagen, der bezeugt, dass die Tiere fit genug für ein neues Zuhause sind. Die Behandlungskosten betragen, wenn alles glatt läuft, um die 300 Euro. Sind die Tiere aber krank, können daraus auch schnell tausend werden, sagt der Arzt. Die Schmuggler wollen damit meist nichts mehr zu tun haben. In den vergangenen beiden Jahre wurden etwa 70 Prozent der beschlagnahmten Hunde nicht zurückgefordert.

Zuschauer sind im Quarantänezwinger nicht erlaubt, im Behandlungsraum schon. Hier ist Mischlingsterrier Dyrector der nächste Patient. Der Name ist Programm. Es muss alles nach seinem Kopf gehen, sagt der Pfleger. „Er kann ziemlich garstig werden.“ Bei Thomas Kießling hält er aber still, lässt sich mit dem Stethoskop abhorchen, in die Augen und in die Ohren schauen. Die Impfung gegen „Zwingerhusten“ und Leberentzündung nimmt er mit mäßigen Unmutsbekundungen hin.

Diesen Degu hat die Veterinärbehörde im Osterzgebirge eingezogen. Er saß mit etwa 80 Artgenossen in einem viel zu kleinen Käfig.
Diesen Degu hat die Veterinärbehörde im Osterzgebirge eingezogen. Er saß mit etwa 80 Artgenossen in einem viel zu kleinen Käfig. © Egbert Kamprath

Dackelmischling Jule wird auf den Untersuchungstisch gehoben. Auch sie erträgt tapfer ihre Impfung, unter anderem gegen Tollwut. Dann kommt Attila, der Riesenschnauzer, der tatsächlich riesig ist. 43 Kilo bringt das Tier auf die Waage. Attila hat etwas Haarausfall am Hinterteil. Der Arzt kämmt das Fell durch. Flöhe hat er jedenfalls keine. Aber die Hoden sind auffällig klein, weich und fluffig. Könnte auf eine Stoffwechselstörung hindeuten. Der Hund muss Blut hergeben, zwei Röhrchen voll. Nach der Analyse weiß der Arzt mehr.

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Thomas Kießling, das merkt man, liebt seinen Job. Am Kreislauf des Lebens, sagt er, ist er wohl näher dran als so mancher Humanmediziner. Er redet aber auch gern mit Leuten. Und er ist gern draußen, in der Natur. Alles passt für ihn zusammen. „Es macht einfach so viel Spaß.“

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