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SOE: Kommt der Fuchs zum Doktor

Ein Veterinär in Pirna warnt vor falsch verstandener Tierliebe. Doch nicht jeder Tierarzt ist gegen Wildtiere in seiner Praxis.

Niedlicher Findling: Ein junger Fuchs in der Tierarztpraxis von Thomas Kießling in Possendorf. Inwieweit der Mensch in das Schicksal von Wildtieren eingreifen sollte, ist umstritten.
Niedlicher Findling: Ein junger Fuchs in der Tierarztpraxis von Thomas Kießling in Possendorf. Inwieweit der Mensch in das Schicksal von Wildtieren eingreifen sollte, ist umstritten. © TA Kießling

Dieses Erlebnis wird Mario Knop nicht vergessen: Da kommen Leute zu ihm, weil sie im Park vor seiner Tierarztpraxis einen Wurf verlassener Hundewelpen gefunden haben. Als Knop die Findlinge untersuchen will, gucken ihn fünf Fuchsbabys an. Für die Finder hat er nur einen Rat: schnellstmöglich zurück damit an die Fundstelle. Ob die Tiere überlebt haben? Vielleicht. Jedenfalls hat er nichts von verendeten Füchsen im Park gehört.

Seit 25 Jahren ist Mario Knop Tierarzt, seit zwanzig Jahren mit eigener Praxis im Schlosspark auf dem Pirnaer Sonnenstein. Im Wartezimmer hängt jetzt ein rot beschriftetes Papier, "aus aktuellem Anlass", wie die Überschrift erklärt: "In der Natur aufgefundene Wildtiere, Singvögel, Nestlinge, Marder, Fuchswelpen, Eichhörnchen, Rehkitze et cetera gehören nicht zum Tierarzt!"

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"Kranke Wildtiere gehören nicht zum Tierarzt." Der Pirnaer Veterinärmediziner Mario Knop in seiner Praxis auf dem Sonnenstein.
"Kranke Wildtiere gehören nicht zum Tierarzt." Der Pirnaer Veterinärmediziner Mario Knop in seiner Praxis auf dem Sonnenstein. © Egbert Kamprath

Der Anlass für Mario Knop ist, dass immer um diese Zeit verstärkt Wildtiere in seine Praxis gebracht werden. Die Natur ist dabei, Nachwuchs zu produzieren. Nicht nur die Säugetiere, auch praktisch alle Vogelarten sind mit der Aufzucht der Jungen beschäftigt. Und dabei soll der Mensch nicht eingreifen, sagt der Tierarzt, selbst wenn er denkt, es müsse sein. "Für die Tiere hat das meist tödliche Folgen."

"Wildtiere in der Natur am besten aufgehoben"

Besonders oft werden ihm jetzt Vögel vorgesetzt, die augenscheinlich hilflos in der Botanik hockten. Knop spricht von zwei bis drei Fällen pro Woche. Auch im Notdienst und übers Wochenende: ständig Anrufe von Vogelfindern. Das sei schon störend, zumal in Momenten, wo er mit wirklich schwer verletzten Tieren zu tun habe, wo es um Leben und Tod gehe.

Thomas Kießling behandelt in seiner Possendorfer Praxis immer wieder Wildtiere. "Auch dafür bin ich Tierarzt geworden", sagt er.
Thomas Kießling behandelt in seiner Possendorfer Praxis immer wieder Wildtiere. "Auch dafür bin ich Tierarzt geworden", sagt er. © Foto: Ronald Bonß

Ein junger Vogel, der, nach einem Fall aus dem Nest oder missglücktem Flugversuch, am Boden sitzt, stellt meistenteils keine Notlage dar, sagt der Tierarzt. Die Altvögel würden sich weiter um den Nachwuchs kümmern und ihn füttern. Würde der Vogel durch Menschen aus seiner Umgebung gerissen, bedeute dies praktisch das Todesurteil. "Wildtiere sind in der Natur am besten aufgehoben."

Risiko von Ansteckung und Verletzung

Knop sieht aber auch Risiken für die Tierfinder. Er nennt Vogelgrippe und Tollwut. "Ich würde nie auf die Idee kommen, einen Fuchs einzupacken." Dass das aber vorkommt, führt er nicht nur auf das weiche Herz der Leute zurück, das er prinzipiell ja sehr gut findet, sondern vor allem auf die fehlende Bindung zur Natur und Anerkenntnis ihrer Gesetze. "Der Blick für die Realität ist verloren gegangen."

Wilder Patient in Kießlings Praxis: Eine Ringelnatter, gefunden am alten Bahndamm in Hähnichen, vermutlich vom Fahrrad überrollt.
Wilder Patient in Kießlings Praxis: Eine Ringelnatter, gefunden am alten Bahndamm in Hähnichen, vermutlich vom Fahrrad überrollt. © Tierarztpraxis

Was also tun? Wer ein Wildtier findet und denkt, es bräuchte Hilfe, sollte den zuständigen Jäger informieren, rät das Landratsamt. Dieser ist quasi Besitzer des Wildes. Auskünfte dazu könnten die Ordnungsämter geben. Innerhalb von Wohnlagen seien Stadt- und Gemeindeverwaltungen zu informieren. Die Tiere solle man vor Ort belassen, schon allein aus Eigenschutz. Es bestehe immer die Gefahr der Ansteckung oder der Verletzung durch Kratzen und Beißen.

Erste Hilfe für Katzenopfer

In Possendorf hat Tierarzt Thomas Kießling seine Praxis. Er kennt die Regularien. Aber wer weiß auch, dass die eigentlich Zuständigen nicht immer erreichbar sind. Die Leute wollen aber irgendwo hin mit ihrer Tierliebe. So bringen sie ihre Funde zu ihm. Kießling ist dafür bekannt, keinen wegzuschicken. Er kümmert sich, zumindest um die Erstversorgung. "Dafür bin ich Tierarzt geworden", sagt er.

Auch dieses verwaiste Mufflonlamm kam zur Erstversorgung in die Possendorfer Tierarztpraxis.
Auch dieses verwaiste Mufflonlamm kam zur Erstversorgung in die Possendorfer Tierarztpraxis. © Foto: Tierarztpraxis

Über seine wilden Patienten führt Thomas Kießling Buch. Und die Liste ist lang. Sie reicht von der überfahrenen Ringelnatter bis zum verwaisten Mufflonlamm. Dazwischen Wildkaninchen, Eichhörnchen, Feldhasen, Marderhunde, Füchse, Igel und jede Menge Vögel. Erst letzte Woche kam ein flugunfähiger Buntspecht. Den hatte eine Katze in der Mache. Nicht alle Katzenopfer werden wieder, sagt der Arzt. Der Specht aber schon. "Den haben wir glücklich wieder ausgesetzt."

Kießling weiß: Was er macht, kann sich nicht jede Praxis leisten. Die Wildtiere sind Mehrarbeit, die keinen Verdienst einbringt. Doch ist sein Betrieb relativ groß. "Wir können das stemmen", sagt er. Oft seien die Tierfinder bereit, sich an den Aufwendungen zu beteiligen, mit dem Arzt einen "Deal" zu machen, etwa den versorgten Vogel selbst zur Auffangstation zu fahren.

Manche wollen das Wildtier sogar selbst aufpäppeln. Eigentlich ist das nur was für Fachleute. Thomas Kießling erzählt von einem jungen Fuchs, gefunden am Wilisch. Die Finder wollten ihn bei sich daheim pflegen. Der Jäger hatte nichts dagegen. Der Fuchs wohl schon. Er biss ein Kind in den Zeh. Um Tollwut auszuschließen, musste das Tier zwecks Untersuchung des Gehirns eingeschläfert werden.

Für Thomas Kießling gehören die Wildtiere zum Beruf. Das heißt aber auch, dass er jene erlösen muss, die nicht mehr zu retten sind. Manchmal ist das ein Problem für die Tierfinder, denn ihre Erwartungen an den Arzt sind sehr hoch. Aber besser ein schnelles und sauberes Ende als tagelange Qualen, sagt Kießling. "Die Leute müssen mir glauben, wenn ich sage: Das wird nichts."

Wildgetier gehört auch zum Alltag von Uwe-Jens Bartling. Der Zoohändler und Artenschutz-Fachmann ist in Pirna die Anlaufstelle schlechthin. Ob Polizei, Feuerwehr, Tierschutzverein oder Privatleute - alle bringen ihm ihre Findlinge zur Pflege. Auch die Naturschutzbehörde kooperiert mit ihm, zahlt fürs Futter. Die Arbeit selbst ist ein Ehrenamt.

Im Schnitt wohnen bei Bartling täglich gut zwanzig Wildtiere. Zurzeit aber weit mehr, allein an die fünfzig Vögel. Viele hat die jüngste Hitzewelle entkräftet. Manche prallten gegen Glasscheiben. Um die selbst für ihn ungewöhnlich große Schar zu versorgen, steht der Naturfreund jetzt extra eher auf, damit alle pünktlich ihre Wachsmaden, Mehlwürmer und Breiportionen kriegen.

Diese beiden Mönchsgrasmücken sind zwei von derzeit etwa fünfzig Vögeln, die Zoohändler Uwe-Jens Bartling in Pirna in Pflege hat.
Diese beiden Mönchsgrasmücken sind zwei von derzeit etwa fünfzig Vögeln, die Zoohändler Uwe-Jens Bartling in Pirna in Pflege hat. © Zoo-Bartling

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Die Liebe zum Tier wächst, sagt Mario Knop. Eine Sprechstunde beim Chefarzt des Tiergesundheitszentrums Pirna-Sonnenstein.

Uwe Bartling ist nicht der Ansicht, dass sich der Mensch weitgehend raushalten sollte aus der Tierwelt. Dafür greift er schon zu sehr in die Tierwelt ein, durch Verkehr, durch Bautätigkeit oder seine Katzen. Freilich kann auch er nicht jedes Tier retten. "Aber jedes Tier soll seine Chance haben."

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