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Dreibeiniger Wolf im Heideland gesichtet

Bereits im März tauchte ein verstümmelter Wolf bei Ralbitz-Rosenthal auf, im Juni erneut bei Neschwitz. Stellt dieses Tier eine Gefahr dar?

Ein Augenzeuge hat bei Neschwitz einen dreibeinigen Wolf beobachtet, der sich ihm wenig scheu genähert haben soll. Danach hat er das Tier beim Absetzen einer Losung fotografiert - angeblich eine Art Triumphbekundung.
Ein Augenzeuge hat bei Neschwitz einen dreibeinigen Wolf beobachtet, der sich ihm wenig scheu genähert haben soll. Danach hat er das Tier beim Absetzen einer Losung fotografiert - angeblich eine Art Triumphbekundung. © privat

Bautzen. Zuletzt wurde er am 23. Juni um die Mittagszeit auf der Landstraße zwischen Neschwitz und Caßlau beobachtet: ein dreibeiniger Wolf, der über die Wiese vor einem Waldgebiet kurz vor der Ortseinfahrt Caßlau trottete und offenbar keine Scheu vorm Menschen hat. So beschreibt es der Königsbrücker AfD-Landtagsabgeordnete Timo Schreyer in einer Pressemitteilung. Demnach habe ein Vorbeifahrender den Wolf beobachtet, er sei aus seinem Auto ausgestiegen, um das Tier zu fotografieren. Das Bildmaterial schickt Schreyer mit. Es ist authentisch.

Der Augenzeuge selbst will nicht in die Öffentlichkeit. Er befürchtet Repressalien vor dem Hintergrund der aufgeladenen Debatte um Wolfsschutz und -abschuss, meldete sich aufgrund mangelnden Vertrauens in die Behörde außerdem nicht beim zuständigen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG). So steht es in einem Gutachten von Wernher Gerhards vom Verein Sicherheit und Artenschutz, das Sächsische.de vorliegt.

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Beide - Gerhards und der Verein - sind nicht unumstritten: Immer wieder fordert der Verein den Abschuss von Wölfen. Er gründete sich schon wenige Jahre, nachdem sich das erste Wolfsrudel wieder in der Lausitz angesiedelt hatte. Im Dezember 2019 sprach Gerhards als Sachverständiger zum Thema Ausnahmeregelungen zum Abschuss von Wölfen vorm Umweltausschuss des Bundestages. Dort wies er auf die Gefahr von Tierseuchen durch die Ansiedlung von Wölfen, aber auch auf die Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung durch die steigende Wolfspopulation in der Lausitz hin. Damals scheiterte der Antrag zur Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes.

Abschuss des dreibeinigen Wolfes gefordert

In Gerhards Bericht über die Neschwitzer Sichtung vom 23. Juni 2021 heißt es weiter: Während er abgelichtet wurde, habe der Wolf den Mann bemerkt, habe ihn zunächst fixiert, um sich ihm anschließend bis auf einen Abstand von drei Metern zu nähern. Der Mann sei daraufhin in sein Auto geflüchtet. Der Wolf "drehte dann auch unmittelbar von seinem Konfrontationskurs zurück und setzte wenige Meter abgekehrt einen Losungshaufen auf die Graswiese" - eine Art Triumphbekundung, wie Gerhards weiter schreibt.

Auf diesem Foto gut zu erkennen: Dem Tier, dass laut LfULG ganz sicher ein Wolf ist, fehlt die linke Vorderpfote.
Auf diesem Foto gut zu erkennen: Dem Tier, dass laut LfULG ganz sicher ein Wolf ist, fehlt die linke Vorderpfote. © privat

Aus den Schilderungen und dem ihm vorliegenden Bildmaterial schließt Wernher Gerhards: Der Wolf sei stark abgemagert und aufgrund seiner Amputation körperlich nur minimal fit. Die lang gezogenen Mundwinkel des Tieres zeigten darüber hinaus Stress und Schmerz an. Gerhards Empfehlung: Das Tier müsse von seinem Leid erlöst - also zum Abschuss freigegeben werden.

Wann einzelne Tiere trotz der strengen Schutzregelungen entnommen werden können, ist in der Sächsischen Wolfsmanagementverordnung für den Freistaat verbindlich geregelt. Das ist etwa dann erlaubt, wenn ein Wolf Menschen angreift, sich aggressiv verhält oder wiederholt am Tage in bewohnten Gebieten gesichtet wird. Im Einzelfall entscheidet die Untere Naturschutzbehörde des jeweiligen Landkreises über die Entnahme, wie der Abschuss von den Behörden genannt wird.

Fachstelle Wolf sieht keine Gefahr durch das Tier

Der Fachstelle Wolf des LfULG ist der dreibeinige Wolf aus dem Heideland bekannt. Es handele sich bei dem Tier ganz sicher um einen Wolf. Zum Alter und dem Umstand seiner Verstümmelung könne man keine Aussagen treffen, teilt Falk Hofer, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, mit. Das Tier stamme entweder aus dem Rosenthaler oder dem Elstraer Rudel.

Erstmals sei der Wolf am 31. März bei einem Schäfer in Cunnewitz gesichtet worden. Aus den bisherigen Sichtungen könne die Landesbehörde nicht darauf schließen, dass das Tier Schmerzen leidet: "Ein uns bekanntes Video zeigt einen in seiner Bewegung eingeschränkten, aber mobilen Wolf, der sich offenbar seit Monaten ernähren kann", teilt Falk Hofer dazu mit und weist darauf hin, dass Wölfe mit derlei Einschränkungen durchaus überlebensfähig seien. Als Beispiel nennt er einen dreibeinigen Rüden, der zwischen 2008 und 2010 im brandenburgischen Welzow-Territorium gemeinsam mit einer Fähe Welpen bekam und diese erfolgreich aufzog, ohne auffällig zu werden.

Bis zu den hiesigen Behörden - dem Landratsamt und der Gemeindeverwaltung von Neschwitz - ist die Nachricht über die Anwesenheit des dreibeinigen Wolfes noch nicht durchgedrungen: "Da der Fall hier nicht bekannt ist, gab es demnach auch bisher keine weiteren Abstimmungen mit anderen Behörden", teilt das Umwelt- und Forstamt des Landkreises dazu mit. Auch der Neschwitzer Bürgermeister Gerd Schuster (CDU) versichert, von diesem Wolf bislang noch nicht gehört zu haben: "Mir liegen dazu null Informationen vor", teilt er am Telefon mit und fährt fort: "Ich hätte bestimmt davon gehört, wenn es diesbezüglich irgendwelche Probleme gäbe."

Timo Schreyer will sich mit diesen Antworten nicht einfach zufriedengeben und kündigt an, in seiner Funktion als Bautzener Kreistagsmitglied eine Anfrage an die Kreisverwaltung zu richten. Er stellt klar: "Ich habe nichts gegen den Wolf. Aber wir müssen mit Maß und Mitte agieren." Ein Abdriften in die Extreme zwischen Wolfsgegnern und Wolfsbefürwortern dürfe es künftig nicht mehr geben.

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