merken
PLUS Bautzen

Bautzen: Ganz große Koalition gegen den Wolf

Eineinhalb Stunden lang diskutierte der Kreistag über das Raubtier, gespickt mit Fakten und Sticheleien. Am Ende bekam der Landrat einen Auftrag.

Der Bautzener Kreistag hat jetzt lange über das Thema Wölfe diskutiert und dann den Landrat beauftragt, sich für einen abgeschwächten Schutz der Raubtiere einzusetzen.
Der Bautzener Kreistag hat jetzt lange über das Thema Wölfe diskutiert und dann den Landrat beauftragt, sich für einen abgeschwächten Schutz der Raubtiere einzusetzen. © Symbolfoto: dpa

Bautzen. Wie viele Wölfe verträgt die Lausitz? Brauchen sie weiter so einen strengen Schutz wie bisher? Übertragen die Raubtiere Krankheiten? Fragen, die am Montagabend für eine eineinhalbstündige Diskussion im Bautzener Kreistag sorgten. Zum ersten Mal überhaupt beschäftigten sich die Kreisräte so lange und so emotional mit dem Thema Wolf. Die Bautzener Krone, in der der Kreistag erstmals tagte und die sich für weitere Sitzungen empfahl, bot einigen Abgeordneten die perfekte Bühne für ihren Auftritt.

Fremde oder Freunde, wie wird alles sein? Die Titelzeile eines Schlagers von Howard Carpendale beantwortete AfD-Fraktionschef Henry Nitzsche für sich ganz eindeutig. Bevor der Wolf in der Region ansässig wurde, habe es im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft etwa 6.000 Schafe gegeben, jetzt seien es noch rund 200. Das Muffelwild sei aus der Lausitz praktisch verschwunden, das Rehwild stark dezimiert. Die Lausitz sei zu klein für 24 Wolfsrudel. Das Raubtier nehme der Region die Artenvielfalt. "Ohne Nutztiere haben wir hier in 20 Jahren Steppe, argentinische Verhältnisse", zeichnete Nitzsche ein wolfsgraues Szenario.

Anzeige
Betreutes Wohnen in idyllischer Lage
Betreutes Wohnen in idyllischer Lage

Im Februar eröffnet das Familienunternehmen Kunze ein neues Haus am Quitzdorfer Stausee - mit einem besonderen Konzept.

Das sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie berichtet auf Anfrage von Sächsische.de von 22 Rudeln in der Lausitz und zwei in angrenzenden Gebieten im Hohwald und in der Dresdener Heide.

Wie wird alles sein - zu der Songzeile passt ein Antrag, den die AfD-Fraktion eingebracht hatte. Dem Papier zufolge solle der Landkreis eine Vollzugsverordnung erarbeiten, die den Bürgermeistern die Möglichkeit zur Entnahme - sprich zum Abschuss - von Wölfen in Gefahrensituationen gebe.

Echte Wölfe oder Hybriden?

Wann ist ein Wolf ein Wolf? Diese Frage erörtert Herbert Grönemeyer in einem seiner Lieder für Männer - am Montagabend verwirrte damit der AfD-Abgeordnete Roberto Heilmann die Wolfs-Debatte. Indem er nicht von Wölfen sprach, sondern von Wolfshybriden, die in der Lausitz unterwegs seien. Echte Wölfe gebe es in Sibirien und Kanada, aber nicht hier. Hybriden sind Wölfe, die sich mit einem Hund gekreuzt haben. Aber unabhängig vom Namen könnten die Tiere Krankheiten wie die Afrikanische Schweinepest und den für Menschen gefährlichen Hundebandwurm übertragen, argumentierte der Tierarzt aus Bautzen-Burk. "Es gibt auch gegenteilige Meinungen", räumte Heilmann ein. "Aber ich bin der Auffassung, die Wolfshybriden kommen als Überträger infrage."

Nach Auskunft des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass es sich bei den in Sachsen vorkommenden Wölfen um Hybriden handelt.

Amore, Amore singt zwar Roland Kaiser, aber Liebe zu Wölfen empfindet auch Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) nicht. Der Hobby-Schafzüchter erinnerte an die Zeit, als die ersten Wölfe in der Lausitz gesichtet wurden. "Damals hieß es, sie sind scheu und eine Art Waldpolizei. Das war eine Fehleinschätzung." Konflikte seien mittlerweile alltäglich, viele Schafhalter hätten aufgegeben. Das geltende Artenschutzgesetz sieht Harig kritisch. Es gehe ihm aber nicht um die Ausrottung, sondern um den strengen Schutzstatus der Raubtiere. Dieser sei anzupassen. Nur sei dafür ein Kreistag die falsche Adresse, und deshalb lehne er den Antrag der AfD ab. Trotz dieser Worte erhielt Harig den lautesten Beifall von den Tischen rechts vor der Bühne.

"Den Leuten stinkt das Thema"

Von einem Sweet little Rehlein weiß Andreas Gabalier zu berichten, doch ein Reh hat Bautzens Oberbürgermeister im Stadtwald am Czorneboh schon lange nicht mehr gesehen. "Das haben wir den Wölfen zu verdanken", sagte Alexander Ahrens - weniger als SPD-Kreisrat, sondern mehr als passionierter Jäger. Schon mehrfach habe er einem Wolf kaum zwei Meter entfernt gegenübergestanden, die Tiere hätten keine Scheu. "Es bedarf eines Signals, dass den Leuten in der Region das Thema langsam stinkt", polterte Ahrens.

Sein Fraktionsvorsitzender Gerhard Lemm blieb indes ganz ruhig, verordnete wie Andrea Berg seinen Gefühlen Schweigepflicht und warnte vor einem "Schnellschuss, der handwerklich nicht gut ist" - womit er den Antrag der AfD meinte.

Vernünftiger fand der Sozialdemokrat einen erst kurzfristig eingereichten Antrag der CDU-Fraktion. Dessen Inhalt erklärte der Abgeordnete Vincenz Baberschke: Das Papier beauftragt den Landrat, zusammen mit allen anderen Landräten in Sachsen eine "breite Front" zu bilden und sich beim Freistaat für einen geänderten Schutzstatus für den Wolf einzusetzen. Der Freistatt müsse damit dann beim Bund vorstellig werden, der Bund bei der Europäischen Union - damit der Wolf nicht mehr "streng geschützt" ist, sondern nur noch "bedingt geschützt". Damit könnten die Wolfsbestände "reguliert" - also dezimiert - werden.

AfD-Fraktion schließt sich CDU-Antrag an

CDU-Mann Baberschke lieh sich eine Textzeile der Puhdys und rief geradezu genüsslich in Erinnerung, wer seinerzeit als Geschäftsführer der Grünen Liga in Sachsen die Rückkehr der Wölfe gefeiert habe: Jörg Urban, heute Landesvorsitzender der AfD. "So schließt sich der Kreis", stichelte der ehemalige Bürgermeister von Radibor und warb noch einmal für den CDU-Antrag: "Ich hoffe, dass es auch in der AfD Vernünftige gibt, die ihm folgen."

Nur Sieger steh'n im Licht, dachte sich womöglich Henry Nitzsche in Anlehnung an Marianne Rosenberg, und verkündete die Unterstützung seiner AfD-Fraktion für den CDU-Antrag. Dieser wurde am Ende mit deutlicher Mehrheit angenommen, und Landrat Harig startet jetzt die Tippeltappeltour durch die Behörden, mit dem Ziel, dass der Wolf irgendwann nicht mehr streng, sondern nur noch bedingt geschützt ist.

Weiterführende Artikel

Warum die Oberlausitzer Wölfe an Grenzen kommen

Warum die Oberlausitzer Wölfe an Grenzen kommen

In Sachsen steigt die Zahl der Wölfe. Doch im Ostteil des Landes, wo sie zuerst auftraten, ist die Entwicklung eine andere.

Wie Wolfsrisse nachgewiesen werden

Wie Wolfsrisse nachgewiesen werden

Schafe, Ziegen und Damwild fielen dem Raubtier im vergangenen Monat und im Dezember zum Opfer. Das stellten Rissgutachter fest.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Zum kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ geht es hier.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen