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Tierisch dicke Freunde

Das Wohlstandsbäuchlein hat auch unsere Haustiere ereilt. Viele seiner Patienten leiden an Übergewicht, stellt ein Radebeuler Tierarzt fest. Er erlebt kuriose Fälle - und auch traurige.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Von Nina Schirmer

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Radebeul. Die Katze hat plötzlich immer so viel getrunken und gepullert. Das kam ihrem Besitzer komisch vor. Vorsichtshalber brachte er seinen Vierbeiner zu Jörg Schumann. Der Tierarzt machte einige Tests und stellte schnell fest: Die übergewichtige Katze leidet an Diabetes.

Seine eigene Hündin Lilly ist natürlich nicht übergewichtig. © Arvid Müller

Das Wohlstandsbäuchlein hat auch unsere Haustiere ereilt. Nicht nur Herrchen und Frauchen werden immer dicker. Der Trend zum Übergewicht betrifft auch die Vierbeiner. Mit all ihren Folgen. Jörg Schumann erlebt solche Fälle fast jeden Tag. In seine Tierarztpraxis auf der Moritzburger Straße in Radebeul kommen viele zu wohlgenährte Patienten. „Rund ein Viertel der Tiere sind zu dick“, sagt Schumann.

Die Halter hätten häufig jedoch gar kein Bewusstsein dafür. Sie auf das Übergewicht ihrer Vierbeiner hinzuweisen, sei mitunter eine heikle Angelegenheit, sagt Schumann. Nicht jeder Besitzer möchte hören, dass sein süßer Liebling zu fett ist. Der Tierarzt muss sich dann diplomatisch ausdrücken. „Ich versuche, den Wink mit dem Zaunpfahl zu geben.“

Vom Übergewicht sind nicht nur Hunde und Katzen betroffen. In der Radebeuler Praxis kommen auch dicke Nager in die Sprechstunde. Meerschweinchen und Kaninchen, die zu viel auf den Rippen haben. Schuld daran ist meistens das falsche Futter. Joghurtdrops und fette Körner zum Beispiel seien nicht artgerecht für Nager, sagt der Veterinär. Trotzdem sind die Supermarktregale in der Tiernahrungsabteilung voll damit. „Die Futtermittelindustrie erfindet immer neue Produkte, die für Tiere eigentlich ungesund sind“, so der 51-Jährige. „Die Tiere fressen das natürlich gerne und die Leute kaufen es im Glauben, ihrem Tier etwas Gutes zu tun.“ Dabei sollten Nager im wesentlichen Heu und Gras fressen.

Den beleibten Hunden hingegen fehlt häufig die Bewegung, sagt der Tierarzt. „Das ist nicht anders als beim Menschen.“ 10 000 Schritte täglich, die für Herrchen und Frauchen empfohlen werden, wären auch für den Hund optimal. Mit den Folgen des Übergewichts hat Schumann ebenfalls täglich zu tun. Orthopädische Probleme haben unter den Vierbeinern zugenommen. Gelenkerkrankungen und Bandscheibenbeschwerden zum Beispiel. Aber auch unter Stoffwechselerkrankungen, Leberverfettung, Herz-Kreislauf-Probleme und eben Diabetes leiden die dicken Tiere häufiger, sagt Schumann. Die zuckerkranke Katze aus seiner Sprechstunde wird jetzt mit Insulin behandelt. Zweimal täglich muss ihr Besitzer das Tier spritzen. Das geht auch ins Geld.

Jörg Schumann arbeitet seit 1998 zusammen mit seinem Geschäftspartner Michael Kluge. Die Elbtal-Tierärzte haben eine große Praxis in Weinböhla und seit 2009 die Zweigstelle in Radebeul. In den letzten Jahren kommen auch zunehmend ältere Tiere in die Praxis. „Vor 20 Jahren galt ein Schäferhund mit einem Alter von 12 schon als sehr alt. Jetzt sagt man, die können 15 werden.“ Doch mit dem Alter kommen auch Probleme. „Gefühlt haben Tumorerkrankungen zugenommen“, sagt der Tierarzt. Nicht immer kann er einem Tier dann noch helfen. Einschläfern gehört zu seinem Beruf dazu. Jeden Tag. „Die Nachricht zu überbringen, ist nicht einfach, aber wir handeln im Sinne des Tieres“, sagt Schumann. Manchmal erlebt er es aber auch, dass Menschen ihren Vierbeiner einschläfern lassen wollen, um ihn loszuwerden. „Das wird doch eh nichts mehr“, heißt es dann von den Haltern, wenn ihr Tier alt ist und sie in den Urlaub fahren wollen. Für Schumann kommt eine Einschläferung in diesen Fällen nicht infrage. Allein aus Tierschutzgründen.

Über die Jahre hat er auch schon einige kuriose Fälle erlebt. Von einem gibt es noch eine Röntgenaufnahme auf seinem Laptop. Zu sehen ist der Bauch eines Hundes, mittendrin ein gezackter Gegenstand. Eindeutig ein Kronkorken. Der Tierarzt verordnete dem Hund Sauerkraut und Kartoffelbrei und nach ein paar Tagen löste sich das Problem auf natürliche Art und Weise. Ein anderer Artgenosse saß bei dem Arzt, weil er eine Roulade samt Nadeln gefressen hatte. Ein weiteres Mal kamen Besitzer, weil sie die Zecke bei ihrem Hund nicht entfernen konnten. Der Tierarzt stellte fest, dass die Leute versucht hatten, die Brustwarze herauszuziehen.

Jörg Schumann schwärmt noch immer für seinen Beruf. „Es gibt einem Befriedigung, wenn man einem Tier helfen kann.“ Bei einer besonders dicken Katze konnte er auch schon mal Entwarnung geben. Das Tier war nicht adipös, sondern schwanger.