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Tierplage mitten in der Stadt

Die Radebeuler Winzer schicken Hilferufe. Besonders in den Weinbergen richtet das Wild Schäden an.

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© Claudia Hübschmann

Von Peter Redlich

Wieder ein Anruf. Jagdpächter Bodo Pietsch aus Altkötzschenbroda wird in den letzten Wochen beinahe täglich um Hilfe gebeten. Diesmal kommt das Telefonat aus den Radebeuler Weinbergen, vom Hang direkt neben dem Wasserturm.

Wildschweine: Sechs Wildschweine haben die Jäger bisher erlegt.
Wildschweine: Sechs Wildschweine haben die Jäger bisher erlegt. © dpa
Füchse: Die Radebeuler Jagdpächter haben in diesem Jahr 24 tote Tiere registriert.
Füchse: Die Radebeuler Jagdpächter haben in diesem Jahr 24 tote Tiere registriert. © Robert Michael
Rehe und Rehböcke: 12 Rehe wurden bisher in Radebeul erlegt oder tot gefunden.
Rehe und Rehböcke: 12 Rehe wurden bisher in Radebeul erlegt oder tot gefunden. © SZ/Redlich;
Waschbären: Schon 66 Tiere wurden bis zum Wochenende in Radebeul erlegt.
Waschbären: Schon 66 Tiere wurden bis zum Wochenende in Radebeul erlegt. © SZ/Redlich;

Enrico Friedland bewirtschaftet hier die Rebstöcke. „Seit vier Tagen habe ich eine Falle für Waschbären aufgestellt, weil es einfach überhand nimmt mit den Schäden“, sagt er. Bis zu 150 Kilogramm Wein wurden ihm schon von den Stöcken gefressen. Die Waschbären sind Kletterer – überhaupt kein Problem da hochzukommen.

In der gerade einmal seit vier Tagen aufgestellten Klapptürfalle haben sich zwei junge Waschbären in der Ecke zusammengeduckt. Ein Hühnerbein als Köder hat sie angelockt. Auch Fischreste und Nutella-Brötchen seien geeignet, sagt Pietsch. Er wird die beiden töten müssen. „Waschbären, aber auch andere Wildtiere haben sich durch die milden Winter und reichlich Nahrungsangebot beinahe explosionsartig vermehrt. Da müssen wir regulierend eingreifen.“

Bodo Pietsch kennt sich aus, er arbeitet bei der staatlichen Forstbehörde. Und er führt auch Statistik. Allein in diesem Jahr haben die vier Radebeuler Jagdpächter bis jetzt 66 Waschbären erlegt. Sonst sind es im ganzen Jahr 70. Aber auch Rehe, Wildschweine und Füchse fallen in die Stadt ein. 24 Füchse stehen in der Wildstreckenstatistik der Radebeuler. Vier dieser Tiere wurden auf der Straße überfahren. Sechs Wildscheine gehören dazu und zwölf Rehe sowie fünf Dachse und acht Marder. Eins der Rehe wurde nach einem Unfall gefunden, zwei sind offenbar von Hunden angefallen und totgebissen worden. Ein weiteres, stark vom Wild heimgesuchtes Gebiet sind die Weinberge zwischen dem Goldenen Wagen um die Spitzhaustreppe und dem Weingut Drei Herren. Allein in dieser Gegend wurden in diesem Jahr bisher sieben Rehe geschossen und eins tot aufgefunden.

Jäger Bodo Pietsch, der ja tagsüber in der Behörde arbeitet, versucht mit seinen Radebeuler Jagdpächter-Kollegen am späten Nachmittag und am Abend zu helfen. Auch im Weinberg bei Enrico Friedland kommt er am Nachmittag an. Im Gepäck hat er ein Kleinkalibergewehr. „Die Tiere sollen nicht leiden. Das Töten muss schnell und geübt passieren“, sagt er. Deshalb ist es auch nur mit Zulassung erlaubt – eben für Jäger, für Tierärzte oder Schlachter.

Die beiden Waschbären haben es schnell hinter sich. Viermal schon waren zwei in einer Falle – gierig danach, den Köder zu bekommen. Die toten Körper werden zur Tierverwertung nach Lenz gebracht. Auch ein Falkner nutzt das Fleisch. Sogar nach Bayern hat Bodo Pietsch schon fünf Waschbären geschickt. Die werden dort präpariert als Anschauungsstücke für die Jäger, weil die Waschbärenplage in Bayern noch nicht eingetreten ist, so Pietsch.

Dort, wo Waschbären auftauchen, ist deutlich zu bemerken, dass die Zahl der Singvögel und Enten abnimmt. Etwa auch am Elbufer in Radebeul und bis nach Coswig. Ideale Vermehrungsplätze, so Pietsch, seien vermüllte, unaufgeräumte Gärten und Grundstücke. Deshalb, so der Jäger, seien sie auch schon in Altkötzschenbroda zu Hilfe gerufen worden.

Dass sich die Tiere auch hier nicht nur gelegentlich aufhalten, zeigt die Beobachtung von Anwohnern. In den jetzigen lauen Sommernächten huscht der Waschbär schon zwischen Elbufer und den nahen Anger-Gaststätten, etwa am „Bürgergarten“, hin und her.