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Tipps vom Gehirnakrobaten

© Arvid Müller

Gedächtnistrainer Gregor Staub zeigt Schülern am Luisenstift, wie geniales Lernen funktioniert.

Von Ulrike Keller

Radebeul. Dieser Schweizer hat die Lizenz zu Chaos im Kopf. Könnte man zumindest meinen, stieße man unvermittelt zu seiner Übungsstunde im Radebeuler Gymnasium Luisenstift hinzu. Da steht er als Mischung aus Motivationstrainer, Comedian und Superverkäufer mit Mikro auf einem kleinen Podest und haut vermeintlich durcheinander, was nur irgend geht: thailändische Zahlen mit Körperteilen, die Kinder Thomas Manns mit Queen Elisabeth und Schumis Ferrari. Die rund 200 Schüler vor ihm sitzen auf dem Boden der Turnhalle und hängen an seinen Lippen. Er soll ihn kennen, den Weg zum Merkgenie.

Florian, 16, lauscht ohne Erwartungen. Er ist einfach neugierig auf diesen Gedächtnisguru Gregor Staub. 800 Namen lernt der in drei Stunden auswendig. „Denn gerade Namen zu kennen, öffnet Herzen“, erklärt der Profi. Und Fremdsprachen hat er in wenigen Monaten drauf, dank eines Pensums von 150 Vokabeln pro Stunde. So behauptet er.

Zeit für Beweise. Sein Versprechen: In zehn Minuten beherrschen die Jugendlichen 20 Vokabeln in thailändischer Sprache. Er wandert an sich von unten nach oben die wichtigen Körperteile ab. Sie dienen als örtliche Markierungspunkte. An jeder einzelnen Station vermittelt er eine Thai-Zahl. Immer mit einer Eselsbrücke. Das ist entweder eine Ähnlichkeit in der Bedeutung oder im Klang. So merkt er sich die Thai-Zahl drei – „sahm“ gesprochen – an den Armen, weil er sich dort vorstellt, wie man Samen mit den Fingern verstreut. Oder am Kopf die Thai-Zahl zehn, weil man diese „sieb“ spricht und er an gesiebtes Haar denkt.

Die Zehnt- und Elftklässler sind aktiv dabei, sprechen zunächst nach, dann schon im Chor mit. Gregor Staub wird schneller, die Schüler halten mit. Selbst rückwärts. Der Könner hängt die Zahlen elf bis 20 dran. Die Jugendlichen erkennen das Prinzip und stimmen in sein Aufsagen ein. Schon ist Mister Brain bei vierstelligen Zahlen angelangt. Die Stoppuhr zeigt neun Minuten 56 Sekunden. Mit 30 gepaukten Vokabeln ist das ursprüngliche Ziel sogar übertroffen.

Zwischendurch fragt er die jungen Leute, wie sie heißen. Und verrät in einem Affenzahn zu jedem Namen jeweils seine Gedächtnisstütze: Bei Alexandra stellt er sich Alexander den Großen vor, der über ihren Kopf läuft, bei Annelie eine Ananas, die in ihrer Hand liegt, bei Andrea eine Ananas, die sich in der Hand dreht. „Es ist eine bestimmte Art von Denke, die sich antrainieren lässt“, sagt er.

Hilfsmittel: Geschichten oder Räume

Als Hilfsmittel nutzt er Geschichten oder auch Räume. An Orientierungspunkten innerhalb der Turnhalle – wie rote Matte, Kletterwand und offene Tür – vermittelt er in wenigen Minuten die US-Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg. Wiederum an einer Geschichte spielt er durch, wie sich die Namen der Kinder Thomas Manns merken lassen, in der richtigen Reihenfolge. Seine Storys fallen dabei durchaus bizarr aus: von einem Erikapflänzlein, das aus der Hand erwächst, das geklaut und mit dem Golf gespielt wird. Wobei zu jedem Treffer eine Frau Harmonika spielt. Bis plötzlich Queen Elisabeth aus Michael Schumachers rotem Ferrari steigt.

Zum Schluss widmet sich das Gedächtnisass noch der Welt der Zahlen. Gregor Staub fragt: Wie kann es sein, dass das kleine Einmaleins von Kindern in Indien binnen einer Woche erlernt wird, während es in Deutschland anderthalb Jahre dauert? Dann gibt er einen Crashkurs in vedischer Mathematik, ein kinderleichtes Regelwerk aus Indien, das ohne Auswendiglernen funktioniert. Er rechnet im Kopf vor, multipliziert am Flipchart in Windeseile mehrstellige Zahlen. Immer korrekt.

Die Schüler sind angetan. Der 16-jährige Florian sagt: „Ich fand das total aufschlussreich, werde es in jedem Fall probieren, vor allem in Mathe.“

Warum das Wissen nicht von vornherein so einfach und logisch vermittelt wird, kann er sich nur auf eine Weise erklären: „Weil es die Lehrer nicht gelehrt bekommen.“ Gregor Staub berichtet, er habe schon bei Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth angefragt. Da wären seine Methoden und Arbeitsmittel auf wenig Interesse gestoßen.

Den zwei Veranstaltungen für Schüler folgen weitere für Lehrer und abends für Eltern. Alle sind ausgebucht. Dieser vom Elternrat organisierte Aktionstag ist eine Premiere. An ihm will der engagierte Kreis für die Planung künftiger Ereignisse dieser Größenordnung lernen. Elternratsvorsitzende Eva Gasse denkt da zum Beispiel schon an einen Veranstaltungstag rund ums Motivationstraining. Und natürlich an eine Fortsetzung in Sachen Lernstrategien.