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Tötet ein Riesaer seinen Bruder im Affekt?

Sebastian G. sticht seinen jüngeren Bruder nach einem Streit nieder. Das Gericht muss nun entscheiden, ob der 26-Jährige den Tod billigend in Kauf nahm.

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Der Riesaer Sebastian G. hat seinem Bruder ein Messer ins Herz gerammt. Ist das aus einer Kurzschlussreaktion heraus passiert? Und ist dieser mögliche Affekt auf eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung zurückzuführen? Mit diesen Fragen muss sich Richter Hans Schlüter-Staats in den kommenden Wochen am Dresdner Landgericht befassen. Denn der Bundesgerichtshof (BGH) glaubt, dass diese beiden Einzelheiten im ersten Prozess gegen den 27-Jährigen noch nicht ausreichend erörtert worden sind.

An der Tat an sich besteht laut Staatsanwalt Alexander Keller hingegen kein Zweifel. G. ist am 15. April 2010 bei einer Kneipentour durch die Dresdner Neustadt mit seinem jüngeren Bruder Peter G. in einen lautstarken Streit geraten. Der Ältere hat den damals 23-Jährigen zu Boden gestoßen, ihn mit der Faust geschlagen, mit dem Fuß getreten und ihn dabei als „Nutte“, „Hure“ und „Arschloch“ beschimpft. Anschließend zog er ein Messer mit einer 14 Zentimeter langen Klinge und stieß es Peter G. einmal in die Brust. Er wurde mitten ins Herz getroffen und verstarb eine Stunde nach der Tat im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzung. Dafür wurde Sebastian G. zu sieben Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt.

Erst rasend, dann kleinlautDas Gericht erkannte damals, dass keine Affekthandlung vorgelegen habe, weil Peter G. hilflos am Boden gelegen habe und keine Gefahr von ihm ausging. Genau das wiederum nahm G.'s Verteidigerin Ines Kilian als Indiz dafür, dass es sich eben um eine Kurzschlussreaktion gehandelt habe. Immerhin habe G. ohne ersichtlichen Grund plötzlich das Messer gezogen und zugestochen.

Es ist nun die Aufgabe von Hans Schlüter-Staats, herauszufinden, inwiefern die Tat tatsächlich im Affekt geschah. Das könnte die Strafe für G. abmildern. Allerdings schickte der Richter gleich zu Beginn der gestrigen Verhandlung voraus, dass das Urteil des BGH nicht bedeute, dass man dort anderer Auffassung sei als im ersten Urteil. „Das heißt ausschließlich, dass dort in der Begründung nicht ausreichend auf diese Fragestellung eingegangen worden ist, und wir das jetzt nachholen müssen“, sagte Hans Schlüter-Staats.

Bei diesem Nachholen kann er allerdings nicht auf neue Aussagen des Angeklagten zählen. Er machte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Auch die als Zeugen geladenen Großeltern wollen nichts sagen. So muss Hans Schlüter-Staats auf die bisherigen Zeugen zurückgreifen, von denen gestern fünf aussagten.

Fast alle waren sich in einem Punkt einig. Unmittelbar vor der Tat sei G. rasend vor Wut gewesen. Er habe aggressiv geschrien, auf den am Boden liegenden Bruder eingeschlagen und getreten. Nachdem er zu gestochen hatte, sei G. allerdings in sich zusammengefallen, hätte verwirrt gewirkt und mit weinerliche Stimme Dinge gesagt, wie „Das ist mein Bruder. Scheiße, alles wegen mir“. Einzig jener Zeuge, der in der Tatnacht mit den beiden Brüdern unterwegs gewesen war, konnte oder wollte sich nicht erinnern. „Ich habe keinen Bock mehr, daran zu denken und versuche, das so gut wie möglich zu verdrängen“, sagte er. Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt.