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„Tolle Jungs mit tollen Körpern“

Bundestrainer Hagen Stamm wirbt vor dem Länderspiel in Dresden für Wasserball und klagt über fehlende Unterstützung.

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© Pressefoto Rudel

Von Daniel Klein

Es ist eine Premiere. Am Dienstagabend wird in Dresden erstmals ein Wasserball-Länderspiel der Männer ausgetragen. Gegner beim Weltliga-Auftakt ist Russland. Am Beckenrand steht der bekannteste Wasserballer, den Deutschland je hatte. Im SZ-Interview spricht Bundestrainer Hagen Stamm über die Probleme seiner Sportart und die Fehler der Vergangenheit.

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Herr Stamm, warum spielt die Nationalmannschaft in der Wasserball-Provinz?

Weil wir helfen wollen, den Sport hier bekannter zu machen. Das lohnt sich vor allem in Städten, wo es ein Sportpotenzial gibt. Zu denen zähle ich auch Dresden.

Für die Schwimm-WM im Sommer in Budapest hatte sich die Auswahl nicht qualifiziert. Die Spiele dort waren Volksfeste, sie wurden auf Videowänden übertragen. Träumen Sie davon, dass Wasserball in Deutschland mal einen solchen Stellenwert bekommt?

Man sollte nie aufhören zu träumen, aber auch Realist bleiben. Wasserball hat in Ungarn einen Stellenwert wie bei uns der Fußball. Nur ein Beispiel: Wenn in einer ungarischen Kleinstadt in einer Halle ein Aushang für ein Probetraining gemacht wird, stehen 100 Jungs aus einem Jahrgang vor der Tür. Kollegen aus Ungarn sagen mir, sie wissen nicht, wie sie mit dem Ansturm fertig werden sollen.

Und wie sieht es bei uns aus?

Als die Auswahl in den 1980er-Jahren EM-Gold und Olympia-Bronze gewonnen hatte, wurde es versäumt, mehr daraus zu machen, es besser zu vermarkten. Auf der anderen Seite muss man sagen: Wir waren auch damals schon ein Fußball-, Tennis- und Formel-1-Land. Und als Randsportart hat man es da schwer. Wir haben viel zu wenig Wasserflächen und konkurrieren ständig mit den Schwimmern. Meistens verlieren wir den Kampf. Wir bräuchten Hallen speziell für die Wasserballer, dann könnte man da auch was entwickeln.

Ist das ein Grund, warum die vergangenen beiden Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften verpasst wurden?

Natürlich. Hinzu kommt, dass wir medial kaum wahrgenommen werden. Den Sendern fehlt der Mut, mal ein Spiel zu übertragen. Unsere große Problematik ist: Man sieht immer nur die Köpfe, ganz viel spielt sich aber unter Wasser ab. Dabei ist die Sportart wunderbar – tolle Jungs mit tollen Körpern. Nirgendwo haben Männer so wenig an, wir sind also sehr attraktiv. Doch es ist ein Teufelskreis: kaum Öffentlichkeit, wenige Hallen, fehlender Nachwuchs. Wir müssen deshalb kleine Schritte gehen – so wie in Dresden. Die Jungs freuen sich riesig, dass die Partie ausverkauft ist.

Nach der gescheiterten Quali für Rio sind Sie als Bundestrainer zurückgekehrt, aus Geldmangel wurde Ihnen jedoch nur eine halbe Stelle angeboten. Warum tun Sie sich das an?

Weil ich daran glaube, dass man Wasserball wieder aufs internationale Trapez heben und die Teilnahme bei den Spielen 2020 schaffen kann. Wasserball braucht in unserem Land eine Perspektive und auf dem Weg dahin eine Person, die vornedransteht, eine Galionsfigur, die andere mitzieht. Wenn ich das schaffen könnte, würde mich das freuen. Ums Geld geht es mir dabei nicht. Wir haben anderthalb Stellen, die volle hat der Nachwuchs-Trainer. Das ist viel wichtiger.

Sie leiten ein Unternehmen mit 200 Mitarbeitern, sind Präsident bei Serienmeister Spandau 04 Berlin – wie schaffen Sie das alles?

Ich bin dankbar, dass ich an allen drei Stellen eine starke zweite Reihe habe. Ohne die ginge es nicht. Und wenn meine Kollegen aus den anderen Sportarten nach einem Turnier paar Tage die Beine hochlegen, gehe ich halt in die Firma.

Ihr Ziel sind die Spiele 2020 in Tokio, dabei wurden den Wasserballern gerade erst durch den Deutschen Olympischen Sportbund die Mittel gekürzt. Ist das nicht ein Widerspruch?

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Die Kürzungen fallen zumindest für 2018 so aus, dass wir überleben können. Das Geld reicht, um die Turniere, wie jetzt die Weltliga, zu bestreiten und um uns hoffentlich für die WM 2019 in Südkorea zu qualifizieren. Bei unserer Sportpolitik geht es um Medaillen, und wir haben es zweimal nicht zu Olympia geschafft. Das ist Fakt und deshalb können wir nicht die Klappe aufreißen. Dennoch glaube ich, dass wir antizyklisch arbeiten müssten. Man sollte eher die Sportarten unterstützen, die gerade keinen Erfolg haben. In der Praxis sieht es aber so: Diejenigen, die in der Sonne stehen, stellt man noch eine Lampe auf. Den anderen, also auch uns, gibt man eine Kerze ohne Streichhölzer.