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Träume hinter Gittern

Ein Unbekannter malte einem Obdachlosen eine Wohnung. Nun steht dort ein Zaun, damit der Mann verschwindet.

© Katja Frohberg

Von Ulrike Kirsten

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Bilder kann man schnell beseitigen. Mauern und Gitter sind leicht aufzubauen. Doch Gedanken lassen sich nur schwer einzäunen. „Ich lasse mich von hier nicht vertreiben. Der Kiez ist mein Zuhause“, sagt Holger. Seit einem Jahr übernachtet der Obdachlose in einer Tiefgarageneinfahrt in der Kamenzer Straße. Seinen Nachnamen will er nicht nennen. Ein Unbekannter hatte dem 53-Jährigen ein Bett und einen Tisch mit einem Blumenstrauß darauf an die Wand an seinem Schlafplatz gemalt.

Kurz vor Weihnachten ließ der Hausverwalter Holgers großen Traum von der eigenen Wohnung verschwinden, ihn mit weißer Farbe überstreichen. Polizeibeamte erteilten ihm einen Platzverweis. „Der Eigentümer einer Immobilie kann sein Hausrecht mithilfe der Polizei durchsetzen und Verweise aussprechen lassen, wenn er nicht möchte, dass auf seinem Grundstück Obdachlose nächtigen“, erklärt Marko Laske von der Dresdner Polizei. Doch Holger kam wieder, auch nachdem ihn die Polizisten nochmals aufgefordert hatten, die Einfahrt zu räumen. Nun steht ein Metallgitter vor der kahlen Wand. Ein Zweites wurde in der Mitte der Einfahrt aufgestellt. Holger blickt verloren zu der Konstruktion hinüber. „Ich störe hier doch niemanden. Ich weiß mich zu benehmen. Ich kann dieses Verhalten nicht verstehen. Das ist menschenunwürdig, einfach absurd ist das alles“, sagt Holger. Er schläft nun einfach auf der anderen Seite der Tiefgaragen-Einfahrt. Dort, wo noch kein Zaun steht.

Hausverwalter Rolf Gebhardt hat sich nicht mehr anders zu helfen gewusst, als die Gitter aufzustellen. „Es hat in letzter Zeit häufig Beschwerden von Nutzern der Tiefgarage gegeben“, sagt Gebhardt. Diese haben Angst, den Mann zu verletzen, wenn sie nachts in das Gebäude fahren wollen. Mehrmals habe er mit dem Obdachlosen deshalb das Gespräch gesucht, ohne Erfolg. „Ich habe nichts gegen ihn und hoffe, dass er wirklich bald eine eigene Wohnung findet, wenn er sich darum bemüht.“

Währenddessen läuft das Leben an Holger vorbei. Fußgänger, die zur Arbeit eilen, grüßen freundlich. Ein Autofahrer, der seinen Wagen in der Tiefgarage abstellen möchte, stoppt kurz, leiert das Fenster nach unten, schüttelt den Kopf. „Was ist denn hier los, Holli?“, fragt der Neustädter und zeigt auf das Gitter. Einige Nachbarn aus dem Kiez haben Stellung bezogen. „Welcome back Holli“ hat ein Besucher auf die Mauer geschrieben, ein kleines Herz über das i gemalt. Die Botschaft ist klar: Holger ist einer von uns, auch wenn er auf der Straße lebt. Lange will er aber nicht mehr in der Durchfahrt schlafen. Das steht für den Obdachlosen fest, seit er wieder einen vorläufigen Personalausweis hat. Auch Hartz IV hat er mittlerweile mithilfe eines befreundeten Anwaltes beantragt. „Aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Noch fehlen ein paar Papiere. Ich hoffe, dass ich im Februar eine Wohnung gefunden habe“, sagt Holger. Auf jeden Fall will er in der Neustadt bleiben. Denn im Kiez hat der gelernte Facharbeiter für Stanztechnik nicht nur Freunde, sondern eine Ersatzfamilie gefunden.

Von seinen beiden erwachsenen Töchtern hat er seit Monaten nichts gehört. „Nach der Scheidung von ihrer Mutter haben sie den Kontakt zu mir abgebrochen“, erzählt Holger. Für ein paar Sekunden füllen sich seine Augen mit Tränen. Seine vier Enkelkinder hat er noch nie gesehen. Deshalb gehören die Momente, wenn er die Kleinen aus der Kita „Sonnenklecks“ mit ihren Müttern auf der Straße trifft, zu den wertvollsten Augenblicken in Holgers derzeitigem Leben. „Es gibt nichts Schöneres als ein aufrichtiges Kinderlachen“, sagt der Mann, der eigentlich aus Burg in Sachsen-Anhalt kommt.

Einen Platz in einem Übergangsheim hat Holger bisher immer abgelehnt. Aus Stolz. Die Stadt hatte ihm mehrmals einen solchen angeboten. Er will es aber allein schaffen. „Von der Gosse in die eigene Wohnung habe ich immer gesagt. Ein Übergangsheim kommt nicht infrage.“