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Bautzen
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Träume im Spiegel

Eine Bettdecke macht Wolken – und mittendrin lässt die Bautzener Puppenspielerin Anna Gabrysz in ihrem Theaterstück der Fantasie freien Lauf.

Von Miriam Schönbach
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Wer will schon im Traum nass werden? Also muss ein Schirm her. Im Bautzener Burgtheater erzählt Puppenspielerin Anna Gabrysz in ihrem neuen Stück für Kinder ab zwei Jahre von Träumen und wie sie entstehen.
Wer will schon im Traum nass werden? Also muss ein Schirm her. Im Bautzener Burgtheater erzählt Puppenspielerin Anna Gabrysz in ihrem neuen Stück für Kinder ab zwei Jahre von Träumen und wie sie entstehen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Den Spiegel hinter ihrem Zauberbühnenkasten behält Anna Gabrysz immer im Blick. Im gemütlichen Schlafanzug sitzt sie mittendrin in einem überdimensionierten Federbett. In seiner Mitte ist ein Loch zum Hineinschlüpfen. Mit zwei Gurten legt sie sich das himmelblaue Weich über die Schulter. Es wirkt, als würde die 26-Jährige nun bis zu den Hüften in einem Berg voller Wolken stehen. Um ihren Hals trägt sie eine Puppe. Kopf und Arme teilen sich die Zwei. In der Hand hält sie einen Regenschirm. „Ich wollte immer schon auf Wolken hüpfen und springen. Im Traum kann ich alles“, sagt die Puppenspielerin. Am 3. April haben ihre „T.Räume“ im Burgtheater in Bautzen Premiere.

Anna Gabrysz steht auf, die Wolken beginnen zu ziehen, die ganze Bühne beginnt sich zu bewegen. Im Spiegel beobachtet sie dabei ihr Spiel. „Ich wollte gern eine Geschichte für die Allerkleinsten erzählen, ohne Worte und durch das Spiel mit Puppen, Kissen und Decken, Papier und Konfetti, Licht und Schatten, Geräuschen und Musik einen Raum der Fantasie schaffen“, sagt das Ensemblemitglied des Bautzener Theaters. 

Den Ausgangspunkt ihrer 30-minütigen Inszenierung wählt sie da, wo es Kindern oft schwerfällt, sich vom Tag zu verabschieden. Es geht ins Bett, doch der Schlaf will nicht kommen. Auch das Gute-Nacht-Lied hilft an diesem Abend gar nicht. Stattdessen müssen nun Schäfchen gezählt werden. Das letzte Fellknäuel nimmt sie dann mit auf die Reise ins Land der Träume in einer farbenfrohen Welt.

Schon als Kind Theater gespielt

Von einer solchen wunderbaren, ja zauberhaften Welt träumt Anna Gabrysz schon in ihren Kindertagen. Bereits im Kindergarten steht sie als Aschenputtel auf der Bühne in ihrem Heimatort Kędzierzyn-Koźle in der Nähe von Opole. In der polnischen Stadt mit über 60.000 Einwohnern wächst die Puppenspielerin auf. Im dortigen Kulturhaus heuert sie mit neun Jahren bei einer Laientheatergruppe an. „Weil ich so schüchtern war, haben mich meine Eltern zum Singen, Tanzen und der Bühne geschickt“, sagt sie lachend. Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe zum Proben. Ganz regelmäßig zeigen sie ihre Produktionen auch vor erwachsenem Publikum.

Im Rampenlicht wächst der Wunsch, Schauspielerin zu werden. „Ich habe auch Tiermedizin überlegt, aber dann dachte ich, wenn ich Schauspielerin werde, kann ich alle Berufe spielen“, sagt Anna Gabrysz. Sie bewirbt sich an der Theaterschule in Breslau. 15 Texte zwischen Klassik und Moderne muss sie für den Aufnahmetest vorbereiten inklusive Polka-Tanz. 2.000 Bewerber gibt es auf 20 Plätze. Im zweiten Anlauf schafft die junge Frau den Weg in die Akademie. Um das eine Jahr nach dem Abitur zu überbrücken, besucht sie in Katowice eine private Schauspielschule. Sie bereitet die Absolventen mit Improvisation, Rhythmus, Tanz, Gesang und Spiel auf die Aufnahmeprüfung vor.

Mit allen Sinnen schauen

Im Unterschied zu Deutschland erhalten die Darsteller im Nachbarland sowohl eine Ausbildung für das Schauspiel als auch für das Puppenspiel. „Oft wird auch Schauspiel und Puppentheater kombiniert. Eine meiner Lehrerinnen sagte immer: In einer Inszenierung hast du eine Puppe, weil du selbst nicht fliegen kannst“, sagt Anna Gabrysz.

 Nach viereinhalb Jahren schließt sie ihr Studium auch mit einer Abschlussarbeit über Theater für die Kleinsten ab. „Kinder müssen bereits in den ersten Jahren lernen, mit allen Sinnen zu schauen, sonst lernen sie es vielleicht nicht mehr. Es geht darum, ihre Fantasie zu beflügeln. Für Magie brauchen wir keine Elektrizität“, sagt die Puppenspielerin. Ihre jetzige Produktion richtet sich an Kinder ab zwei Jahre.

Für ihre Schattentheater-Sequenz in ihren „T.Räumen“ benötigt Anna Gabrysz dann doch ein bisschen Strom, um die Figuren auf eine Bühnenseite zu werfen. Jetzt ist das Federbett keine Wolke mehr, sondern ein tosendes Meer, in dessen Mitte sich ein dicker Fisch tummelt. 

„Mit jeder Wand entsteht eine neue Welt. Die Geschichte erzähle ich über Bilder, Musik und Emotionen“, sagt die Wahl-Bautzenerin. Der Zufall hat sie an das Deutsch-Sorbische Volkstheater gebracht. Nachdem ihr Freund eine Stelle als Ingenieur in Deutschland erhielt, hat sich die Polin über das Erasmusprogramm, das den Austausch von Studenten innerhalb Europas fördert, bei unterschiedlichen Theatern für ein Praktika, und vor allem ohne jegliche Deutschkenntnisse, beworben.

Total fokussiert auf die Puppe

Eine Antwort bekommt die Unerschrockene aus Bautzen. Für zwei Monate bleibt sie vor einem Jahr – vorerst. Sie macht zum Beispiel einen Workshop für sorbische Kinder und inszeniert das ABC-Stück, auch schon für die kleinen Theatergänger. Festes Ensemblemitglied ist Anna Gabrysz seit dem Beginn der jüngsten Spielzeit. Zu erleben ist sie unter anderem im „Besuch der alten Dame“, in „Über Lang oder Kurz“, im „Kito husličkar“ oder „Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte“. Den Deutsch-Unterricht haben übrigens die Kollegen in Bautzen mit ihr gemeinsam übernommen.

Genau dieses Miteinander in der Gruppe gefällt dem Neuling am Puppentheater. „In unserer Sparte denkst du immer im Team. Manchmal atmen wir sogar zusammen – und in den Stücken nimmt sich jeder ein bisschen selbst zurück. Dabei sind wir total fokussiert auf die Puppe oder unsere Objekte, denen wir Leben geben“, sagt Anna Gabrysz und holt aus einem Beutel eine Handvoll Konfetti.

Das Federbett ist nun wieder eine Wolke, die losen Papierschnipsel sehen im Lichtkegel aus wie Regentropfen. Die Puppenspielerin greift noch nach dem Schirm. Schließlich will ja niemand im Traum klatschnass werden, geschweige denn aufwachen in dieser wunderbaren Welt der Fantasie.

T.Räume, Premiere am 3. April, 10 Uhr im Bautzener Burgtheater, Karten unter www.theater-bautzen.de