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Trainer Prokop im Fokus

Es ist sein erstes großes Turnier überhaupt und das Ausscheiden der Handball-Nationalmannschaft irgendwie auch seine Schuld. An Rücktritt denkt Bundestrainer Christian Prokop aber nicht.

© Monika Skolimowska/dpa-

Von Tino Meyer, Sveti Martin

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Die Dresdner Eislöwen haben das Sachsenderby bei den Lausitzer Füchsen mit 6:5 (0:2; 3:2; 3:1) gewonnen.

Varazdin/Hamburg. Er müsste jetzt einfach nur nicken, als es um Grund und Zeitpunkt der Nachnominierung von Finn Lemke geht. Die deutschen Handballer hätten dann vermutlich dennoch das letzte Hauptrundenspiel gegen Spanien verloren, der Titelverteidiger wäre also trotzdem noch vor dem Finalwochenende von der Europameisterschaft in Kroatien abgereist.

Nur würde der Rückblick auf das erste große Turnier des Bundestrainers Christian Prokop vielleicht eine andere Wendung nehmen und die Kritik nach dem Ausscheiden der Deutschen nicht ganz so vernichtend ausfallen. Er könnte zumindest weiter als gewiefter Taktiker gelten.

Nun ist das ein bisschen viel Hätte, Wäre, Würde, und die Tatsachen bleiben ohnehin unverrückbar: Prokop, der sich mal geschworen hat, immer ehrlich zu sein und getroffene Entscheidungen möglichst allen möglichst umfassend zu erklären, sagt also, Abwehrchef Lemke einzig nachnominiert zu haben, weil die Defensive mehr Stabilität benötigt. Wirklich geplant, und Prokop schüttelt den Kopf, ist die Personalie vor dem dritten Gruppenspiel nicht. Er korrigiere jetzt aber diesen Fehler.

Nur ist das lediglich die halbe Wahrheit – tatsächlich hat die Mannschaft die Rückkehr Lemkes durchgesetzt –, und die Unterschätzung dessen Bedeutung fürs Team auch nicht Prokops einzige Fehldeutung in den sportlich enttäuschenden und atmosphärisch angespannten EM-Tagen. „Zu viele leichte Fehler“ – was er zum Abschluss beim 27:31 gegen Spanien beobachtet hat, trifft auf ihn ebenfalls zu.

Die Wortführer sagen nichts

Die Nationalmannschaft ist krachend gescheitert, und die Schuld daran liegt zu einem Teil auch beim Bundestrainer. Das fängt bei der Nominierung des Kaders an und endet am Mittwochabend mit der desolaten zweiten Hälfte gegen keinesfalls übermächtige Spanier. Mindestens mitentscheidend dürfte aber gewesen sein, was zwischendurch geschehen ist. Nur will darüber am Tag danach keiner reden.

Die Wortführer, die sich direkt nach der Niederlage mit ihren Aussagen hinter Prokop stellen, verabschieden sich schweigend aus dem Teamhotel in Sveti Martin. Kapitän Uwe Gensheimer, der wohl am weitesten hinter den Erwartungen zurückblieb, lässt sich zumindest missmutig entlocken, dass innerhalb des Teams „noch keine Beschlüsse“ gefasst worden seien.

Prokop betont wiederum: „Die Chemie war nicht so, wie sie des Öfteren nach Außen dargestellt wurde. Wir hatten einen klaren taktischen Plan, und wir hatten innerhalb auch ein stimmiges Verhältnis.“

Die Bilder sprechen Bände. Noch auf dem Spielfeld bildet die Mannschaft nach dem Ausscheiden einen Kreis – und Prokop steht allein an der Trainerbank. Auch die Busfahrt zum Flughafen nach Zagreb findet ohne ihn statt, was den Umständen geschuldet ist. Prokop muss auf einer letzten Pressekonferenz das Ausscheiden erklären, verlässt den Raum dann aber zügig, will offenbar nur noch raus. Schnell zum Flieger, nach Hause in sein gewohntes, geschütztes Umfeld, zur Familie. Zurück in den Mikrokosmus Leipzig – sagen die Kritiker.

Vielleicht wird in solche Szenen generell zu viel hineingedeutet, wie auch beim öffentlichen Mithören in den Auszeiten. Prokop hat da wirklich „Scheiße“ gesagt und dass sich die dänischen Spieler angesichts des Rückstands gegen Deutschland „einkacken“. Überhaupt wird jedes Wort, jeder Schritt Prokops bei seinem ersten internationalen Turnier mit Skepsis verfolgt und argwöhnisch interpretiert. Das spürt der 39-Jährige – und wird noch angespannter, als er es ohnehin schon ist. Immer bedacht, nur nichts Falsches zu machen.

Intern tritt er nach SZ-Informationen dagegen anders auf, selbstsicher, keine Widerrede duldend – was für die Spieler nicht minder verstörend ist. Dass irgendetwas nicht stimmt zwischen Trainer und Teilen der Mannschaft, wird im Laufe der EM jedenfalls offenkundig. Der größte Vorwurf: Prokop hat dieser Mannschaft – bestehend aus gestandenen, international erfahrenen Spielern – sein taktisches Konzept übergestülpt. Doch was in der Bundesliga mit dem SC DHfK Leipzig funktioniert, bei dem Prokop drei Jahre beinahe durchgängig Erfolg hat, lässt sich nicht identisch auf internationales Niveau übertragen. Die eigenen Spielertypen sind andere, die Gegenspieler bessere. Die schmerzvolle Erfahrung müssen auch die Leipziger Neu-Nationalspieler Bastian Roscheck, Philipp Weber und Maximilian Janke machen.

Prokop, als Tüftler und Perfektionist gepriesen, stürzt sich beim ausbleibenden Erfolg noch mehr in die Arbeit, gefangen von seinen Vorstellungen und der Taktiktafel. Darauf zieht er sich immer wieder zurück, am weißen Brett mit den roten und blauen Magneten kann er sich festhalten, es gibt ihm Sicherheit. Nur verstellt es ihm wahrscheinlich mitunter den Blick auf die Spieler und ihre Bedürfnisse.

All das wird auch Inhalt der bevorstehenden Aufarbeitung sein, die Bob Hanning ankündigt. Vier bis sechs Wochen fordert der omnipräsente Vizepräsident Leistungssport im deutschen Handballbund dafür ein. Nach dem Achtelfinal-Aus bei der WM vor ziemlich genau einem Jahr habe man auf so eine Analyse verzichtet, weil klar war, dass Erfolgstrainer Dagur Sigurdsson den Verband verlässt. Diesmal aber soll und muss geredet werden: „Sehr ernst, sehr ehrlich und hart“, meint Hanning.

Es bleibt Raum für Spekulationen

Ob dann auch – wie es bereits bei den Nachrichtenagenturen zu lesen ist – über Prokops vorzeitigen Abschied diskutiert wird? Eher nicht, auch wenn Hanning mit einem halbherzigen Treueschwur einmal mehr Raum für Spekulationen lässt. Prokop, der einen Vertrag bis 2022 besitzt, schließt seinen Rücktritt aber kategorisch aus.

Die Frage danach ist die erste bei der Abschlusspressekonferenz am Donnerstagmorgen. Und zum ersten Mal in den EM-Tagen sieht man Prokop bei einem Medientermin die Mundwinkel nach oben verziehen. Es ist ein mildes, fast abschätziges Lächeln. Die Frage hat er erwartet.

„Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken, weil ich auch Großes vorhabe. Ich habe gesagt, dass ich Erfahrungen sammeln konnte, wenn auch viel negative. Daraus gilt es die richtigen Schlüsse zu ziehen und zu lernen“, betont Prokop ruhig, taktisch durchdacht.

Dann aber legt er los, scheinbar frei von allen Zwängen, wenn auch eine kurze Sequenz nur: „Bei allem Respekt, auch die Zeitungen, die hier sitzen, haben mich als Messias und Julian Nagelsmann des Handballs betitelt. Und jetzt denke ich an Rücktritt? Wir sollten schon realistisch bleiben.“ Naheliegend ist stattdessen, dass einzelne Nationalspieler zurücktreten oder künftig nicht mehr nominiert werden.

Am Ende stehen zwei Erkenntnisse: Es ist beileibe nicht alles schlecht im Nationalteam, das bei der EM die zweitbeste Abwehr stellt. Und immer ehrlich zu sein, ist nicht so einfach, erst recht im öffentlichen Amt als Bundestrainer.