Merken

Trauer tragen und Fahnen schwenken

Erstmals demonstrieren Pegida-Anhänger in Dresden und Leipzig parallel. Stolz auf sich selbst und sauer auf Roland Kaiser.

© dpa

Trauerflor sollen sie tragen und Fahnen schwenken. Auch wenn das so richtig nicht zusammenzupassen scheint, viele Anhänger tun, wozu die Pegida-Organisatoren im Internet aufgerufen haben.

Schon seit Wochen flattert montags reichlich schwarz-rot-gelb im Abendwind, wenn der islamkritische Verein zum Spaziergang ruft. Gestern, zur 12. Kundgebung, haben besonders viele Anhänger ihr Fähnlein mitgebracht. Alle neuen Bundesländer sind vertreten. Dazwischen Plakate mit Sätzen wie „Quo vadis – wohin gehst du Deutschland?“ oder „Wir sind der Aufstand der Anständigen“. In den Gesprächen der Grüppchen und auch am Mikrofon fällt immer wieder der Begriff von den „Etablierten“. Gemeint sind Regierende im Bund und in den Ländern. Werden sie aufs Korn genommen, ist der Beifall der Massen besonders heftig. Mitorganisatorin Kathrin Oertel ruft in die Menge, man wolle montags so lange demonstrieren, „bis wir in Berlin wieder würdig vertreten werden“. Einige Männer mit Dynamo-Mütze rufen der Aktivistin mit den blonden Haaren etwas hämisch „Pegida-Frida“ zu.

Anzeige Teppich Schmidt
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
Sieben Wohnwelten – ein Geschäft

Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Mit einer Schweigeminute gedenken die Teilnehmer an diesem Abend der Opfer der Pariser Terroranschläge. Paris sei „ein Beweis für die Daseinsberechtigung von Pegida“, verkündet Wortführer Lutz Bachmann, um im Anschluss ein Resümee der bisherigen Spaziergänge zu ziehen. Man habe „eine Menge Staub aufgewirbelt“, sagt er. Man sei Thema in „Weihnachtsansprachen“ und in allen Medien, weltweit, ruft er stolz, während mehrere Dutzend TV-Kameras auf ihn gerichtet sind. Viele Sender sind mit Übertragungswagen vor Ort. Entsprechend gemäßigter fällt inzwischen Bachmanns Medienschelte aus. Stattdessen rühmt er seinen Verein: Noch nie seit 1989 seien wieder so viele Menschen spontan und aus eigenem Antrieb auf die Straße gegangen wie mit Pegida.

Bachmann formuliert sechs politische Forderungen. Er verlangt ein Zuwanderungsgesetz, in dem die „qualitative Zuwanderung“ geregelt und die „quantitative Zuwanderung“ gestoppt werde. Zuwanderer hätten zweitens das Recht aber auch die Pflicht zur Integration. Islamisten und religiöse Fanatiker sollten konsequent ausgewiesen werden. Es folgen innen- und außenpolitische Forderungen. Den meisten Beifall erhält er, als er direkte Demokratie auf Bundesebene in Form von Volksentscheiden verlangt. Zudem spricht er sich gegen die seiner Meinung nach russlandfeindliche Politik und für eine friedliche EU aus. Bachmanns Offerte an die etwa 1600 eingesetzten Polizisten: Mehr Mittel für die innere Sicherheit, Stopp mit dem Stellenabbau bei der Polizei.

Schweigend ziehen die Pegida-Anhänger anschließend durch die Stadt. Vergeblich versuchen Grüppchen von Gegendemonstranten, den Zug aufzuhalten. Am Karstadt-Kaufhaus kommt es zu einer Sitzblockade. An der spaziert Pegida vorbei.

Erstmals tritt zeitgleich in Leipzig der Ableger Legida auf. Mehrere Tausend Anhänger marschierten mit „Wir sind das Volk“-Sprechchören und Deutschland-Fahnen durch das gespenstisch wirkende Waldstraßenviertel – umringt von einer Phalanx von Gegnern in den Nebenstraßen. Auf dem nahen Waldplatz spricht Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) auf einer Gegenkundgebung mit mehr als 30 000 Menschen, die sich an diesem Abend gegen Legida stellen. Ihr Motto: „Willkommen in Leipzig – eine weltoffene Stadt der Vielfalt.“ Jung ruft in die Menge: „Es kann nicht sein, dass sich einige auf 89 beziehen – aber eine neue Mauer aufbauen und Menschen ausgrenzen wollen.“ Vor der Legida-Kundgebung am Stadion von RB Leipzig gibt es immer wieder Handgemenge zwischen der Antifa und Legida-Anhängern. Die Polizei muss vereinzelt Reizgas einsetzen, um die Gruppen zu trennen. Das Stadion und die Arena sind verdunkelt, Anwohner des Viertels haben das Licht ausgeschaltet. Aus Wohnzimmerfenstern schallt laut Musik, darunter Beethovens Europahymne „Ode an die Freude“. Beim Friedensgebet in der überfüllten Nikolaikirche singt Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel: „Kein Mensch ist illegal.“ Ein Netzwerk hatte sieben Gegendemos auf verschiedenen Routen und Kundgebungen rings um die Legida-Bühne organisiert. Kirchen, Parteien, Wohlfahrts- und Wirtschaftsverbände, Kultureinrichtungen, Studenten, Vereine hatten dazu aufgerufen.

Weiterführende Artikel

Pegida funktioniert nur in Dresden

Pegida funktioniert nur in Dresden

Während hier wieder 25 000 marschieren, sind in Leipzig und anderswo Gegendemonstranten klar in der Überzahl.

In Dresden muss an diesem Abend vor allem einer Federn lassen: Roland Kaiser. „Persönlich tief enttäuscht“ sei sie von dem Sänger, ruft Kathrin Oertel. Kaiser hatte sich am Sonnabend an der Dresdner Frauenkirche für eine weltoffene Gesellschaft engagiert. Nun hat er einige Fans weniger, aber das kann er verkraften, so vernarrt, wie man an der Elbe in ihn ist. (SZ)