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Traumpaar oder Zweckgemeinschaft?

Julian Nagelsmann unterliegt in Leipzig seinem künftigen Chef. Die Beziehung der beiden könnte eine spannende werden.

© Jan Huebner

Von Daniel Klein

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Ganz am Ende kommt sie doch noch, die Frage nach der Befindlichkeit. Es ist der erste Auftritt von Julian Nagelsmann in Leipzig seitdem bekannt ist, dass er ab 1. Juli neuer Cheftrainer der Rasenballer wird. Da interessiert jede Geste, jede Reaktion, jede Meinung. Ob er einen Moment darüber nachgedacht habe, dass dies hier sein künftiger Arbeitsplatz sein wird, will eine Journalistin wissen. „Ich glaube, es ist ganz menschlich, wenn man in Leipzig landet, dass man da einen Gedanken dran verschwendet“, antwortet Nagelsmann knapp und fügt nach einer kurzen Pause an: „Ich war heute aber mit Leib und Seele Hoffenheimer Trainer, keine Angst.“

Man sieht ihm an, dass das Thema keines ist, über das er gerne spricht. Zumal nach einem Spiel, das er gerade 0:2 verloren hat, wodurch der 31-Jährige weiter auf sein erstes Achtelfinale im DFB-Pokal warten muss. Ausgeschieden ist er noch dazu gegen seinen baldigen Chef, wobei Nagelsmann dieser Rollenverteilung kürzlich widersprochen hatte. Sein künftiger Chef sei Oliver Mintzlaff, stellte er klar, also der Geschäftsführer, nicht der Sportdirektor. Eine flapsige Äußerung? Oder aber eine mit Kalkül?

Spannend wird das Verhältnis der beiden auf jeden Fall, vor allem, weil sie sich trotz des Altersunterschiedes so sehr ähneln. Wer Nagelsmann bei seiner Spielanalyse zuhört, fühlt sich an einen Rangnick erinnert, der sich einst mit seinen Taktikäußerungen den Spitznamen Professor eingehandelt hatte. Beim kommenden Mann auf dem RB-Trainerstuhl fallen am Mittwochabend Begriffe wie Querbälle, Durchbrüche, Anschlussverhalten, abkappen, aufziehen und ballferne Acht. Das flutscht ihm einfach so raus, er macht das nicht, um sich von seinen Kollegen abzuheben. Seine Wortwahl verdeutlicht aber eines: Da lebt einer den Fußball mit jeder Faser, da tüftelt einer minutiös an den Systemen und Aufstellungen. Da kann einer stundenlang über die Vor- und Nachteile einer Dreierabwehrkette diskutieren.

Genau deshalb wollte ihn Rangnick unbedingt haben. „Wir kriegen einen der interessantesten und spannendsten Trainer in Europa“, lobte der Platzhalter seinen Nachfolger – und damit auch ein bisschen sich selbst. „Er ist jetzt schon extrem weit. Ich sehe bei ihm keine Grenzen.“ Die Frage ist nur, ob Nagelsmann es aushält, unter einem allmächtigen Sportdirektor mit umfangreicher Trainervita zu arbeiten. Der Aufstieg der TSG Hoffenheim bis in die Champions League wird einzig und allein dem jüngsten Trainer der Bundesliga-Geschichte zugeschrieben. In Leipzig könnte das anders werden. Als Ralph Hasenhüttl den Aufsteiger zur Vizemeisterschaft führte, wurde dieser Erfolg immer auch mit Rangnick in Verbindung gebracht, der nicht nur den Kader zusammengestellt hatte, sondern bei RB fast alles kontrolliert. Kann vor diesem Hintergrund aus Rangnick/Nagelsmann ein Traumpaar werden?

Die erste Bewährungsprobe haben beide, noch getrennt, gemeistert. Der so früh wie noch nie in der Bundesligageschichte bekannt gegebene Wechsel hatte für viel Kritik gesorgt. Doch der Plan scheint aufzugehen. Weder in Hoffenheim noch in Leipzig gibt es eine zermürbende Diskussion über die Zukunft des Trainers. Und erfolgreich sind Rangnick wie Nagelsmann auch, selbst wenn der momentan achte Platz der TSG noch ein Stück weit entfernt ist vom erklärten Ziel, den Dauermeister FC Bayern ernsthaft ärgern zu wollen. Die durchwachsenen Ergebnisse lassen sich jedoch mit den Verletzungen gleich mehrerer Leistungsträger erklären.

Und bei den Leipzigern läuft es nach einem holprigen Start inzwischen rekordverdächtig gut. Seit wettbewerbsübergreifend fünf Spielen kassierte RB kein Gegentor mehr. Und nach der Pause sah Rangnick am Mittwoch sogar „die bisher beste Leistung in dieser Saison“. Nagelsmann konnte sich darüber noch nicht freuen.