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Traumschloss für Radler

© Ralf Seegers für Tex-Lock

Ein Leipziger Start-up hat ein Schloss aus Textilien entwickelt: sicher wie eine Stahlkette, nur flexibler, leichter, schöner.

Von Sven Heitkamp

Fahrradschlösser sind weder schön noch handlich, sie klappern und haben mehrere Kilo Kampfgewicht. Alexandra Baum hat das schon lange genervt. Während die Produktdesignerin mit ihrem Rad in Leipzig unterwegs war, beschloss sie deshalb, neben Auftragsentwicklungen für Kunden ein eigenes Produkt zu gestalten: Ein Fahrradschloss aus Textilien, das leicht, flexibel und sicher ist – und dabei auch noch gut aussieht. Ihre Idee ist mittlerweile marktreif, heißt Tex-Lock und schreibt eine sächsische Start-up-Erfolgsgeschichte: Schon mit dem offiziellen Verkaufsstart Anfang März waren die ersten 8 000 Tex-Lock-Schlösser verkauft. Angepeilter Jahresumsatz für 2018: zwei Millionen Euro.

Herzstück des Schlosses ist ein Textilseil aus industriellen Hochleistungsfasern. An den Enden stecken zwei unterschiedlich große, beschichtete Metallösen, die per Bügelschloss verbunden werden. So ist das Tex-Lock ein flexibles Leichtgewicht: Ein Meter Seil bringt keine 500 Gramm auf die Waage.

Zunächst gibt es das Tex-Lock in vier Farbkombinationen und in drei Längen mit 80, 120 und 160 Zentimetern. Weitere Variationen sind geplant. Preis je nach Länge: 110 bis 130 Euro. „Wir bieten ein hochwertiges Produkt und kein Massenerzeugnis“, sagt Alexandra Baum. „Und es ist made in Germany.“ Zum Team gehören mittlerweile ein Dutzend Kollegen.

Hightech-Taue aus dem Fränkischen

Montiert wird das Tex-Lock von einer Handvoll Mitarbeiter in einer kleinen Manufaktur im „Westwerk“ – eine alte Industriekathedrale in Leipzig-Plagwitz, heute Kunstquartier und Gewerbehof. In einem kleinen Produktionsraum stehen zwischen grauen Stahlträgern zwei Werkbänke mit Spezialwerkzeug. Dort werden die Hightech-Taue von dicken Rollen zurechtgeschnitten und zu einem fertigen Schloss zusammengefügt. Die technische Innovation ist dabei kein Zauberwerk: „Wir benutzen handelsübliche Materialien“, sagt Alexandra Baum. „Aber diese Zusammenstellung von Fasern und Lagen hat vor uns noch keiner so gemacht.“

Die Entwicklung wird gerade patentiert. Geliefert werden die Seile von einem Produzenten im Fränkischen, der vor allem textile Ummantelungen für Kabelbäume der Automobilindustrie flicht und früh in die Leipziger Entwicklung eingebunden war. Im Zusammenspiel erfüllen die unterschiedlichen Lagen mehrere Funktionen wie hohe Schnitt-, Feuer- und Zugfestigkeit. Den Anspruch, unkaputtbar zu sein, erhebt Tex-Lock aber ausdrücklich nicht. „Das Tex-Lock ist zwar mindestens so sicher wie eine gute Stahlkette“, sagt Alexandra Baum. Aber mehr Sicherheit zu versprechen, sei unseriös. „Jedes Schloss kann man letztlich zerstören.“

Dass sie irgendwas mit Nähen machen will, weiß die Firmengründerin aus Gotha schon als Mädchen. Fahrradschloss-Erfinderin wird sie erst im Laufe der Jahre: Sie studiert Modedesign in Hamburg, interessiert sich für neue ökologische Textilien und forscht dazu anderthalb Jahre an der Hochschule Hannover. Dann gründet sie in Thüringen ihr Design- und Entwicklungsbüro Novanex und zieht 2012 nach Leipzig. Ihr Spezialgebiet: Produktentwicklung mit technischen Textilien.

Ende 2013 reift die Idee zu ihrem eigenen Traumschloss: „Ich war genervt von meinen Faltschloss – und es war Zeit, etwas Eigenes zu probieren“, erzählt sie. Sie weiht ihre Kollegin und Mitgründerin Suse Brand ein. Es folgen eine Machbarkeitsstudie an der Hochschule Hof, ab 2015 das Exist-Gründerstipendium des Bundes und anschließend das Technologie-Gründerstipendium der Sächsischen Aufbaubank. Bald steigt auch die Sächsische Beteiligungsgesellschaft ins Unternehmen ein.

Modeaspekt beim Fahrrad

Eine Crowdfunding-Aktion bei Kickstarter Anfang 2017 bringt den Durchbruch: Die ersten 2 200 Schlösser werden reserviert. Dank einem Pre-Order-Shop gehen sogar mehr als 6 000 Vorbestellungen ein. „So kamen fast 700 000 Euro zusammen, mit denen wir die Produktion ankurbeln konnten“, erzählt Baum. Lohn der Arbeit sind zudem namhafte Preise wie der Techtextil-Innovation-Award 2017 und der IQ Innovationspreis der Stadt Leipzig, der Outdoor-Industrie-Award und der German Design Award 2018. Mit dem Start des Onlineshops und dem Verkauf im stationären Handel seit März klettern die Verkaufszahlen weiter. Derzeit gibt es Tex-Lock bei mehr als 120 Händlern, unter anderem bei Bike Point und Meißner Räder in Dresden. Dieses Jahr sollen 25 000 Schlösser verkauft werden. „Radfahren ist Teil des Lifestyle geworden“, sagt Alexandra Baum. „Der Modeaspekt spielt beim Fahrrad eine immer größere Rolle.“

Die 42-Jährige ist aber nicht der Typ, der bis zur Rente Schlösser verkauft. Ihr Team hat noch einiges vor. „Die Technologie ist auch in anderen Branchen und in der Industrie vielseitig verwendbar“, sagt sie. Auch der Einsatz von Elektronik etwa für Datenübertragungen und GPS sei denkbar. „Aber jetzt werden wir uns erst mal konsolidieren – bevor wir neue Pläne umsetzen.“