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Döbeln

Treffen der Generationen

Die Abteilung Boxen des Roßweiner SV feiert am Sonnabend ihren 70. Gründungtag. Horst Merkel ist von Anfang an dabei. Noch heute unterstützt er Abteilungsleiter Tobias Hinke.

Zwei Generationen Roßweiner Boxfunktionäre: Der heutige Abteilungsleiter Tobias Hinke (links) und Horst Merkel, der die Abteilung vor 70 Jahren als 17-Jähriger mit gründete.
Zwei Generationen Roßweiner Boxfunktionäre: Der heutige Abteilungsleiter Tobias Hinke (links) und Horst Merkel, der die Abteilung vor 70 Jahren als 17-Jähriger mit gründete. © Dirk Westphal

Roßwein. Stühle werden gerückt, Bänke aufgestellt und Tische. Außerdem der Ring im Roßweiner Sporthaus Stadtbadstraße aufgebaut. Die Mitglieder der Abteilung Boxen packen an. Der Nachwuchs ebenso wie die älteren Sportler. Murren ist nicht zu vernehmen. Alle sind fleißig, denn am Sonnabend wollen sie gemeinsam mit zahlreichen ehemaligen Boxern der Muldenstadt und vielen Ehrengästen feiern. Bei einem Treffen der Generationen, denn es jährt sich zum 70. Mal der Gründungstag der Abteilung Boxen des Roßweiner SV.

Immer wieder schaut der heutige Abteilungsleiter Tobias Hinke, ob alles an den richtigen Platz kommt, alles seine Ordnung hat. Aber auch Horst Merkel, der das Amt viele Jahre innehatte und früher lange Jahre auch TZ-Trainer war, hält es nicht auf dem Stuhl. Der 87-Jährige bringt sich ein und kontrolliert, ob alles klappt. Mit all seiner Erfahrung. Und die besitzt er zweifellos, hat er doch mit 17 im Jahr 1949 die Abteilung im Kaffee Möbius mit gegründet.

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Damals hatte der rüstige Ruheständler allerdings noch keine Funktion inne, sondern boxte aktiv. „Erster Trainer war Walter Kobes. Neun Mann waren wir damals und durften dann montags in der Schulturnhalle trainieren“, erinnert sich Merkel und fügt an: „Plötzlich waren da aber 35 Mann da. Da habe ich doch gestaunt und war begeistert.“ Auch weil Boxen bis dahin in Deutschland verboten war und erst 1949 von den vier Siegermächten wieder erlaubt wurde. Den Grund für den Andrang sah Merkel vor allem in der Tatsache, dass viele Männer aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten und dort das Boxen gelernt hatten.

Horst Merkel selbst absolvierte insgesamt 126 Kämpfe für Motor Roßwein und wechselte dann in den Funktionärsbereich, in dem er bis 2010 lange Jahre den Vorsitz der Abteilung innehatte. Nachdem Steve Hengst von ihm für zwei Jahre den Staffelstab übernahm, fungiert ab dem Jahr 2012 Tobias Hinke als Abteilungschef. „In den schweren Nachkriegszeiten den Sport überhaupt so auf die Beine zu stellen, das ist schon eine riesige Leistung, die aus heutiger Sicht nicht hoch genug zu einzuschätzen ist“, würdigt Hinke die Pionierarbeit von den Männern der ersten Stunde und auch Merkels. „Und dann über die vielen Jahre über die Hochs und Tiefs durchzuhalten, wie Horst, da muss man schon den Hut ziehen.“

Hinke selbst kam im Jahr 2007 eher zufällig zum Boxen. Begonnen hatte er als Beitragskassierer in der Gymnastikgruppe. Als Steve Hengst ihn fragte, ob er mal beim Ringaufaufbau mithelfe, fing Hinke Feuer, wurde Trainer und blieb dabei. „Er gibt sich ganz große Mühe und hat viel gelernt in der Zeit, in der er es macht“, lobt Merkel den Abteilungsleiter, gibt aber auch zu: „Klar kommen wir uns auch mal in die Haare, aber das ist schnell vergessen und wird nicht an die große Glocke gehängt.“ Allerdings gibt er seinem Nachfolger den Rat, nicht zuviel zu machen. Das sei zwar gut, aber er müsse auch lernen, Aufgaben zu delegieren. „Das hat man gerade beim Aufbau für die Festveranstaltung wieder gesehen“, sagt Merkel.

Einig sind sich beide Generationen, dass es immer schwieriger wird, das Boxen am Leben zu erhalten. Trotz aller Erfolge auch in den vergangenen Jahrzehnten bis hin zu Deutschen Meistertiteln im Nachwuchsbereich von Julian Finster oder Emily Mauermann. „Wir haben nicht mehr so viele Kinder und Jugendliche in Roßwein“, erklärt Hinke. Und eigentlich hätte niemand Zeit, die Werbetrommel zu rühren, wie es in der 1990ern Dieter Kormann getan und zahlreiche Kindern rekrutiert hätte. „Man müsste wieder mehr mit den Schulen zusammenarbeiten, aber wer soll das machen“, sagt Merkel und fügt an: „Die Zeiten für das Boxen sind einfach schwerer geworden.“

Gern denkt Horst Merkel an frühere Zeiten zurück, in denen die Roßweiner Staffel unter Trainer Erich Winkler in der 2. DDR-Liga geboxt und viele große Veranstaltungen durchgeführt hätte. Damals kamen bei Horst Merkel auch sowjetische Sportler aus der Leisniger Garnision zum Einsatz. „Das waren acht Boxer, einer besser als der andere“, schwärmt er und erinnert sich auch an Kämpfe in Düsseldorf oder Duisburg vor dem Mauerbau.

Später wurde es etwas ruhiger im Boxsport der Muldenstadt. Weil keine Leute mehr da waren. Allerdings hätte die Abteilung immer weiter existiert bis heute, wo mittlerweile seit einigen Jahren eng mit dem BC Döbeln zusammengearbeitet würde. „Als wir angefangen haben, hätte es das nie gegeben. Da waren wir die krassesten Gegner“, erinnert sich Merkel. Durch ein gemeinsames Training sei das Boxteam Döbeln/Roßwein entstanden, um aufgrund der immer weniger werdenden Boxer diese Sportart in der Region am Leben zu erhalten.

Und so ist es ein Wunsch der beiden Funktionäre, dass künftig wieder mehr Kinder und Jugendliche den Weg in den Ring finden. Damit sich bei künftigen Jubiläen ähnlich viele ehemalige Faustkämpfer im Roßweiner Sporthaus einfinden. Wie am heutigen Abend bei einigen Sparringskämpfen und einem gemeinsamen Zusammensein mit Feierstunde.