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Treibt es die Kunstkommission Dresdens zu bunt?

© Sven Ellger

Die Kunstkommission Dresdens schmückt das barocke Zentrum der Stadt gern mit Zeitgenössischem. Das gefällt nicht jedem.

Von Birgit Grimm

Von fliegenden Untertassen hat man schon gehört. Gesehen haben sie wohl nur Eingeweihte. Fliegende Bratpfannen und Töpfe dagegen hätten einen Künstler oder einen der Handwerker tatsächlich treffen können, die in den vergangenen Tagen auf dem Dresdner Neumarkt das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ aufbauten. Zum Glück wurde niemand verletzt.

2016 ließen sich die „Wölfe“ von Rainer Opalka auf dem Neumarkt nieder. © Sven Elger
Im Februar stellte Manaf Halbouni drei Busse hochkant vor die Frauenkirche. © René Meinig
Nun steht das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ in Dresden. © Sven Ellger

Davon abgesehen, dass die Werfer in Kauf nehmen, Menschen zu verletzen, fragt man sich zum einen, was an diesem Kunstwerk sie denn schon wieder so aufregt? Dass es für zwei Jahre auf dem pseudobarocken Neumarkt steht? Die Nähe zur Frauenkirche? Die Bezugnahme auf Dresdens Geschichte? Dass die ausführenden Künstler Heike Mutter und Ulrich Genth aus Hamburg kommen? Oder weil manche es als Provokation empfinden, dass es nach dem heftig diskutierten Bus-Monument von Manaf Halbouni nun nahtlos weitergeht mit moderner Kunst auf Dresdens prominentestem Platz?

Um öffentliche Straßen, Plätze, Grünanlagen und Bauten zu gestalten, hat die Stadt Dresden eine Kunstkommission installiert und in einer Richtlinie von 1994, die zuletzt 2002 überarbeitet wurde, festgelegt, dass aus dem Stadthaushalt jährlich mindestens ein Prozent der Hochbausumme für Kunst im öffentlichen Raum bereitgestellt werden kann. Der Kommission gehören drei Stadträtinnen, zwei Vertreter des Kulturamtes, je ein Vertreter des Stadtentwicklungs- und des Wirtschaftsamtes, drei Künstlerinnen, zwei Architekten und ein Kunstsachverständiger an. Sie werden vom Oberbürgermeister berufen und beraten aller zwei Monate. Wer derzeit den Vorsitz innehat, geht aus der Website der Stadt nicht hervor. Erst auf wiederholte Nachfragen fand das Presseamt schließlich heraus, dass es die Künstlerin Barbara Wille sei, Professorin an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.

Ziele der Richtlinie sind „die Verbesserung der städtischen Umwelt, die Ausprägung der urbanen Identität der Stadt und der Eigenart der Stadtteile“. Bürger werden nicht befragt, wie das zum Beispiel in Chemnitz der Fall war. Die „Stadt der Moderne“ hat keine Kunstkommission, auch sind keine festen Beträge im Haushalt eingeplant. Der Stadtrat entscheidet nach Vorlage des Stadtentwicklungsamtes – zum Beispiel über einen künstlerisch gestalteten Brunnen. Als Kunstprojekt gilt dort auch eine Lichtinstallation in einem Fußgängertunnel, durch den die Chemnitzer angstfrei gehen sollen. Proteste gab es nicht. Im Gegenteil, die Einwohner dachten mit, lieferten Gestaltungsideen.

Regt sich eigentlich in Riesa noch jemand über die monumentale „Elbquelle“ von Jörg Immendorff auf?

Leipzig präsentiert an prominenter Stelle Wandmalereien von Michael Fischer-Art. Doch das waren einst private Gelder, die an privaten Gebäuden vermalt wurden. „Wir hätten gern mehr zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum, hatten dafür bisher keine Handhabe“, sagt Ansgar Scholz vom Kulturdezernat. „Das wird sich ändern.“ Ein Sachverständigenforum berät die Stadt. An Schulen und Kitas soll Kunst am Bau entstehen. Außerdem läuft ein Wettbewerb für die Gestaltung des Herzliyaplatzes, der nach Leipzigs israelischer Partnerstadt benannt ist.

Zurück nach Dresden. Das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ sei schon seit 2011 in Planung, sagte Kulturamtsleiter Manfred Wiemer vor einer Woche, als der Aufbau begann. 2011 gab es ein Symposium über Kunst im öffentlichen Raum. Künstler waren aufgefordert, Projekte einzureichen. Man entschied sich für die Arbeit des Hamburger Duos. Pegida war nicht in Sicht und die „Wölfe“ von Rainer Opalka nicht im Anmarsch. Und schon gar nicht wusste man, dass Manaf Halbouni im Februar 2017 eine Straßensperre, wie sie im syrischen Bürgerkrieg in Aleppo stand, in Dresden errichten würde. Das kann man schlechte Planung nennen oder unkoordiniert. Falls all das jedoch der Beweis dafür sein soll, dass das barocke Dresden im Zentrum zeitgenössische Gegengewichte braucht, dann wirkt es nur überladen.

Kulturamtsleiter Manfred Wiemer schreibt auf der Dresden-Website: „Das Selbstverständnis unserer Stadt wird bewegt von Tradition und Innovation, von Tempo und Innehalten, von Natur und Kunst, von Bodenständigem und Fremden, von Visionärem und Machbarem, Anspruch und Hybris. Kunst im öffentlichen Raum kann diese Gegensätze nicht auflösen, immerhin aber zur Sprache bringen.“

Zahlreiche Kunstwerke entstanden, Projekte wurden gefördert. Erinnern wir uns an die Wasserkunstaktionen „Mnemosyne“, die die Künstlerinnen der Dresdner Sezession 89 entwickelten. Denken wir an das „Palaverhaus“ von Georg Karl Pfahler, das seit 1998 an der Dresdner Albertbrücke steht. Oder wandern wir doch mal wieder durch die Dresdner Heide. Olaf Holzapfel, aktuell Teilnehmer an der Weltkunstausstellung documenta in Athen, stellte sein Holzobjekt „Drei Brücken“ in den Wald. Manfred Wiemer meint: „Vieles darf auf Anhieb als gelungen gelten, manches wird sich noch entfalten, manches wird (vielleicht) in Vergessenheit geraten. Noch nie war das anders.“

Stimmt auffallend, und gilt nicht nur für Dresden. Auch in der documenta-Stadt Kassel bewegt Kunst im öffentlichen Raum die Bürger – aber ein wenig anders als in Dresden. Als Joseph Beuys 1982 begann, 7 000 Eichen zu pflanzen und neben jedes Bäumchen eine Basaltsäule zu setzen, halfen ihm die Bürger. Das dauerte fünf Jahre. Freiwillige sorgten dafür, dass die Eichen anwachsen. Und sie pflanzten weiter, nachdem Beuys 1986 gestorben war. Heute ist Kassel stolz auf seine 7 000 Eichen.