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Trick 17

Die Produktionen aus dem Dresdner Defa-Studio für Trickfilme waren schon zu DDR-Zeitenweltweit begehrt. Jetzt lagern diese Schätze im Deutschen Institut für Animationsfilm.

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Von Jörg Schurig

Elf Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit – das Klima im Archiv des Deutschen Institutes für Animationsfilm (DIAF) in Dresden wirkt auf den ersten Blick kühl. Hier lagern unter konservatorisch guten Bedingungen rund 2000 Filmkopien, Requisiten, Entwürfe und Puppen, von denen viele in Ostdeutschland Kultstatus besaßen. Zum Beispiel Teddy Brumm und der legendäre Theo, der Mann für alle Fälle im Arbeitsschutz, sowie viele Märchenfiguren, die auch im Abendgruß des Sandmännchens Karriere machten.

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Mehr als 20 Jahre danach fristen viele der damaligen Bildschirm-Helden ein museales Dasein. Das 1993 gegründete DIAF hat ihnen im Keller der Technischen Sammlungen Dresden Obdach gewährt. Weiter oben widmen sich eine Dauer- und Sonderausstellungen den DDR-Hinterlassenschaften des Animationsfilms sowie anderen ausgewählten Themen. Derzeit ist jede Menge Knete zu sehen – eine internationale Schau zur zeitgenössischen Kunst der Knetanimation. Doch der Fokus reicht weiter. Seine zentrale Aufgabe sieht das Institut in der Pflege und Förderung des deutschen Animationsfilmes – in Ost und West.

Inzwischen landen immer mehr Nachlässe aus dem Westen in Dresden. Selbst ein Werbefilm der West-CDU aus den 1950er Jahren ist im Bestand. Kürzlich erhielt das Institut etwa 500 Originalzeichnungen aus Filmen von Andreas Hykade – mehrfacher Gewinner des Deutschen Kurzfilmpreises. Der Hauptteil stammt jedoch aus dem früheren Defa-Studio für Trickfilme Dresden. „Die Geschlossenheit der Sammlung macht sie einmalig“, sagt Mitarbeiterin Ines Seifert. Oben in der Ausstellung hat sie ältere Besucher mit ihren Enkeln beobachtet. Ein Rundgang durch die Exposition gerät zur Zeitreise. Mit dem Sandmann oder dem Gesundheitsmännchen Kundi wurden im Osten Generationen groß.

Hollywood des Trickfilms

„Wir möchten hier kein Defa-Mausoleum errichten“, stellt DIAF-Geschäftsführer André Eckardt klar und verweist auf eine geplante Ausstellung zum Zeichentrickfilm in den 1930er- und 1940er-Jahren. Für das kürzlich in Stuttgart gelaufene Internationale Trickfilm-Festival hat das Institut Material von Filmemachern geliefert. Früher galt München als Zentrum des westdeutschen Animationsfilmes. Heute sieht Eckardt im Dreieck Berlin/Potsdam, Hamburg und Stuttgart das deutsche Hollywood für diese Sparte. Dresden stellt quasi das Archiv.

Dass wirklich noch Streifen jenseits der reinen Computeranimation entstehen, mag erstaunen. Aber tatsächlich verlassen jährlich einige Hundert Filme in klassischen Tricktechniken die Studios, die allerdings nur wenig mit den Großen der Branche gemeinsam haben. Beim Trickfilm ist das Filmset mitunter nur einen Quadratmeter groß. Dort werden Figuren in Hunderten Einstellungen abgefilmt und avancieren so zu bewegten Darstellern. Für Ines Seifert macht gerade das den Reiz des animierten Filmes aus. „Da sieht man an der Kleidung jede Naht und jede Stofffaser-“ Eckardt nimmt in der Branche eine Rückbesinnung wahr. Während in den 1990er-Jahren die reine Computeranimation als Modell für die Zukunft galt, kommt es heute zu Mischformen.

Manche Regisseure bauen ihre Figuren zunächst im Original, um ihnen dann am PC digital Leben einzuhauchen. „Die wollen die Puppen erstmal in der Hand haben, wissen, wie sie von hinten aussehen, bevor es an die 3-D-Animation geht“, erzählt Seifert. Andere lassen ihre klassischen Puppen vor virtuellen Computerkulissen tanzen und nutzen auch die vielfältigen Spezialeffekte, die Elektronik heute bietet.

Langsames Erzählen

Andererseits haben selbst im Zeitalter von Ice Age, Shrek und Nemo klassische Animationsfilme ihren Reiz offenbar nicht verloren. „Früher wurden die Geschichten ganz anders erzählt, viel langsamer und ruhiger. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder heute mit diesem Modus gut zurechtkommen und die Filme keinesfalls langweilig finden“, sagt Eckardt.

Dass Animationsfilmer in Ost und West schon vor 1990 gedanklich die Mauern fallen ließen, gehört zu den schönen Fußnoten der Filmgeschichte. Studenten aus Kassel schauten im Dresdner Defa-Studio – mit 250 Mitarbeitern damals zeitweilig Europas größter Trickfilm-Produzent – bereits zu DDR-Zeiten vorbei. Als 1992 die letzte Klappe für das Studio fiel, halfen auch viele Kollegen aus dem Westen, die Bestände für die Nachwelt zu sichern. Denn manche Puppen und Requisiten waren vorschnell im Müllcontainer gelandet. (dpa)