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Tritt gegen den Gerichtsvollzieher

Als die Wohnung ihres Freundes zwangsgeräumt werden soll, rastet eine Meißnerin völlig aus. Erst als die Polizei kommt, rückt sie den Schlüssel heraus.

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Von Jürgen Müller

Zeitig genug hat sie es gewusst, dass an jenem 7. November vorigen Jahres die Wohnung ihres damaligen Freundes zwangsgeräumt wird. Doch als es soweit ist und der Gerichtsvollzieher samt Hausverwalter vor der Tür steht, sind die Sachen immer noch nicht gepackt. Die 21-jährige Angeklagte, die das alles gar nichts angeht, weil es ja die Wohnung ihres Freundes ist, hat offenbar keinen Bock, die Wohnung zu räumen. Sie habe dort noch Sachen von ihren Kindern und nicht gewusst, wohin damit, wenn sie aus der Wohnung muss, sagt sie dem Richter. Als sie der Gerichtsvollzieher auffordert, die Wohnung zu verlassen und den Schlüssel zurückzugeben, geht sie ab wie ein Zäpfchen. Erst soll sie ihn mit Worten wie „Idiot“, „Alter“ und „Jude“ beleidigt, dann eine volle Colaflasche nach ihm geworfen haben. Als ihr der Gerichtsvollzieher den Schlüssel abnehmen will, soll sie ihn dorthin getreten haben, wo es für einen Mann besonders schmerzhaft ist.

„Es war natürlich nicht so“, sagt die Angeklagte. Die Beleidigungen gibt sie zwar zu, doch weder will sie die Flasche geworfen, noch den Gerichtsvollzieher getreten haben. „Ich habe ihn lediglich mit Cola bespritzt“, sagt sie. Es stimme auch nicht, dass sie die Wohnung nicht habe verlassen wollen. „Ich wollte nur noch die Sachen von meinen Kindern rausholen, das hätte höchstens noch eine Stunde gedauert“, sagt sie.

Sie braust schnell auf

Die Zeugen sagen etwas anderes. Die haben den Tritt gegen den Gerichtsvollzieher gesehen ebenso wie Schläge mit der allerdings fast leeren Flasche. Auch dass sie sich weigerte, den Schlüssel herauszugeben, bestätigen die Zeugen. Erst als die Polizei mit sechs Mann anrückte, beruhigte sich langsam die Situation. Alkohol und Drogen spielten übrigens keine Rolle. Die Frau ist generell schnell aufbrausend, lässt sich zu Beleidigungen und Tätlichkeiten hinreißen. Ihr Sündenregister ist lang. Immer wieder Beleidigungen, Körperverletzungen, Hausfriedensbruch und auch ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz finden sich darin. Sie soll ihren Hund mit einem Baseball-Schläger malträtiert haben. Zuletzt wurde sie wegen Betruges zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie hatte eingekauft und mit ihrer EC-Karte bezahlt. Allerdings war kein Geld auf dem Konto.

Die junge Frau, die die achte Klasse der Förderschule schaffte und eine Lehre abbrach, hat drei Kinder. Alle drei wurden ihr vom Jugendamt weggenommen. Warum, das kann sie sich nicht erklären. Die zwei Ältesten leben wieder bei ihrem leiblichen Vater. Zuvor waren sie in einer Pflegefamilie untergebracht, weil der Vater im Gefängnis saß. Auch das jüngste Kind ist in einer Pflegefamilie.

Von ihrem Freund hat sich die Frau getrennt, hat inzwischen einen zwölf Jahre älteren Lebensgefährten. In dessen Firma ist sie angestellt, arbeitet angeblich aber ohne Geld, bekommt für ihre Arbeit lediglich Kost und Logis. Und bezieht Arbeitslosengeld II. Ob das Jobcenter weiß, dass sie in einer Bedarfsgemeinschaft lebt, darf stark bezweifelt werden. Die Staatsanwältin kündigte bereits an, dass sie sich mit dem Jobcenter in Verbindung setzen wird. Denn möglicherweise arbeitet die Frau auch schwarz, bezieht zu Unrecht oder zumindest zu hohe Sozialleistungen.

Nichts war es mit erziehen

Die letzte Verhandlung vor dem Amtsgericht Meißen war für den 6. November vorigen Jahres angesetzt. Doch die Angeklagte erschien nicht, wurde in Abwesenheit per Strafbefehl verurteilt. Einen Tag später beging sie die neuen Taten.

Für Staatsanwältin Christine Eißmann ist das Maß voll. „Die erzieherischen Maßnahmen durch das Jugendgericht haben bei Ihnen nicht gefruchtet“, sagt sie der Angeklagten, die sich jetzt erstmals vor einem Erwachsenengericht verantworten muss. Für die Staatsanwältin kommt eine Geldstrafe nicht in Betracht. Sie fordert eine Haftstrafe von sechs Monaten, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden soll. Die Angeklagte soll einem Bewährungshelfer unterstellt und verpflichtet werden, jeden Wohnsitzwechsel dem Gericht zu melden. Nach eigener Aussage hatte die Frau nach der Zwangsräumung der Wohnung „mal hier, mal da“ genächtigt. Außerdem soll die junge Frau 150 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten. „Damit Sie sich endlich mal an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen“, so Christine Eißmann.

Doch Richter Andreas Poth folgt diesem Antrag nicht. Er verurteilt die Frau wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit Beleidigung und vorsätzlicher Körperverletzung nur zu einer Geldstrafe von 900 Euro. „Es gab keinen Grund, dass Sie ausrasteten. In der Wohnung hatten sie überhaupt nichts zu suchen“, sagt er. Die Geldstrafe kann sie in Raten abstottern oder auch abarbeiten.