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Trödeln vor Schloss-Kulisse

Der Flohmarkt in Moritzburg ist zu einer kleinen Erfolgsgeschichte geworden. Und das hat einen Grund.

© Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

Moritzburg. Der Herr mit der schwarzen Melone kurbelt und kurbelt. Dann hat der Egon-Olsen-Fan seinem, wie er sagt, „MP3-Player der 20er-Jahre“ genügend Leben eingehaucht, um einen Gassenhauer anno dazumal über den Parkplatz an der Moritzburger Schlossallee zu schicken: „Ein Freund, ein guter Freund“ ... Wer vorbeischlendert, guckt oder bleibt gleich stehen. „Die Leute sind begeistert von der Grammofonmusik“, weiß Melonenträger Wolfgang Schulz. Außerdem lockt sie das antike Repertoire, das er und Kollegin Silke Scheffler feilbieten.

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Am Schallplattenstand von Werner Bergfeld genießen Jürgen Herrmann und der Vierbeiner Scupy den Schatten.
Am Schallplattenstand von Werner Bergfeld genießen Jürgen Herrmann und der Vierbeiner Scupy den Schatten. © Norbert Millauer

104 Stände versammelt der Moritzburger Flohmarkt am gestrigen Sonntag. Damit ist die Fläche zwischen Bärenhäusl und Campingbereich maximal ausgelastet. Auch die Besucher strömen trotz der Hitze in Scharen herbei. Die Autokennzeichen verraten Brandenburger, Berliner, Polen und sogar Ungarn unter den Gästen. Schon vor der offiziellen Öffnungszeit um 10 Uhr herrscht Begängnis. Die ersten Händler sind bereits am Vorabend angereist.

Für einen Platz in der ersten Reihe haben sich auch Wolfgang Schulz und Silke Scheffler aus Radebeul schon um vier Uhr in der Frühe angestellt.

„Hinten stiebt es, die ganze Ware wird staubig“, begründen sie. „Und hier kommen die Touristen als erstes vorbei.“ Was diese auf den Tischen entdecken, sind historische Dinge wie Vasen, Bilder, Alben mit alten Postkarten oder technische Raritäten à la Koffergrammofon, Leierkasten und Bleistiftschärfmaschine „Jupiter“. Prompt testet ein Besucher eine alte Portierklingel aus. „Ich nehm ne Cola“, ruft Wolfgang Schulz.

Eine ganze Kiste voll Holzschienen und Holzeisenbahnen weckt das Interesse einer Coswigerin. Für die Enkel, auf die sie in naher Zukunft hofft. Einen Zwanziger soll alles zusammen kosten. Einen Zehner bietet sie an. Auch bei 15 Euro legt ihr Mann Veto ein. Also trödeln sie weiter. Wie die Mittvierzigerin erzählt, gehört der Moritzburger Flohmarkt zu ihren Lieblingsmärkten. „Man tritt sich nicht tot“, sagt sie. „Es ist schön, dass man nicht auf Kopfsteinpflaster laufen muss.“ Da knicke sie häufig weg. „Und an den Ständen wird nicht so viel Kitsch angeboten.“ Tatsächlich ist Veranstalter Steffen Mendrok mit dem Flohmarkt an der Schlossallee eine kleine Erfolgsgeschichte gelungen. Seit drei Jahren gibt es den Markt inzwischen. Während es mit einem pro Jahr losging, wurde die Zahl schon vergangenes Jahr verdoppelt und nun in diesem auf vier erhöht. „Die historische Kulisse zieht mehr Antiquitätenhändler an“, weist Steffen Mendrok als Besonderheit dieses Flohmarktes aus.

Darüber hinaus sei die Qualität der Sammlerware hoch. 2019 plant er wieder etwa vier Märkte an diesem Standort.

„Es ist ein schöner Platz“, findet auch Jürgen Herrmann aus Dresden. Der EU-Rentner und sein vierbeiniger Begleiter Scupy stehen mit einem alten Bulli in letzter Reihe auf einem Stück Wiese. An ihrem Stand warten neben Mario Gomez als Pappaufsteller und einigen Lederhosen fürs Oktoberfest vor allem Trabant- und Simsonteile, aber auch kleinere Gefährte. „Was soll das Mofa kosten?“, erkundigt sich eine ältere Dame.

„150 Euro“, die Antwort. Der Gatte der Frau läuft weiter. Sie folgt leicht widerwillig.

Glück haben Jürgen Herrmann und Scupy mit ihrem Standnachbarn. Denn der Anhänger spendet durch seitlich hochklappbare Teile sowohl Schallplatten als auch Menschen Schatten. „Die Schattenmiete berechne ich stündlich“, scherzt Werner Bergfeld, der einen großen Posten seiner privaten Schallplattensammlung auflöst und auf Flohmärkten verkauft. An Bord hat er beispielsweise die erste Beatles-Platte, die in der DDR erschienen ist. Für 60 Euro. Ein Endfünfziger mit grauem Vollbart stöbert in den Fächern. „Ostmusik, Amiga, das ist mein Hobby“, erzählt der Thiendorfer.

„Ich habe den Schallplattenspieler und meine LP-Bestände wieder rausgeholt, und auf den Märkten nach alten Platten zu suchen, das gehört mit dazu.“ Zehn Euro gibt sein Budget noch her. Er muss sich entscheiden: Eine LP von Heinz-Jürgen Gottschalk oder Lift. Schweiß läuft ihm über das Gesicht. Die Hitze brennt. Exakt wie vorhergesagt.

Doch vom Wetter abhalten lassen vom Flohmarktbesuch? Niemals. „Man trinkt sein Bierchen, isst sein Würstel“, sagt er lächelnd. Dann verstaut er die Lift-Platte und wünscht „noch einen guten Umsatz“.