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Tschechen und Polen meiden Sachsen

Seit Mai gilt Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus Polen oder Tschechien. Die aber reisen weiter gen Westen – zu besser bezahlter Arbeit.

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Von Tino Moritz

Vor acht Monaten fielen die letzten Hürden für polnische und tschechische Arbeitnehmer in Deutschland. Verändert hat sich dadurch kaum etwas. „Seit Mai haben zusätzlich 1400 Arbeitnehmer aus den betroffenen EU-Staaten eine Beschäftigung in Sachsen aufgenommen. Ich rechne auch für das nächste Jahr mit keinem höheren Zustrom“, sagt Sachsens Regionaldirektionschefin der Bundesagentur für Arbeit, Jutta Cordt.

Die meisten Interessenten kommen aus Polen, Tschechien und Ungarn. Gründe für den eher zurückhaltenden Andrang sieht Cordt in den Arbeitsmarktbedingungen in Sachsen, die denen in Osteuropa ähneln. „Diese Länder haben auch die Hürden der Demografie und des steigenden Fachkräftebedarfs zu meistern. Hinzu kommt, dass wir in Sachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern ein geringeres Lohnniveau haben.“

Ab in Richtung Bayern

2010 lag der monatliche Durchschnitts-Bruttoverdienst in Sachsen bei 1955 Euro. Schlechter waren in Deutschland nur noch Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. „Da überlegen sich Polen oder Tschechen schon sehr genau, ob sie in Sachsen arbeiten oder noch etwas weiter fahren“, sagt Cordt. Jeder vierte Arbeitnehmer aus Osteuropa, der hierzulande eine Arbeit sucht, fuhr nach Bayern weiter.

Märkte seien geprägt durch Angebot und Nachfrage, erklärt Cordt. „Es ist logisch, dass sich Arbeitnehmer dorthin orientieren, wo mehr bezahlt wird.“ Das betreffe nicht nur osteuropäische Arbeitnehmer, sondern auch einheimische Pendler. Künftig steige nicht nur der Bedarf an Fachkräften, sondern an Arbeitskräften überhaupt. Schon für 2014 werde vorhergesagt, dass in Sachsen mehr Menschen aus dem Erwerbsleben austreten, als junge Frauen und Männer nachrücken.

„Da stehen wir in Konkurrenz mit den alten Bundesländern und den dort finanzstärkeren Arbeitgebern. Das ist eine Herausforderung für Sachsen, der wir uns stellen müssen.“ Etwa 95 Prozent aller sächsischen Betriebe haben weniger als 50 Beschäftigte. Daher können sie nur schwer mithalten. Aber es gebe auch andere Faktoren: „Die Betriebe können sich auf anderen Feldern attraktiv machen, zum Beispiel durch Weiterbildungsangebote oder flexible Arbeitszeitmodelle.“ Mithilfe der Kommunen könne auch die Kinderbetreuung weiter ausgebaut werden. Grundstückspreise, Wohnungsmieten, kulturelle Angebote und Einkaufsmöglichkeiten – all das spiele bei der Wahl des Wohn- und Arbeitsortes eine Rolle. (dpa)