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Politik

Tschechien fährt vorsichtig wieder hoch

Tschechien fährt seine strengen Maßnahmen gegen das Coronavirus ein Stück weit zurück. Trotzdem bleiben die Menschen wohl noch Monate unter sich.

Ein Mann läuft mit Mundschutz über die leere Karlsbrücke in Prag.
Ein Mann läuft mit Mundschutz über die leere Karlsbrücke in Prag. © Vít Šimánek/CTK/dp

Von Hans-Jörg Schmidt, Prag

Glücklich waren die tschechischen Krisenmanager über den Verlauf der Ostertage nicht. Innenminister Jan Hamáček beklagte ein Nachlassen der Disziplin bei der Einhaltung der Vorschriften im Kampf gegen das Coronavirus. Damit werde womöglich das bisher Erreichte gefährdet.

Es ist offen, ob die Nachlässigkeit am Wetter lag oder dem stärker werdenden Drang ins Freie nach im Vergleich zu anderen Ländern sehr zeitig begonnenen Einschränkungen. Oder gar an der über mehrere Tage wiederholten Ankündigung der Regierung, nach den Feiertagen ein erstes Ausstiegsszenarium vorzulegen. Vielleicht waren es auch die nur noch leicht steigenden Zahlen der Infizierten und Toten, die manche unvorsichtig werden ließen. Die Johns Hopkins Universität wies am Mittwoch 6 151 Infizierte und 163 Tote für Tschechien aus. Das sind - bei aller Tragik für die Betroffenen - vergleichsweise sehr gute Zahlen. Es gibt ausreichend Intensiv-Betten, die Kliniken waren gewappnet, manche kehren schon zum Normalbetrieb zurück.

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Nach den Ostererfahrungen aber, an denen die Polizei erstmals auch Strafmandate verteilte, wird jedoch zur Vorsicht gemahnt. Zudem gehe es nicht um eine „Rückkehr zur Normalität", wie sie vor Corona geherrscht habe, sondern um eine „neue Normalität“, wie die Zeitung Lidové noviny am Mittwoch betonte. „Um wieder mehr Freiheit zu bekommen, ist die Durchsetzung scharfe Disziplin im öffentlichen Leben erforderlich.“ Das Tragen von Mundschutz etwa werde noch lange notwendig bleiben. Immerhin seien die Tschechen daran längst gewöhnt - im Gegensatz zu anderen Nationen, die da jetzt dem tschechischen Beispiel folgten, heißt es selbstbewusst.

Fünf Phasen sieht der Exit-Fahrplan vor. Ab dem 20. April dürfen unter anderem zunächst Handwerker mit Geschäftsräumen und die Wochenmärkte wieder öffnen. In den Wochen danach können kleine und mittelgroße Läden wieder aufsperren. Ab dem 25. Mai sollen tagsüber die Gärten von Restaurants und Kneipen geöffnet werden können, zudem Frisier - und Kosmetiksalons, Museen, Galerien und die Außenanlagen von Zoos. In der letzten Phase, ab dem 8. Juni, sollen die großen Einkaufszentren folgen. Dann darf man unter anderem auch wieder in die Wirtshäuser hinein, Hotels können erneut Gäste aufnehmen, Theater und andere kulturelle Einrichtungen sollen wieder spielen dürfen. Vor allem Hoteliers und Kneiper hatten auf ein frühere Lösung gehofft, weil sie besonders unter der Schließung leiden.

Hochschulen machen den Anfang

Bei den Schulen werden ab kommendem Montag die Hochschulen den Anfang machen, damit die Studenten ihren Abschluss erwerben können. Die jüngsten Grundschüler sollen ab dem 25. Mai wieder in die Schule gehen können, jedoch in halbierter Klassenstärke. Nach dem 1. Juni sollen die Abiturprüfungen abgelegt werden.

In jedem Fall den ganzen Sommer über werden die Tschechen weiter unter sich bleiben. Urlaub, das ist deutlich gemacht worden, werde es in diesem Jahr nur im eigenen Land geben. Was mit anderen Worten bedeutet, dass die Tschechen weiterhin weder raus aus dem Land, noch Ausländer nach Tschechien reinkommen werden. Wie lange die Grenze dicht bleibt, ist derzeit völlig offen. Der Chef-Epidemologe, Roman Prymula, hatte im März davon gesprochen, dass man die Grenze womöglich „bis zu zwei Jahre“ geschlossen halten müsse. Das bezeichnete Außenminister Tomáš Petříček am vergangenen Wochenende als das „schwärzeste Szenarium“. „Ich rechne mit einer Lockerung des Regimes binnen einiger Monate.“

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Geht es nach einigen wenigen lokalen Politikern, dann sollte die Grenze namentlich nach Deutschland für immer dicht gemacht werden. Seine entsprechende Bitte an die Regierung begründete beispielsweise der Chef des Gesundheitsamtes im westböhmischen Domažlice, Petr Pazdiora, damit, dass die Mehrzahl der Infizierten Kontakt mit Arbeitspendlern nach Deutschland gehabt hätte. Innenminister Hamáček wies das zurück: Es bleibe namentlich bei tschechischen Ärzten in Deutschland und Österreich bei dem, was Premier Andrej Babiš mit den Nachbarn vereinbart haben. „Wir wissen, dass die Gesundheits- und Sozialsysteme dort abhängig sind von den Angestellten aus Tschechien.“

Bemerkenswert ist jedoch, dass nach einer Umfrage ein Drittel der Tschechen in der Folge von Corona ein Zurück zu den alten, strengen Grenzkontrollen möchte. Eine Einstellung, die die Politik nicht unmaßgeblich mit ihrem Gezerre um die Pendler verursacht haben dürfte, das zu bitterbösen Kommentaren in den tschechischen Medien geführt hat.

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Immerhin: Seit Dienstag sind Erleichterungen an den Grenzen in Kraft. So dürfen jetzt auch beispielsweise Deutsche und Österreicher mit tschechischem Wohnsitz in ihr Ursprungsland reisen. In begründeten Fällen, etwa zur Wahrnehmung von Arztterminen oder zur Betreuung von Familienangehörigen. Kehren sie am selben Tag nach Tschechien zurück, entfällt für sie die ansonsten vorgeschriebene 14-tägige Quarantäne.

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