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Tschechien streitet um Orden für Holocaust-Überlebenden

Hat Präsident Zeman die Ehrung für einen Holocaust-Überlebenden abgesagt, nur weil er sich über dessen Neffen geärgert hat?

© dpa

Von Michael Heitmann, Prag

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Es begann mit einem kleinen braunen Koffer. Als Jugendlicher hatte George Brady die nationalsozialistischen Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz überlebt, doch davon wussten in seiner neuen Heimat Kanada nur seine engsten Vertrauten. Dann bekam der Handwerker aus Toronto überraschend Post aus Japan: Eine junge Kuratorin des dortigen Holocaust-Museums hatte den Koffer seiner in den Gaskammern ermordeten Schwester Hana entdeckt. Darauf stand mit Kreide geschrieben: „Hanna Brady Waisenkind“ und die Deportationsnummer 625.

Seither hat der heute 88-jährige George Brady Hunderte Male vor Schulklassen über die Schrecken des Holocaust erzählt. „Ich fühlte mich für meine Schwester verantwortlich“, sagte er einmal über die Gefühle, als er in Theresienstadt von Hana getrennt wurde. Zusammen mit der Kinderbuchautorin Karen Levine machte er das Schicksal des jüdischen Mädchens, das nicht einmal 14 Jahre alt wurde, einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Heute kennt in Kanada fast jedes Kind die Erzählung von „Hanas Koffer“.

Für sein Engagement nahm Brady vor drei Jahren den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland entgegen. Und an diesem Freitag hätte der 88-Jährige eigentlich den tschechischen Tomas-Garrigue-Masaryk-Orden erhalten sollen. Denn George Brady wurde als Jiri in Nove Mesto (Neustadt) in Mähren geboren. Doch dann wurde die Ehrung, die Präsident Milos Zeman zum Nationalfeiertag vornehmen sollte, völlig überraschend wieder abgesagt.

„Im Leben habe ich schon mehr verloren, aber ich hätte nicht erwartet, dass so etwas in einem demokratischen Land möglich wäre“, sagt Brady enttäuscht der Zeitung Hospodarske noviny. Was war geschehen? Bradys Neffe, der tschechische Kulturminister Daniel Herman, erhebt schwere Vorwürfe: „Der Herr Präsident selbst hat mir gesagt, dass mein Onkel wieder von der Nominierungsliste gestrichen wird, wenn ich mich mit dem Dalai Lama treffe.“

Kein Geheimnis ist, dass Zeman pro-Moskau und pro-Peking eingestellt ist. Zu Ostern bereitete er Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping einen großen Empfang in Prag. Doch hat er wirklich zur „Erpressung“ gegriffen, um erfolglos ein Treffen des Kulturministers mit dem Oberhaupt der Tibeter zu verhindern? China lehnt den Dalai Lama ab, beansprucht Tibet für sich. Es steht Aussage gegen Aussage.

Präsidentensprecher Jiri Ovcacek wirft den Kritikern Zemans vor, eine Kampagne zu führen. Niemand habe einen Anspruch auf eine staatliche Auszeichnung, betont er. Unterdessen will Brady die Medaille selbst dann nicht mehr annehmen, wenn sie ihm nun doch noch angeboten würde. „Ich habe in meinem Leben genug Auszeichnungen bekommen, ich brauche keinen Orden von jemandem, der keine Lust hat, ihn mir zu geben“, sagt der 88-Jährige im tschechischen Fernsehen. (dpa)