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Liberec: Liebigstadt soll Denkmal-Zone werden

Die einstige Arbeitersiedlung soll so besser geschützt werden. Die Verwaltung geht nun auf die Hauseigentümer zu.

Blick in die Liebiegstadt im heutigen Liberec: Bedeutende Textilfabrikanten hatten sie für die Arbeiter errichtet, als die Stadt noch Reichenberg hieß.
Blick in die Liebiegstadt im heutigen Liberec: Bedeutende Textilfabrikanten hatten sie für die Arbeiter errichtet, als die Stadt noch Reichenberg hieß. © Archiv MML

Die einstige Arbeitersiedlung der Textilfabrik Liebieg, das sogenannte Liebiegstädtchen (heute Liebiegovo mìstečko) soll großflächig zur Denkmalzone erklärt werden. Die Stadtverwaltung im böhmischen Liberec (Reichenberg) hat sich dabei mit Denkmalschützern zusammengetan und will das Vorhaben jetzt mit den Bürgern besprechen. „Wir möchten die offenen Fragen klären und die Vorteile einer solchen Zone für diesen Teil von Liberec verdeutlichen“, erklärt Rathaussprecherin Jana Kodýmová.

Die Liebiegstadt ist vermutlich eines der historisch bedeutendsten Stadtviertel von Liberec. Die Siedlung für die Textilarbeiter mit Schule, Kindergarten und Feuerwehrhaus wurde im Anschluss an die Textilfabrik Johann Liebieg & Comp. ab Mitte des 19. bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts errichtet. Anders, als die prächtigen Jugendstilbauten des gehobenen Bürgertums, präsentiert sich der Jugendstil hier als sozialer Wohnbau, einzigartig in seiner Art. Das sagen zumindest Sachkundige. Laut Stadtarchitekten Jiří Jandourek sei die Liebiegstadt absolut bemerkenswert, architektonisch wie urban, zudem biete sie auch eine authentische Atmosphäre. „Wenn sich die Einwohner von Liberec dessen bewusstwerden, kommt ihnen die Errichtung der Denkmalschutzzone entgegen“, meint er.

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Erbauer, Namensgeber und Besitzer waren die Textilfabrikanten Liebieg. Johann Liebieg Senior (1802 bis 1870), Begründer dieser Dynastie, hatte sich einst vom simplen Tuchmacher zu einem der erfolgreichsten Industriellen der Donaumonarchie hochgearbeitet. Das Unternehmen soll eines der größten seiner Art in Österreich-Ungarn gewesen sein. Für seine gewerblichen Verdienste wurde Liebieg sogar geadelt. Seine Nachkommen führten die Firma erfolgreich weiter und wurden auch als Kunstsammler, Mäzene und freigiebige Spender geschätzt. Unter anderem finanzierten sie den Bau des neuen Reichenberger Rathauses mit und trugen im hohen Maße zum allgemeinen Wohlstand der Stadt bei. So schildern es Historiker. Zeitweilig waren bis zu 3.000 Leute beschäftigt. Nach Plänen des Architekten Jakob Schmeißner entstand schließlich die Gartenwohnsiedlung mit 150 Arbeiterwohnhäusern, so berichten Chroniken.

Erste unsensible Sanierungen

Nach 1945 ging Liebiegs Textilfabrik an die Firma Textilana über, nach 1989 übernahm die Stadtverwaltung einen Teil der Häuser, die mittlerweile in Privatbesitz sind. Die einst „komfortablen“ Arbeiterwohnungen entsprechen längst nicht mehr dem heutigen Standard. Sie müssen renoviert und modernisiert werden. Eine Rücksprache mit dem Denkmalamt sei dabei bisher nicht zwingend und gerade das sei ein Problem: Unsensible Renovierungen könnten den historischen Charakter zerstören, so die Befürchtung.

„Die Errichtung der Denkmalschutzzone hat das Nationale Denkmalschutzamt schon 2011 angeregt. Vor vier Jahren brachte die Stadtregierung das Thema erneut zur Sprache, aber auch diesmal konnten sich die hiesigen Politiker nicht einigen“, erzählt Zuzana Koňasová von der Kanzlei des Stadtarchitekten. In der Zwischenzeit seien aber bereits einige nachteilige Renovierungen durchgeführt worden. „Deshalb haben wir der Stadtregierung diesbezüglich eine neue Bürgerdiskussion empfohlen“, so Koňasová.

Im August fand eine öffentliche Besichtigung statt, eine weitere dann im September mit Denkmalschützern, Historikern, Architekten und Vertretern der Stadtregierung. Bürgermeister Jaroslav Zámečník bestätigte das Interesse am Erhalt dieser historischen Zone, sagte die Unterstützung zu, zum Beispiel durch die Schaffung eines Fonds für die sachgemäße Instandsetzung der wertvollen Objekte. Als weitere Hilfestellung wurde ein Handbuch erstellt, das Anleitung zur sensiblen Vorgehensweise bei der Sanierung der historisch wertvollen Substanz aufzeigt. „Es handelt sich hier keineswegs um etwaige Einschränkungen der Hauseigentümer, sondern um sinnvolle Ratschläge für eine vernünftige Bauweise, die letztendlich auch den Wert der Immobilie steigern würde“, betont Stadtarchitekt Jiří Jandourek.

Die Liberecer Denkmalpflege-Zweigstelle bietet schon jetzt allen Bewohnern der Liebiegstadt eine fachgerechte Unterstützung bei jeder angedachten Art der Sanierung an. Wie Miloš Krèmář, der Leiter des Amtes schätzt, kann die Errichtung einer städtischen Denkmalschutzzone mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Ein genauer Zeitpunkt für die Umsetzung wurde darum nicht genannt. (mit ihg)

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