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Corona: Krise in Böhmens Glasindustrie

Die Produktion bei den Unternehmen ist um ein Drittel zurückgegangen, der Umsatz geht gegen Null.

Böhmens Glashersteller kämpfen mit den Corona-Folgen.
Böhmens Glashersteller kämpfen mit den Corona-Folgen. © kraj-lbc

Erst der Schreck im Frühjahr, dann ein kurzes Aufatmen im Sommer, gefolgt von einer zweiten Welle der Corona-Epidemie mit erneuter Schließung fast aller Geschäfte, der Absage von Weihnachtsmärkten und kulturellen Veranstaltungen, dazu Reiseverbote für Deutsche und andere EU-Bürger. Für die nordböhmischen Glas- und Bijouterie-Erzeuger war 2020 ein schlimmes Jahr. Inzwischen kämpfen die meisten mit aller Kraft ums Überleben.

Ihr Problem: Schmuck und Glaswaren können sie, außer im Internet, nirgendwo präsentieren und anbieten, die Leute sparen auch mehr, heißt es. „Bijouterie und Glas verkauft sich nicht gut über den Online-Handel. Jeder will zuerst ausprobieren und sehen, was ihm steht“, sagte Pavel Kopáèek, Vorsitzender des Verbandes der Glas- und Bijouteriehersteller (SVSB). Der Verband vertritt 60 Firmen mit rund 4.000 Beschäftigten.

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Keine andere Krise habe die Branche bisher so schwer getroffen wie Corona. Die Erzeugung sei auf ein Drittel gesunken, die Umsätze liegen bei Null. Die Angst vor der Zukunft prägt die Stimmung.

In der Produktionspalette konzentrierten sich die Unternehmen bislang vor allem auf den Export. Der Handel mit den wichtigsten Weltmärkten sei durch die Corona-Krise aber fast ganz unterbrochen worden. Die Ausfuhr bewege sich bei 15 Prozent des gewöhnlichen Umfangs. „Alle geplanten Events – in Russland, Österreich oder auch in Dresden – wurden abgesagt“, sagt Pavel Kopáèek. Bis jetzt konnte sich die künstlerisch orientierte Branche dank der staatlichen Unterstützung im Rahmen des Programms „Antivirus“ trotz minimaler Verkäufe und Auftragsverluste über dem Wasser halten. Ohne die Hilfe wäre wohl schon viel weggebrochen. „Der einzige kleine Vorteil ist, dass viele Unternehmen in ihren eigenen Häusern und Geschäften tätig sind“, fügt Kopáèek hinzu. Obwohl die Firmen nicht verkaufen können, wollen sie ihre ausgebildeten Handwerker vom Fach nicht entlassen. Sie wissen gut, dass sie nur schwer einen Ersatz finden würden.

Weihnachtsmarkt ungewiss

Die Schmuckherstellung hat im Isergebirge eine mehr als 200-jährige Tradition. Der letzte große Schlag für sie war die Pleite der Firma Jablonex. Die Gesellschaft wurde 1951 als erste Exportfirma für alle tschechischen Schmuck-Produzenten gegründet. Der größte Exporteur Böhmens hatte 2.000 Mitarbeiter und belieferte fast alle Herstellerfirmen im Land mit Rohstoffen. Rund 80 Prozent der Produktion wurden in 93 Länder der Welt exportiert. Die meisten Geschäfte wurden mit Amerikanern gemacht, Kunden saßen aber auch in Mexiko oder Russland. Noch 2007 erwirtschaftete die Firma einen Umsatz von 2,2 Milliarden Kronen (damals über 87 Millionen Euro), der Gewinn lag bei 100 Millionen Kronen. Dann kam das Aus, wobei die Glasschmuckproduktion (Bijouterie) damals Arbeit für 27.000 Menschen bot.

Der Zusammenbruch der Exportfirma bedrohte vor allem kleine und mittlere Firmen, die sich aus der Not heraus zum Bijouterie-Verband zusammenschlossen. Der Bijouteriepalast mit Schmuck, Glas, Leuchter und Weihnachtsdekorationen in Jablonec (Gablonz) nahe der Talsperre, ein Warenhaus für Geschäftsleute, einheimische Kunden und Touristen, ist seit 14. Oktober geschlossen. „Ob wir zwischen 11. und 13. Dezember einen Weihnachtsmarkt veranstalten können, weiß niemand“, sagte Kopáèek.

Allerdings hat Tschechien die Beschränkungen vor wenigen Tagen gelockert. Sogar Weihnachtsmärkte seien erlaubt. In Liberec (Reichenberg) läuft bereits einer. Die Covid-19-Infektionszahlen im Nachbarland sind weiter hoch, pendeln laut Radio Prag bei etwa 5.000 neuen Fällen täglich. Menschen aus Sachsen sollen aber weiter nicht ins Nachbarland reisen, heißt es von deutscher Seite.

Die Glasproduzenten sind wohl weiter auf Hilfe angewiesen. Die bekommen sie auch von der Liberecký kraj (Verwaltungsregion). Sie hat eine Serie von 46 kurzen Filmen produzieren lassen, mit denen sich Firmen, Museen und Kunstgewerbeschulen im Internet unter der Adresse www.nazrdavíremeslu.cz – „auf Deutsch „Zum Wohle des Handwerks“ – präsentieren. „Die Menschen können sich dort vor Weihnachten inspirieren lassen“, sagt David Pastva, Manager der Geschäftsmarke „Kristalltal“. Die war ursprünglich im Besitz vom Unternehmen Preciosa. Die Region Liberec übernahm sie 2019 mit der Absicht, ihre Position im Bereich Tourismus mit traditionellen Themen, nämlich Glas und Schmuck, in der Region zu stärken.

Das Glas- und Bijouterie-Museum in Jablonec nad Nisou steht eher skeptisch zum virtuellen Kulturleben. „Eine solche Besichtigung kann Besucher anlocken, aber keinen richtigen Besuch ersetzen“, meint Hauptkurator Petr Nový. Vor Kurzem eröffnete das Museum zwei neue Ausstellungen nur mit Pressevertretern, ganz ohne sonstige Gäste. Die erste heißt „Reflexion“ und präsentiert die Werke von ausländischen Glasmachern, die in Tschechien wirken. Die zweite, „Jahrzehnt des Designs“, dokumentiert die Entwicklung in den Museumssammlungen der letzten zehn Jahre. Beide Schauen sind Bestandteil einer Internationalen Triennale. Bei dieser Gelegenheit wurde im neuen Park beim Glaskristall-Anbau ohne Zuschauer eine neue Plastik von Marian Karel enthüllt.

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