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Corona: Hängepartie in Tschechien

Die Zahlen der Neuinfektionen im Nachbarland geben ein uneinheitliches Bild ab. Das macht eine Prognose für die Laufzeit der Einschränkungen schwer.

In Tschechien fehlt es an Pflegepersonal. Auch die Intensivbetten werden knapp.
In Tschechien fehlt es an Pflegepersonal. Auch die Intensivbetten werden knapp. © David Taneèek/CTK/dpa (Symbolbild)

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt

Prag.
Bildungsminister Robert Plaga braucht in diesen Tagen von allen Mitgliedern der tschechischen Regierung wohl die größte Geduld und steht dabei gleichzeitig am meisten unter Druck. Plaga wartet Hände ringend auf grünes Licht, um die von Corona verursachte Zwangspause für den Unterricht in den Schulen beenden zu können. Diese Zwangspause sollte eigentlich zu Beginn des Monats enden, die Grundschulen sollten am 2. November wieder öffnen. Doch Plaga muss auf die Zustimmung aus dem Gesundheitsministerium warten. Und die kommt bislang nicht.

Die leicht positive Entwicklung, die am Freitag vergangener Woche eingesetzt hatte, als die Zahl der Neuinfizierten erstmals nicht mehr so rasch anstieg wie genau eine Woche zuvor, hielt nur wenige Tage an. 

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Am Donnerstag dieser Woche gab es plötzlich 15.729 bestätigte Fälle innerhalb von 24 Stunden. Das war ein neuer Rekordwert seit Ausbruch der Pandemie. Einen Tag darauf wurde dann wieder ein Wert gemessen, der knapp unter dem des Freitags der Vorwoche lag.

Bei sinkenden Zahlen sinkt auch die die Vorsicht

Dieses Auf und Ab kann verschiedene Ursachen haben. Tschechien beging am 28. Oktober seinen Nationalfeiertag, an dem sehr viel weniger als sonst getestet wurde. Dementsprechend gering war da auch die Zahl der positiven Fälle. Dieses unterschiedliche Testen hat nach Meinung der Experten den Trend etwas durcheinander gebracht. Es wird auch nicht ausgeschlossen, dass der Rekordwert vom Donnerstag mit dem veränderten Verhalten der Tschechen zu tun haben könnte. Sobald in den Medien von sinkender Ansteckung die Rede sei, sinke auch bei vielen die Bereitschaft, genau auf die strengen Regeln zu achten.

Um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, hatte die Regierung von Ministerpräsident Andrej Babiš Anfang Oktober einen inzwischen bis vorerst zum 20. November verlängerten Notstand mit weitgehenden Ausgangsbeschränkungen und einer nächtlichen Ausgangssperre verhängt. Restaurants und Schulen sowie die meisten Geschäfte sind geschlossen. Die Menschen sind angehalten, auch tagsüber weitgehend zu Hause zu bleiben. Firmen und Behörden sollen nach dem Wunsch der Regierung ihren Mitarbeitern, wenn möglich, Arbeit im Homeoffice anbieten.

Pflegepersonal kommt an seine Grenzen

Einen durchschlagenden Erfolg haben diese Maßnahmen noch nicht gebracht. Die Todesfälle häufen sich und die Betten in den Spitälern werden knapper. Im Regierungsbezirk Zlín im Osten Mährens beispielsweise ist die Belastung der dortigen vier Krankenhäuser am Limit angekommen. Am Freitag mussten von dort fünf sehr schwer erkrankte Covid-19-Patienten in einem Konvoi und einer Polizeieskorte über die Autobahn nach Prag transportiert werden. Die Patienten mussten während der Fahrt durchgehend künstlich beatmet werden. In dem Regierungsbezirk mangelt es nicht nur an Betten, sondern auch am Personal. In den Krankenhäusern fehlen derzeit 700 Beschäftigte. Noch können andere Spitäler aus der weiteren Umgebung aushelfen. Aber die von dort kommenden Ärzte und Schwestern werden jetzt zunehmend auch in ihren Stammspitälern gebraucht.

Dass es an qualifizierten Leuten in den Kliniken fehlt, hat damit zu tun, dass sich Ärzte und Schwestern bei der Arbeit selbst angesteckt haben. Aber auch damit, dass viele ihre Kinder zu Hause beaufsichtigen müssen, weil die Schulen zugesperrt sind. Diese Tatsache setzt wiederum den eingangs erwähnten Bildungsminister unter massiven Druck. Außerdem stellt sich mittlerweile die Frage, ob dieses Schuljahr nicht generell wiederholt werden muss. Minister Plaga mag davon erst einmal nichts hören. Aber vor allem für die jüngsten Schuljahrgänge und die Neuntklässler, die wichtige Prüfungen vor sich haben, muss dringend eine Lösung her.

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Wie sich generell die Frage stellt, was Prag noch tun kann, wenn die bisherigen Maßnahmen nicht sehr viel besser greifen und die jetzige Hängepartie noch Monate anzudauern droht? Da bliebe nur noch ein prinzipielles Ausgehverbot, das dann aber auch die produzierende Wirtschaft träfe. Mehr als diesen vergifteten Pfeil hat die Regierung nicht mehr im Köcher. Verständlich, dass sie den unter keinen Umständen abschießen möchte.

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