merken
Pirna

Ist das die Corona-Wende beim Nachbarn?

In Tschechien beginnen die Maßnahmen zu wirken. Die Lage bleibt aber dramatisch.

Medizinische Mitarbeiter in Schutzausrüstung transportieren eine Patientin.
Medizinische Mitarbeiter in Schutzausrüstung transportieren eine Patientin. © dpa

Die Streife an der Straße zwischen Tisá (Tyssa) und Sněžník (Schneeberg) im böhmischen Teil des Elbsandsteingebirges ist unbarmherzig. Der Radfahrer muss umkehren. „Er wollte einen Ausflug machen. Das ist aber nur innerhalb der Gemeinde erlaubt“, sagt der Polizist.

Seit dem 1. März stehen Polizeikontrollen in Tschechien an den Kreisgrenzen und auch an ausgesuchten, vor allem touristischen Orten. Die Fahrt aus der Gemeinde oder Stadt ist nur noch in Ausnahmen möglich – zum Arbeiten, für den Arztbesuch oder dringende Verwandtschaftsbesuche. „Die meisten reagieren gelassen, haben alle Papiere dabei“, ergänzt der Streifenpolizist. „In der ersten Woche gab es mehr als 34.000 Kontrollen. Dabei wurden 766 Ordnungsstrafen festgestellt“, informiert Polizeisprecherin Jana Slámová.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Stille im Nationalpark Böhmische Schweiz

Und die Kontrollen wirken. Der nordböhmische Wintersportort Bedřichov (Friedrichswald) im Isergebirge ähnelt einem Geisterort. Bei besten Schneebedingungen würden sich hier sonst Tausende Menschen auf Skiern tummeln. Jetzt dürfen die Loipen nur Einheimische und Profisportler nutzen. Auch der Nationalpark Böhmische Schweiz meldet leere Orte. Gut für die beginnende Brutsaison geschützter Tiere wie des Wanderfalken oder des Schwarzstorches. Und auch an den Tyssaer Wänden ist es leer.

Wie zur Bestätigung sind die Zahlen der Neuinfektionen am Freitag schon den vierten Tag in Folge im Wochenvergleich gefallen. Ist das schon die Wende? Der Mathematiker René Levínský ist im Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk vorsichtig, aber räumt ein: „Geholfen hat die Pflicht, FFP2-Masken zu tragen. Aber eine Änderung des Verhaltens trat bereits vor der Abriegelung der Kreise und Gemeinden ein“, sagt Levínský. Vor dem Hintergrund der massiven Testkampagne seit dieser Woche ist es sogar ein gutes Zeichen, dass die Infektionszahlen trotzdem nicht gestiegen sind.

Was allerdings weiter steigt, sind die Patientenzahlen in den Krankenhäusern. Am Donnerstag erreichten sie knapp 8.700. „Ich erwarte noch einen Anstieg auf bis zu 10.000“, sagt Levínský.

Böhmen zieht Impftempo an

Trotzdem blieben Verlegungen von Patienten in sächsische Krankenhäuser bislang aus. Im Bezirk Ústí (Aussig) sei die Lage zwar angespannt. Aber im Moment würden die Zahlen stagnieren, sagt Koordinator Josef Škola. Eine kurze Atempause, die aber schnell vorbei sein kann. Die Krankenhäuser drückt der Personalmangel. „Wir bräuchten 45 Ärzte und 181 Schwestern“, klagt Petr Severa, Leiter des Referats Gesundheit beim Bezirk Ústí. Deswegen sprach Bezirkshauptmann Jan Schiller erstmals Arbeitsanweisungen an vier ambulante Mediziner aus, um im Krankenhaus Děčín auszuhelfen.

Größter Hoffnungsschimmer neben den leicht sinkenden Infektionszahlen ist das Impftempo. Das zog Anfang März spürbar an. Seitdem werden in ganz Tschechien täglich über 30.000 Dosen verimpft. An Wochenenden sind es über 10.000. Noch in dieser Woche wird in Tschechien eine Million Menschen geimpft sein, davon eine Viertelmillion bereits zum zweiten Mal.

Tschechien fährt dabei zweigleisig. Im Bezirk Ústí werden fünf große Impfzentren aufgebaut. Dazu beginnen nächste Woche auch erste Hausärzte mit dem Impfen. Noch mangelt es an dem dafür geeigneten Impfstoff von Astrazeneca. Fast 85 Prozent der Impfungen erfolgen in Tschechien mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer.

Radikale Lösung gefordertRené Levínský warnt, dass die dramatische Phase noch lange nicht vorbei ist. Um die Krankenhäuser zu entlasten, hat er einen radikalen Vorschlag parat: „Über Ostern zehn Tage alles zu machen, auch die Industrie.“ Denn dort komme es noch immer zu vielen Kontakten. Das hat die Regierung bislang aber immer abgelehnt. Allerdings wird erwartet, dass die Regierung in absehbarer Zeit keine Lockerungen beschließt. Die noch bis 21. März geltenden Maßnahmen sollen verlängert werden.

Noch mehr Nachrichten aus Pirna, Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz.

Mehr zum Thema Pirna