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Was hinter Tschechiens Einreiseregeln steckt

Aus Sorge vor der Delta-Variante verschärft Tschechien die Einreiseregeln. Fehler des letzten Sommers will man in Sachsens Nachbarland unbedingt vermeiden.

Tschechien will die Corona-Fehler des vorigen Sommers nicht wiederholen.
Tschechien will die Corona-Fehler des vorigen Sommers nicht wiederholen. © PR/Prague City Tourism

Prag. Ein reichliches Jahr ist es her, da Tausende Prager und ihre Gäste an einem langen Tisch auf der Karlsbrücke mit Schnittchen und reichlich Getränken den „Sieg über Corona“ feierten. Die Bilder davon gingen um die ganze Welt.

Als einen Monat später Gesundheitsminister Adam Vojtěch vorsorglich die Maskenpflicht wieder einführen wollte, wurde er von Regierungschef Andrej Babiš ausgebremst. Der dachte an die nahenden Regionalwahlen und wollte seine Gewinnchancen nicht mit neuerlich nervenden Verordnungen gegen die Pandemie verspielen.

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Das wird ein richtiger Entdeckersommer. Pünktlich zum Start der Sommerferien fahren Familien immer mittwochs günstig durch die Region.

Das Ergebnis ist bekannt: Corona schlug im Herbst und nach dem Jahreswechsel so heftig zu, dass Tschechien vom einstigen Vorzeigeland zum Land mit den vergleichsweise höchsten Zahlen in Europa wurde.

Corona in Tschechien: "Fehler des vorigen Sommers nicht wiederholen"

Das soll es nicht noch einmal geben. Babiš hat die Parole ausgegeben: "Wir dürfen die Fehler des vorigen Sommers nicht wiederholen. Besonders, was die neuen Mutationen angeht, müssen wir vorsichtig sein.“

Und so hatte diesmal Gesundheitsminister Vojtěch - der nach drei anderen Kurzzeitministern wieder in diesem Amt ist - in der Regierung leichtes Spiel, sich durchzusetzen. Die Folge sind die Verschärfungen, die am Freitag in Kraft treten.

Touristen von neuen Einreiseregeln betroffen

Betroffen sind davon vor allem die tschechischen Rückkehrer von Urlaubsreisen im Ausland, aber auch Touristen, die nach Tschechien reisen.

Die alle müssen eine komplette zweifache Impfung nachweisen, wobei die zweite Impfung mindestens zwei Wochen zurückliegen muss. Wer da passen muss, braucht einen Covid-Test. Der kleine Grenzverkehr ist davon ausgenommen.

Für Touristen und Rückkehrer aus ausgewählten, exotischeren Ländern gilt in jedem Fall eine 14-tägige Quarantäne. Aus der kann man sich frühestens mit einem Test nach fünf Tagen befreien. Gesundheitsminister Vojtěch will damit die Verbreitung der Delta-Variante so gut es geht verhindern.

Die aktuelle Corona-Lage in Tschechien

Auf den ersten Blick sieht das nach Panikmache aus, weil die Corona-Situation in Tschechien stagniert. Nur in Prag steigen die Zahlen sehr leicht. Aber erst Ende der Woche wird man Genaueres sagen können. Tschechien hat ein langes Wochenende mit zwei Feiertagen hinter sich. Da wurde weniger als sonst getestet. Die Ergebnisse, die von Sonntag bis Mittwoch gemeldet wurden, sind nicht aussagekräftig genug.

Erhöhte Vorsorge gilt auch im Land selbst. Wer nicht zweimal geimpft wurde oder genesen ist, darf nur mit einem Test in Kneipen oder zu Veranstaltungen. Mehr als bisher will die Regierung auch die Arbeitgeber in die Maßnahmen einbinden. Rückkehrern aus einem Auslandsurlaub soll die Wiederaufnahme der Arbeit verwehrt werden, wenn sie nicht vollständig geimpft oder getestet sind.

Andrej Babis, Premierminister von Tschechien, mahnt mit Blick auf die neuen Mutationen zur Vorsicht.
Andrej Babis, Premierminister von Tschechien, mahnt mit Blick auf die neuen Mutationen zur Vorsicht. © CTK

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Mehr Druck beim Impfen

Flankiert werden sollen die erwähnten Maßnahmen mit mehr Druck beim Impfen. „Wir ändern die Strategie insoweit, als wir mit neuen Impfstellen dorthin gehen, wo die Menschen sind: in die Firmen, in die Einkaufszentren und auf die Bahnhöfe“, kündigte Gesundheitsminister Vojtěch an. „Dort überall werden mobile Teams tätig sein.“

Hintergrund: Bislang sind nur etwa 30 Prozent der Einheimischen vollständig geimpft. Namentlich ältere Menschen. Die Jüngeren sind schlechter geschützt. Um das zu ändern, können sich jetzt auch Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren zum Impfen anmelden. Das ist aber nicht unumstritten. Es gibt nicht wenige Experten, die dafür plädieren, die Kinder ihr Leben leben zu lassen. Andere aber erinnern daran, dass die Jüngsten in Tschechien wegen der Pandemie fast eineinhalb Jahre keine Schule mehr von innen gesehen haben.

Sorge vor nachlassender Impfbereitschaft

Richtig besorgt macht die Verantwortlichen, dass - wie auch in anderen Ländern wie Deutschland - die Impfbereitschaft nachlässt, viele Leute aus Sorglosigkeit den zweiten Termin einfach schwänzen. Das ist zunehmend auch ein Thema in den Medien.

Die große Regionalzeitung Deník setzte sich am Mittwoch mit dem Argument auseinander, dass es in einem freien Land keine Art Impfpflicht geben dürfe: „Freiheit ist nur dann Freiheit, wenn der Bürger auch Verantwortung trägt“, schrieb das Blatt. „Das rückläufige Interesse an Impfungen deutet darauf hin, dass sich ein Großteil unserer Gesellschaft nicht verantwortungsbewusst verhält. Hier ist der demokratische Staat gefordert, Verantwortungsbewusste zu begünstigen und Unverantwortliche zu benachteiligen.“

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