Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Pirna
Merken

Der Tscheche, der ohne Pinsel malt

Ein Rentner aus Chomutov schafft täuschend echte Werke berühmter Maler – mit Nadel und Faden und viel Geduld.

Von Steffen Neumann
 5 Min.
Teilen
Folgen
NEU!
Odon Brummeisen – umgeben von seinen Lieblingsmalern. Vor sich hält er „Der Kuss“ von Pablo Picasso, gestickt von ihm selbst. An der Wand hängen seine Nachbildungen der Werke von Jan Zrzavý und Pablo Picasso.
Odon Brummeisen – umgeben von seinen Lieblingsmalern. Vor sich hält er „Der Kuss“ von Pablo Picasso, gestickt von ihm selbst. An der Wand hängen seine Nachbildungen der Werke von Jan Zrzavý und Pablo Picasso. © 20.03.2022 18:51

Weltberühmte Bilder hängen gerade in der städtischen Galerie von Jirkov (Görkau), einer Kleinstadt südlich des Erzgebirges. „Les Demoiselles d’Avignon“ (Die jungen Frauen von Avignon) und „Der Kuss“ (Die Umarmung) von Pablo Picasso hängen neben Werken von Henri Matisse, Paul Gauguin und František Kupka. Doch was auf den ersten Blick frappierend echt wirkt, entpuppt sich beim näheren Hinschauen als, ja was eigentlich? Eine Kopie? „Nein, eine Neuschöpfung“, entgegnet der Schöpfer Odon Brummeisen. Der 74-jährige hat die Gemälde nämlich gestickt. Künstler möchte sich Brummeisen, der im benachbarten Chomutov (Komotau) wohnt, aber nicht nennen. Wenn, dann Handwerker.

„Wenn ich mir ein Gemälde ausgesucht habe, kopiere ich es in die richtige Größe. Dann kommt die Aufteilung in Quadrate“, beschreibt Brummeisen seine Arbeitsweise. Bei der Aufteilung geht es darum, jedem Stich genau die richtige Farbe zuzuweisen. „Und dann geht es schon los mit sticken“, sagt Brummeisen. Das kann pro Werk je nach Schwierigkeitsgrad zwischen 200 und 300 Stunden dauern und braucht über 40.000 Stiche. „Ich sticke nicht jeden Tag. Ich habe ja auch noch andere Hobbys. Manchmal sind es nur zwei bis drei Stunden. Aber wenn es mich packt, dann sticke ich auch mal den ganzen Tag am Stück“, erzählt Brummeisen.

Schlaflos zum Künstler

Das Hobby kam zu ihm vor über 40 Jahren. 1979 stickte er sein erstes Werk. Damals war es ein gut gemeinter Tipp eines Psychologen, denn Brummeisen litt an einer schlimmen Krankheit: Schlaflosigkeit. „Ich habe 16 Jahre meines Lebens nicht geschlafen. Die Ärzte meinten, ich müsste längst tot sein. Wenn ich mal schlief, dann höchstens 20 Minuten“, erzählt Brummeisen. Die Krankheit ereilte ihn im besten Alter. Er war Anfang 30, hatte Familie und eine gute Arbeit. Auf ein abgebrochenes erstes Studium folgte ein Bauingenieurstudium. In dem Beruf begann er zu arbeiten. Doch seine Krankheit sollte alles verändern. Irgendwann wurde er in Invalidenrente geschickt.

Die Stickerei vertrieb zwar nicht die Schlaflosigkeit, aber sie half ihm, sich zu beruhigen. „Wenn man so eine Nacht durchwacht, prasseln die Gedanken nur so auf einen ein“, erinnert sich Brummeisen. Also stickte er. Das war damals sehr populär, weiß Hana Zvalová. Sie betreibt in ihrer Freizeit die Galerie in Jirkov und erinnert sich an einen regelrechten Trend. „Besonders beliebt war es, den Hradschin oder die Karlsbrücke zu sticken. Diese Motive fand man damals fast in jeder Wohnung“, erzählt Zvalová. Damals, das war in den 1960er- und 1970er-Jahren. Brummeisen fand zu dem Hobby also erst in der Endphase dieses Trends, und ihm ging es auch nicht um den Hradschin.

Keine Angst vor Farbe

Nach einer Phase des Ausprobierens hatte er seine Motive gefunden. „Am liebsten mag ich die Impressionisten. Zu meinen Favoriten gehört Picasso, von den Tschechen Jan Zrzavý“, verrät Brummeisen. Zu bildender Kunst hatte er bereits in seinem Architekturstudium einen Zugang gefunden. Zugegebenermaßen passen Impressionisten und die genannten Künstler aber auch gut zur Sticktechnik. Sie malen in einfachen Kompositionen und flächig.

Trotzdem wagt sich Brummeisen auch an komplizierte Bilder. Ein Beispiel ist der bereits genannte „Kuss“ von Pablo Picasso aus dem Jahr 1924. Das ineinander verschlungene Paar lässt sich nur schwer auseinanderhalten. „An dem Bild arbeitete ich mit Unterbrechungen drei Jahre“, sagt Brummeisen nicht ohne Stolz. Er legt Wert auf hochwertige Wolle und bezieht sie immer von der gleichen Firma, die ihm immerhin 30 bis 40 Farben bietet. Auch wenn er die Bilder präzise nachbildet, leistet er sich eine Veränderung. „Meine Werke sind farbenfreudiger. Ich mag Farben“, sagt er.

In der Galerie Jirkov sind die Werke Odon Brummeisens noch bis Ende März ausgestellt. Eine weitere Ausstellung folgt im Sommer auf Schloss Cervený Hrádek (Rothenhaus). Foto: Steffen Neumann
In der Galerie Jirkov sind die Werke Odon Brummeisens noch bis Ende März ausgestellt. Eine weitere Ausstellung folgt im Sommer auf Schloss Cervený Hrádek (Rothenhaus). Foto: Steffen Neumann © Steffen Neumann

Das Sticken erfordert hohe Konzentration. Setzt er nur einen Stich falsch, kann das weitreichende Folgen haben. „Einen falschen Stich sieht man vielleicht nicht sofort, aber man hat beim Betrachten das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmen kann“, weiß er. Ein Zurück gibt es kaum. Denn beim Auftrennen droht das Reißen des Leinens, in den er stickt. Dann muss er von vorn anfangen. Aber das passiert ihm nur sehr selten.

Über 150 Werke sind in den vielen Jahren zusammengekommen. An eine Ausstellung hat er nie gedacht, erst recht nicht an Verkauf. „Viele habe ich verschenkt. Der Rest hing auf dem Gang meines Altersheims“, sagt Brummeisen. Dieser Gang ist zwar sehr lang und das Altersheim ein Hochhaus. Aber die Feuerwehr erlaubt die Ausstellung nur auf einer Etage. Dass seine Bilder nun erstmals in einer repräsentativen Ausstellung öffentlich gezeigt werden, hat daher auch einen einfachen Anlass. „Meine Tochter meinte, es sei kein Platz mehr, wir müssten etwas unternehmen“, schildert Brummeisen. Die Tochter wusste aber auch, dass er sich über eine Ausstellung freuen würde, und organisierte sie für ihn.

Begehrte Kunst

Zwar gab es schon eine kleine Schau in einer Bibliothek in Chomutov. Doch Bekanntheit erlangte Brummeisen erst jetzt mit der Ausstellung in Jirkov. „So viele Besucher hatten wir noch nie, und die Werke wurden auch schon gekauft“, freut sich Hana Zvalová. Ein Werk kostet rund 200 Euro. Die Galerie hat die Ausstellung deshalb um einen Monat bis Ende März verlängert. Besucher kommen nicht nur aus der Umgebung, sondern aus ganz Tschechien und dank eines ARD-Beitrags auch aus Sachsen.

Odon Brummeisen freut es. Seine Schlafkrankheit ist übrigens längst passé. „Heute schlafe ich so gut wie nie zuvor“, sagt er. Dazu trägt auch der späte Erfolg bei. Er, der gern parallel arbeitet, hat schon wieder sechs Bilder in Arbeit. Dass einige Bilder verkauft wurden, spornt ihn an. „Jetzt ist ja wieder Platz“, lächelt er. Ideen für neue Motive hat er genug. „Ich habe eine Sammlung einer Kunstzeitschrift zu Hause, da gibt es noch viel für mich zu sticken“, sagt er.

Sein Name scheint übrigens wie geschaffen für eine Künstlerkarriere, ein Künstlername ist er keineswegs. Er soll aus Norwegen stammen, weiß Brummeisen, aber nichts Genaueres.

  • Galerie Jirkov, Kostelní 47, 431 11 Jirkov, Geöffnet: Dienstag, 10-12.30 Uhr, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, 15-17.30 Uhr, Samstag, 14-17.30 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung: +420 724 685 288