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Die besondere Uhr mit der Nase

Die Bahnhofsuhr in Dolní Žleb ist die einzige ihrer Art in Tschechien. Das hat etwas mit Sachsen zu tun.

Miloš Vavricka an der einzigen Nasenuhr Tschechiens. In der linken Hand hält er ein Stück originalen „Zaun“. Er musste neu gegossen werden.
Miloš Vavricka an der einzigen Nasenuhr Tschechiens. In der linken Hand hält er ein Stück originalen „Zaun“. Er musste neu gegossen werden. © Steffen Neumann

Oldřich Bezák telefoniert. Er habe einen Güterzug, ob der auf deutscher Seite weiterfahren kann? Am anderen Ende ist die sächsische Grenzstation Schöna. Der Bescheid ist positiv und wenige Augenblicke später donnert der Güterzug durch die kleine Station Dolní Žleb (Niedergrund) Richtung Deutschland.

Telefonat über die Grenze

Dolní Žleb im Elbtal ist die letzte Bahnstation Tschechiens vor der Grenze zu Sachsen. Alle zwei Stunden hält hier die Nationalparkbahn, alle anderen Züge rauschen nur durch. Auf den ersten Blick eigentlich eine unbedeutende Station. Trotzdem wechseln sich hier in 12-Stunden-Schichten immer noch ganz klassisch Bahnhofsvorsteher ab. Die Information über den nahenden Zug aus dem Inland erhält Bezák schon über Computer. So läuft es fast in ganz Tschechien. Die meisten Stationen sind nicht mehr mit Personal besetzt, sondern werden digital von größeren Bahnhöfen aus gesteuert, wie Děčín (Tetschen) oder Ústí nad Labem (Aussig). Ausnahme sind einige mittlere oder kleine Stationen, wo die Anwesenheit von Personal erforderlich ist, wie in Dolní Žleb. „Wir sind eine Grenzstation. Da erbitten wir die Freigabe für die Züge nach Deutschland noch per Telefon“, sagt Bezák, der hier schon sieben Jahre dient.

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Die Station ist jedoch nicht nur als Grenzstation besonders. Sie hat auch ein historisches Unikat, das in ganz Tschechien seinesgleichen sucht: eine Nasenuhr. So nennt man den Typ Bahnhofsuhr, welcher seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Betrieb war. Der Name stammt vom Aussehen der Uhr in der Form eines Prismas. Sie stand wie eine Nase vom Bahnhofsgebäude ab. Dadurch war die Zeit vom ganzen Bahnsteig aus gut zu erkennen.

„Dass die Uhr heute noch existiert, ist ein kleines Wunder“, sagt Miloš Vavřička vom Gebietsmuseum in Děčín. Irgendwie hat sie die Zeit überdauert, was wie Vavřička meint, wohl auch der Fürsorge der Stationsvorsteher zu verdanken war. Doch irgendwann half auch das nicht mehr. Die Uhr war schon sichtlich beschädigt und brauchte dringend eine Restaurierung. Da half die Fügung. Die Eisenbahnnetzverwaltung Správa železnic sanierte die Strecke und auch die Grenzstation. „Wir bekamen einen Tipp von einer Stationsvorsteherin, ob wir uns der Uhr nicht annehmen wollen“, erzählt Vavřička. Doch als den Verantwortlichen bei der Bahnverwaltung klar wurde, um was für eine seltene Uhr es sich handelt, landete sie nicht im Museum, sondern wurde von Grund auf restauriert und kehrte auf ihren Platz zurück.

Ein Blick in das Uhrwerk.
Ein Blick in das Uhrwerk. © Steffen Neumann

„Es ist die älteste noch intakte Bahnhofsuhr auf dem Gebiet der Tschechischen Republik“, sagt Dušan Gavenda, Sprecher von Správa železnic. Und noch etwas ist besonders. Die Bahnhofsuhren in Österreich-Ungarn sahen anders aus. Dass diese Nasenuhr überhaupt hier hängt, hat mit dem Bau der Strecke Dresden – Prag vor 170 Jahren zu tun. „Damals kam die sächsische Seite schneller voran. Der Abschnitt in Tschechien war länger und anspruchsvoller. Also bot Sachsen dem damaligen Österreich-Ungarn an, zusätzlich den Teil bis Děčín zu bauen“, erzählt Vavřička. Danach befand sich die Strecke bis 1945 in sächsischem Besitz. Entsprechend wurde auf der Station eine sächsische Uhr installiert. Aber auch in Sachsen hängen solche Uhren nur noch selten. Eine ist im Verkehrsmuseum in Dresden zu besichtigen.

Import aus dem Erzgebirge

„Die Uhr muss irgendwann nach 1910 hierher gekommen sein. Vorher hatte der Bahnhof gar keine Uhr, wie auf einer Aufnahme von 1910 zu sehen ist“, weiß Vavřička. Der Kunsthistoriker bekam heraus, dass sie 1875 in der Turmuhrenfabrik im erzgebirgischen Carlsfeld produziert wurde. Die Fabrik in Carlsfeld gehörte zu mehreren sächsischen Firmen, die damals Bahnhofsuhren herstellten. Gegossen wurde das gute Stück in der Gießerei Lattermann & Söhne in Morgenröthe. „Bei der Restaurierung halfen vier Gewerke. Ein Uhrmacher, ein Tischler, ein Glaser und ein Schmied“, zählt Vavřička auf. Die Uhr musste komplett auseinandergenommen und Teile ersetzt oder neu hergestellt werden.

Einmal am Tag zieht Bahnhofsvorsteher Oldrich Bezák die Uhr mit einer kleinen Handkurbel auf.
Einmal am Tag zieht Bahnhofsvorsteher Oldrich Bezák die Uhr mit einer kleinen Handkurbel auf. © Steffen Neumann

Wichtige Hinweise bekam Vavřička von Jens Kühnemann aus Plauen, einem Experten für Bahnhofsuhren. Durch Kühnemann wusste er, dass die Uhr aus Carlsfeld stammt. Von ihm bekam er auch den Tipp für die dunkelgrüne Farbe. „Eine Untersuchung hatte bis zu zwölf unterschiedliche Farben identifiziert, mit denen die Uhr einst angemalt war. Kühnemann riet uns zu dem dunklen Farbton“, sagt der Kunsthistoriker. Allerdings hat die Uhr auch Eigenheiten, wie sie selbst Kühnemann noch nicht kannte. „Jede Uhr hat oben eine Art kleinen Zaun. Der war fast zerstört. Doch wir konnten zeigen, dass sein Muster anders war als jener in Sachsen“, erzählt Vavřička.

Licht von Petroleum

Seit einiger Zeit zeigt die Uhr wieder treu die Zeit an. Sie läuft wie im Original rein mechanisch. Nur die Beleuchtung erfolgt nicht mehr über eine Petroleumlampe. Der dafür nötige Luftabzug ist aber ebenfalls restauriert worden. Heute beleuchten LED-Lampen das Zifferblatt. Das mechanische Uhrwerk befindet sich im Warteraum der Station. Es läuft 30 Stunden, dann muss es wie früher per Hand aufgezogen werden. In Dolní Žleb kümmern sich Oldřich Bezák und seine Kollegen darum, so lange es sie noch gibt. „In rund fünf Jahren soll die Strecke mit dem europäischen Sicherheitssystem ETCS ausgestattet werden“, kündigt SŽ-Sprecher Gavenda an. Dann wird auch Dolní Žleb ferngesteuert und die Uhr elektronisch aufgezogen.

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