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Dubí - leer oder nur umgezogen?

Die tschechische Stadt wirkt, als würde der Lockdown immer noch gelten. Doch der Eindruck täuscht.

Goldgräberstadt nach dem Rausch: Dubí wirkt wie ausgestorben. Doch der Eindruck täuscht.
Goldgräberstadt nach dem Rausch: Dubí wirkt wie ausgestorben. Doch der Eindruck täuscht. © Egbert Kamprath

Die Bilder aus den neunziger Jahren sind noch im Kopf. Wenn es um das kleine tschechische Grenzstädtchen Dubí geht, entsteht auch der kilometerlange Straßenstrich wieder vor dem inneren Auge, mitsamt der ganzen Flotte an halbseidenen Pensionen und blinkenden Einkehrmöglichkeiten dahinter.

Zu Unrecht: Entlang der E55 ist an diesem Sommertag im Juli keine einzige Prostituierte zu sehen. Nichts blinkt entlang der zweieinhalb Kilometern von der rot-weiß-gestreiften Kirche bis zum Penny. Die Ruská - so der eigentliche Straßenname - liegt ruhig in der Mittagssonne. So ruhig, dass es schon fast unheimlich ist. Wohnt hier überhaupt noch jemand?

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Vergilbt, verschlossen, vernagelt

Der Asiamarkt vor den Toren der Stadt ist auf einen einzigen Stand zusammengeschrumpft, und auch der hat seine Eisengitter nicht zur Seite geschoben. Bis auf den Pennymarkt hat jeder einzelne Laden entlang der Straße geschlossen. Menükarten vergilben in Aushängekästen, Aufkleber verbleichen auf ungeputzten Scheiben, Sperrholz versperrt die Tür zu einem Potraviny. Die Tür zur Spielhalle hat keine Klinke mehr.

Die einstigen Erotikbars an der Ruská stehen leer, die Häuser verfallen.
Die einstigen Erotikbars an der Ruská stehen leer, die Häuser verfallen. © Egbert Kamprath

Die letzten Schließungen könnten auch auf das Konto des Corona-Lockdowns gehen: Ein geschlossener Textil-Outlet-Store sieht aus wie eben erst eröffnet. In einem anderen Ladengeschäft werkeln ein paar Männer. Doch die Zeit, in der Dubí die erste Adresse für billige Prostitution und billige Zigaretten hinter der Grenze war, ist bereits seit 2006 vorbei. Damals wurde die Autobahn nach Usti in Betrieb genommen, ein Jahr später trat Tschechien dem Schengenraum bei. Seitdem fallen auch noch die Grenzkontrollen weg - und damit die Gründe für Lkw-Fahrer, in Dubí anzuhalten. Auf der Ruská gleicht Dubí einer verlassenen Goldgräberstadt.

Dieser Laden sieht aus, als hätte er erst kürzlich geschlossen. Viele andere Geschäfte auf der Ruska stehen offensichtlich schon seit langer Zeit leer.
Dieser Laden sieht aus, als hätte er erst kürzlich geschlossen. Viele andere Geschäfte auf der Ruska stehen offensichtlich schon seit langer Zeit leer. © Egbert Kamprath

Ganz normaler Alltag

Doch der Eindruck täuscht: Auf dem Betriebsgelände der Ruská 287 kurven Gabelstabler, Männer laden Bohrkerne ab. Sie stammen aus Cínovec, dem nördlichsten Ortsteils Dubis. Dort liegt die größte Lithium-Lagerstädte Europas. Um sie zu erschließen, trägt die tschechische Firma Geomet seit elf Jahren Daten zusammen.

Ein Stück weiter Richtung Rathaus hat ein Fußbodenverleger seiner Geschäftsausstellung eine moderne Holzfassade verpasst. Und nur ein paar Schritte hinter dem Rathaus zeigen: Das Städtchen, dass um die Jahrhundertwende mit guter Gebirgsluft und dem Heilbad Theresienbad zum Kurort aufstieg, kann mit dem ganz normalen Alltag einer 8000-Einwohner-Kommune aufwarten. Jugendliche sitzen auf einer Caféterrasse, und entlang der Krušnohorská gibt es plötzlich auch wieder ein paar Lädchen: eine Drogerie, ein Blumenladen und tatsächlich auch einer dieser winzigen Potraviny-Lebensmittelläden.

Angebote für Einwohner, nicht für Einkaufstouristen

Das Angebot ist nicht speziell auf deutsche Einkaufstouristen zugeschnitten - denn die erledigen ihre Einkäufe ohnehin entweder schon in Cínovec oder gleich in Teplice. Auch die musikalischen Nachmittage im Park vor der Kirche zur Jungfrau Maria sind für die Einwohnerschaft gedacht. Die Grundschule leuchtet gelb mit einem frischen Anstrich. Die Tageszeitung meldet, dass auch das Schwimmbad Plivatka in diesem Jahr endlich saniert wird.

15 Jahre, nachdem die Prostitution mit dem Verschwinden des Lastverkehrs auf der E55 einen Großteil ihrer Geschäftsgrundlage verlor, ist Dubí wieder bei sich selbst angekommen - die Stadt gepflegter Gärten und Villen, des tschechischen Porzellans und des Theresien-Kurbads im böhmischen Erzgebirge.

Dubís Probleme fingen vor der Wende an

Dennoch: Dubís Probleme fingen bereits vor der Wende an. Das ergab eine soziodemografische Studie des tschechischen Amts für soziale Integration von 2018. In den achtziger Jahren gab es Pläne, einen Teil des Gemeindegebietes dem Kohlebergbau zu opfern. Entsprechend ging damals Dubís Einwohnerzahl zurück. Der Schwerlastverkehr auf der E55 wiederum machte das Wohnen entlang der Ruská besonders unattraktiv.

Spätestens seit den neunziger Jahren haben die Häuser dort den Ruf ehemaliger Bordelle und ähnlicher Etablissements. In der Folge lassen sie sich schwer verkaufen. Am ehesten an diejenigen, die hier schon in den neunziger Jahren Geschäfte machten - und die Wohnungen jetzt vermieten.

"Armutshandel" heißt das in Tschechien: Die Mieter, beispielsweise Roma, hätten andernorts häufig keine Chance auf eine Wohnung. Sie können nicht wählerisch sein, bekommen aber staatliche Zuschüsse zu ihrer Miete. Für die Vermieter ein legales Geschäft, weit weniger riskant als Prostitution und Drogen. Dazu kommt, das die ganze Region Usti nad Labem seit der Wende mit Bevölkerungsrückgang und alternder Bevölkerung zu kämpfen hat. Diese Entwicklung geht auch an Dubí nicht vorbei.

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