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Einmal rund um Tschechien

Unterwegs auf dem neuen Fernwanderweg, auf dem man das Land umrunden kann. Er ist 2.000 Kilometer lang und man begegnet sogar richtigen Engeln.

Einmal oben rum, einmal unten rum: Jeweils 1.000 Kilometer lang sind die Nord- und die Südroute des Fernwanderwegs. Und in angemessenen Etappen für jeden Wanderer machbar.
Einmal oben rum, einmal unten rum: Jeweils 1.000 Kilometer lang sind die Nord- und die Südroute des Fernwanderwegs. Und in angemessenen Etappen für jeden Wanderer machbar. © www.stezkaceskem.cz/ Martin Úbl.

Wo für andere das Tagespensum bereits geschafft ist, hört Lenka Hornychová noch lange nicht auf. Es ist gerade einmal 13 Uhr und sie hat bereits etwas über 21 Kilometer in den Beinen. Jetzt steht sie an der Bahnstation Mikulov-Nové Mesto im Erzgebirge und möchte noch bis Cínovec. Zu Fuß. Am Ende werden es über 30 Kilometer sein.

„Heute lief es. Ich habe gut geschlafen und bin früh los“, sagt Lenka. An den Füßen trägt sie Sandalen. „Meine Schuhe sind nass geworden. Jetzt scheint die Sonne, da lasse ich sie lieber trocknen“, sagt sie und zeigt auf die roten Schuhe, die an ihrem Rucksack baumeln. Auch das sind keine Wanderschuhe, sehen eher aus wie Laufschuhe. „Ja, mit denen laufe ich, mein zweites Hobby. Sie sind auch bequem zum Wandern und dazu noch leichter“, sagt sie..

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Lenka Hornychová ist nicht etwa eine Spaziergängerin, die eben mal einen kleinen Ausflug macht. Sie ist schon den dritten Tag unterwegs auf einem Weg durch Tschechien; auf Tschechisch: „Stezka Ceskem“. Diesen Fernwanderweg gibt es erst seit wenigen Monaten. Genau genommen verläuft er gar nicht durch Tschechien, sondern einmal rund ums ganze Land: als nördliche und südliche Variante.

Vom westlichsten zum östlichsten Punkt

Beide Wege sind etwas über 1.000 Kilometer lang und führen jeweils vom westlichsten zum östlichsten Punkt der Republik. Dabei passieren sie über ein Dutzend Gebirge und alle vier tschechischen Nationalparks. Da auch der nördlichste und südlichste Punkt Teil der Strecke sind, hat man am Ende einmal das ganze Land umrundet.

© SZ Grafik

Ausgedacht hat sich den Weg der Globetrotter Martin Úbl, der schon viele Trails auf dem Balkan, auf Korsika und zuletzt in Kanada gewandert ist. Dort kam ihm auch die Idee für einen ähnlichen Fernwanderweg in seiner Heimat. „Damals dachte ich, es ist doch schade, dass wir bei uns keinen solchen Weg haben. Also nahmen wir das selbst in die Hand“, erzählt Úbl. Bislang existiert die Wegführung nur im Internet. Doch Úbl konnte bereits den Klub tschechischer Touristen als offiziellen Partner gewinnen. Der will nun den „Stezka Ceskem“ markieren. „Die ersten Schilder hängen bereits. Bis zum Beginn der nächsten Saison soll der ganze Weg durchmarkiert sein“, sagt Úbl. Auch ohne Markierung werde der Weg bereits fleißig genutzt. „Etwa 1.500 Wanderer sind ihn schon gegangen, gerade unterwegs oder haben es in Kürze vor. 30 haben ihn schon komplett absolviert.“

Úbl weiß das, weil sich rund um den Weg bereits eine Community gebildet hat. Die gleichnamige Facebook-Gruppe zählt schon fast 20.000 Mitglieder. Eine davon ist Lenka Hornychová. „Man kann sich dort viele Tipps holen“, sagt sie. Dabei gehört sie eher zu den Erfahrenen. Seit fünf Jahren frönt Lenka dem Fernwandern. Erst lief sie Tagestouren, bis sie sich mit den Weihnachtspilgern von Porto in Portugal nach Santiago de Compostela in Spanien auf ihren ersten Trail traute.

Schutzhütten im Internet aufgelistet

Anfangs noch gemeinsam mit anderen, ist sie inzwischen eine überzeugte Alleinwanderin. „Beim Wandern bekomme ich den Kopf frei“, strahlt die 42-Jährige. Angst, allein zu wandern, habe sie nicht. „Meine Erfahrung ist, dass es im Gebirge nur gute Menschen gibt.“ An manchen Tagen trifft sie stundenlang gar keinen. Ganz allein in der Natur unterwegs zu sein, bereitet ihr Glücksgefühle. „Außerdem lerne ich so meine Heimat viel besser kennen.“

Beim Wandern vergeht kaum ein Kilometer, auf dem sie nicht ausruft: „Das ist so schön hier!“ Da sie einer regelmäßigen Beschäftigung nachgeht, läuft sie den Fernwanderweg in Etappen. Anfang Juli hat sie im Westen begonnen. 150 Kilometer in fünf Tagen. Doch eine Entzündung im Fuß zwang sie, in Hora Svatého Šebestiána die Strecke zu unterbrechen. Nach der Zwangspause daheim in Semily ging es Ende Juli weiter.

Ihr Rucksack wiegt knapp zehn Kilogramm. „Drei Kilo sind Verpflegung, das ist variabel, der Rest bleibt gleich.“ Sie hat kein Zelt im Gepäck, sondern ein Tarp, ein Regenschutzdach. Dazu eine kleine Isomatte und einen Schlafsack, ihre Laufuhr, das Smartphone und zwei Powerbanks. Das Tarp spannt sie nur selten auf. Meist findet sie einen Schlafplatz in einer der zahlreichen Schutzhütten. Die können aber sehr unterschiedlich sein und bieten manchmal nur wenig Schutz vor Regen. Eine Übersicht gibt es im Internet. „Ich richte oft mein Tagespensum danach aus. Wenn mir eine Hütte nicht gefällt, laufe ich einfach zur nächsten“, sagt Hornychová.

Trail Angels bieten Übernachtung und mehr

Auf den ersten Blick ist der Tschechien-Trail keine Herausforderung. Er führt größtenteils durch Mittelgebirge. „Die Strecke an sich ist nicht so anspruchsvoll“, bestätigt die Wanderbegeisterte. „Meist zwingt aber das Wetter zum Aufgeben. Denn das ist gerade im Gebirge oft schlecht.“

Ans Aufgeben denkt Lenka aber nicht. Auch von zwei Tagen Dauerregen hat sie sich nicht unterkriegen lassen. Doch für heute hat sie Aussicht auf einen trockenen Schlafplatz. „Ich habe ein Zelt bei einem Trail Angel in Cínovec.“

Die Trail Angels, also Streckenengel, sind ein wichtiger Teil des Fernwanderwegs. „Das war von Beginn an geplant, und da kann jeder mitmachen“, sagt Martin Úbl, der auch das Netzwerk der Trail Angels koordiniert. Meist wohnen sie in der Nähe der Strecke und bieten Übernachtungen, eine Dusche oder die Möglichkeit, seine elektrischen Geräte aufzuladen. Noch gibt es nicht viele dieser Engel, in Cínovec aber gleich zwei.

Veronika Pacáková ist eine von ihnen. Als Mutter von drei kleinen Kindern kann sie von Mehrtageswandertouren gerade nur träumen. Sie wohnt mit ihrer Familie direkt am Wanderweg. Ursprünglich hatte sie nur ihre Steckdosen und den Wäschetrockner zur Nutzung angeboten. Doch inzwischen hat sie regelmäßig Übernachtungsgäste.

"Diesen Weg kann wirklich jeder gehen“

„Die zwei Zelte hatten wir für die Kinder gekauft, aber die haben sie gar nicht so genutzt, also lassen wir jetzt die Fernwanderer übernachten“, erzählt die junge Frau. „Das fing ja erst im Mai an, dann aber riss der Strom der Besucher nicht mehr ab“, erzählt Pacáková, die für September ein Treffen aller Wanderer plant. Sie führt sogar ein Gästebuch. Manchmal grillen sie gemeinsam. Langweilig ist es nie, auch wenn es sie vor völlig neue Herausforderungen gestellt hat. Auf einmal hatten sie viel mehr Müll, und das Klo war verstopft.

Heute ist neben Lenka Hornychová auch Oldrich Kelnár zu Gast, der sich nur kurz als „Rentner Olda“ vorstellt. Er hat bei Trail Angel Veronika einen Ruhetag eingelegt. „Von so einer Tour rund um Tschechien habe ich schon als Junge geträumt. Dann kamen Arbeit und Kinder. Aber jetzt gibt es keine Ausrede mehr“, gesteht er.

Fast jeden Tag schreibt jemand in die Facebook-Gruppe, dass dieser Fernwanderweg zum Loswandern ermutigt hat. Für Martin Úbl ist es der wichtigste Grund für den schnellen Erfolg des Trails: „Die Leute haben unser Motto verstanden: Diesen Weg kann wirklich jeder gehen“ Am schönsten sei die Hilfsbereitschaft. „Die Leute merken einfach, dass wir das unentgeltlich machen, und das kommt an.“

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Olda will den nördlichen Weg noch in diesem Jahr beenden. Seine Tagestouren sind mit rund 20 Kilometern etwas kürzer als die von Lenka, aber er hat ja mehr Zeit. Bei ihr wird es noch etwas dauern, bis sie wieder Urlaub hat und die nächsten Etappen in Angriff nehmen kann. Jetzt freut sie sich erst mal, bei Veronika trocken schlafen zu können. Aber dann würde sie gern noch so weit wie möglich kommen. Idealerweise bis nach Chrastava, um auch die dritte Etappe durch die Böhmische Schweiz und das Lausitzer Gebirge zu beenden. Am Ende ist jedoch egal, wie weit man es schafft. Der eigentliche Erfolg ist ein anderer, wie Martin Úbl auf seinen zahlreichen Wanderungen erfahren hat: „Nach vier Tagen wird dir klar, dass die Probleme, die dich sonst umtreiben, hier völlig nebensächlich sind.

www.stezkaceskem.cz

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