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Böhmen entdeckt seinen Marco Polo

Von Deutschgabel aus reiste Georg Tectander im 17. Jahrhunderts nach Persien und schrieb darüber. Ein Liberecer hat die Geschichte nun ausgegraben.

Ondøej Linhart verknüpfte eine alte Reisebeschreibung mit Teeherstellung.
Ondøej Linhart verknüpfte eine alte Reisebeschreibung mit Teeherstellung. © Adam Pluhar

Anfang des 17. Jahrhunderts machte sich der Sohn eines lutherischen Pastors aus Deutschgabel (Jablonné v Podještìdí in Tschechien) von Prag aus auf den Weg zum persischen Hof. Der Name des jungen Mannes war Georg Tectander, geboren 1581, gestorben bereits 1614 durch Unvorsichtigkeit bei einem Pistolenschuss. Im Nachbarland gilt er heute als der „böhmische Marco Polo“. Letzterer war ein italienischer Asienreisender, der durch Berichte über seine Reise nach China im späten 13. Jahrhundert bekannt wurde. Während Marco Polo bis heute ein Begriff ist, geriet Georg Tectander in Vergessenheit.

Doch daran will der Tscheche Ondøej Linhart etwas ändern. Der junge Mann ist Doktorand an der Wirtschaftsfakultät der Technischen Universität Liberec (Reichenberg). Sein Vorhaben ist es, auf den Diplomaten und Reiseschriftsteller Tectander aufmerksam zu machen. Ondøej Linhart nahm sich vor, die aller erste Übersetzung von Tectanders Reiseberichtes aus dem deutschen Original ins Tschechische zu bewältigen und den Text dann herauszugeben. „Das einst in Schwabach gedruckte Buch wurde zu seiner Zeit ein Bestseller“, weiß der Engagierte. Um sein Projekt zu finanzieren, sammelt er Geld über das Internet. Linhart kennt sich aus mit der Lebensgeschichte Georg Tectanders.

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Der blutjunge Diplomat war Mitglied einer Gesandtschaft von Rudolf II. (1552 bis 1612) – der war Erzherzog von Österreich, König von Böhmen und Ungarn sowie Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Die Gesandtschaft sollte Abbas I. (1571 bis 1629), dem Schah von Persien, eine wichtige Depesche überbringen. Darin bat der Habsburger den persischen Herrscher um ein Bündnis gegen die Expansion des Osmanischen Reiches. Bei der überaus beschwerlichen und zwei Jahre andauernden Reise kamen all seine Reisegenossen ums Leben, sodass Tectander als einziger den Schah erreichte und später gesund heimkehrte.

Es war Zufall, der Ondøej Linhart auf dieses Thema aufmerksam machte. „Ich habe bei einem Geschichtswettbewerb ein dickes Buch gewonnen. Darin stieß ich auf eine kurze Notiz über Tectanders Orientreise“, erzählt Linhart. Und so fing er Feuer.

Erste Seite aus „Kurtze (...) beschreibung der Persianischen Reiß“ von Georg Tectander – Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle
Erste Seite aus „Kurtze (...) beschreibung der Persianischen Reiß“ von Georg Tectander – Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle © SZ

Tectanders Weg führte einst über Moskau, wo der Gast vom Zaren Boris Godunow empfangen wurde. Der Zar stellte ihn unter Hausarrest, da Tectander die Zustände außerhalb der Stadtmauern nicht wahrnehmen sollte. Man zeigte ihm nur den Prunk des Hofes, nicht aber die triste Realität des wahren Russlands. Tectanders Schilderungen signalisieren, dass er dem russisch-orthodoxen Glauben ablehnend gegenüberstand. Seine Mission beim Schah konnte der Reisende wohl „getreulich ausführen“ und wurde „von dem persischen Regenten reichlich beschenkt“. So ist es in der gedruckten Version eines Vortrags von Richard Wilhelm nachzulesen. Seine Erlebnisse fasste Tectander 1605 in einem Reisebericht zusammen, der unter dem sperrigen Titel erschien „Kurtze und wahrhaftige Beschreibung der Reiss von Prag aus, durch Schlesien, Polen, Moscaw, Tartareyen, bis an den Königlichen Hoff in Persien“. Von der Erstausgabe, einer Rarität, blieben angeblich lediglich zwei Exemplare erhalten. Eines befindet sich in der ehemaligen Wiener Hofbibliothek, heute Österreichische Nationalbibliothek, das Zweite beherbergt die Bibliothek des Nationalmuseums in Prag. In der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden gibt es unter anderem ein Exemplar der 1610 in Leipzig gedruckten Ausgabe.

Das ursprüngliche Werk mit Zeichnungen von Städten und Bauten zählte 120 Seiten. Eine weitere Fassung wurde auf 80 Seiten gekürzt und erschien 1978 in deutscher Sprache, unter dem Titel „Eine abenteuerliche Reise durch Russland nach Persien 1602-1604“. Auf tschechischer Seite ist nie viel passiert. Neben der Diplomarbeit einer Studentin der Südböhmischen Universität in České Budìjovice fand Linhart in tschechischer Sprache lediglich einige Leseproben und eine Übersetzung aus dem Russischen, die 2014 von Pavel Boèek mit kritischen Anmerkungen versehen und herausgegeben wurde. „Eine Übersetzung des deutschen Originals gibt es bisher nicht“, so der Student. Um die tschechische Version sollen sich nun Freunde von Linhart – Archivare und Übersetzer – kümmern.

Angeregt zur Tee-Produktion

Ondøej Linhart selbst ließ sich davon begeistern, wie Tectander über süße Obstsäfte berichtete, die er in Persien trank. Der Doktorand aus Liberec verknüpft darum diese Story mit dem Aufbau eines kleinen Familienbetriebes, die „Gebackene Tees“ produziert. Die erfreuen sich seit Kurzem in Tschechien wieder großer Beliebtheit und gehen auf ein altes böhmisches Rezept zurück. Dabei werden Obst, Gewürze und Zucker in einem Bräter gebacken. Das Ganze wird später mit kochendem Wasser übergossen und getrunken.

Um die Tees kümmert sich vor allem Linharts Mutter Alena, die die Fruchtgetränke aus nordböhmischen Obstsorten mit Zitronen und Gewürzen zunächst für den Freundeskreis, jetzt auch für Kunden zubereitet. Für das kleine Unternehmen baut die Familie jetzt einen Internet-Laden auf. Beim Versand legen die Linharts den in Gläsern abgefüllten Tees nun ein Heftchen mit Auszügen aus Tectanders Erzählung bei. Der Duft der Tees mit poetischen Namen und das Büchlein wecke eine Sehnsucht nach dem Orient, glaubt die Familie.

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