merken
PLUS Zittau

Seine Kunst verursacht Touristenansturm

Ein Glasmeister nutzt im Lausitzer Gebirge ein Gotteshaus als Ausstellungsort für 300 Exponate. Auch Corona spielt dabei eine Rolle.

Glaskünstler Jiøí Pačinek fertigt am liebsten Pferdeköpfe.
Glaskünstler Jiøí Pačinek fertigt am liebsten Pferdeköpfe. © Pačinek Glass (Archiv)

Ein böhmischer Klassiker macht die kleine Gemeinde Kunratice u Cvikova (Kunnersdorf bei Zwickau) am Südhang des Lausitzer Gebirges seit einigen Monaten zu einem Touristenmagneten. Dank des Glasermeisters Jiøí Pačinek und trotz der Corona-Pandemie kamen seit vergangenem Sommer mehr als 12.000 Menschen in den Ort. Nun rüstet man sich hier – nach Ende des zwischenzeitlichen Lockdowns und der Grenzschließungen – für den nächsten Touristenansturm. Kürzlich wurde auch eine kostbare Neuentdeckung präsentiert – ein rund 150 Jahre altes Gottesgrab aus Kristallglas, das lange unter dem Aufgang zur Empore der Kirche „Erhöhung des Heiligen Kreuzes“ verborgen lag. Ursprünglich hielt man es für einen alten, wertlosen Schrein. „Wir waren überrascht vom recht guten Zustand, eine präzise Reinigung wird da im Grunde ausreichen“, sagt Denisa Mlázovská, die Tourismusmanagerin der Fabrik Pačinek Glass. Die Firma hat die genannte klassizistische Kirche in ihrer Nachbarschaft im Juni des vergangenen Jahres in ihre Obhut genommen und in eine Galerie für Glaskunst umgewandelt.

Im Gotteshaus sind nun mehr als 300 Glaskunstobjekte aus der Werkstatt von Jiøí Pačinek zu sehen. Inspiriert seien die Arbeiten von Tieren, Pflanzen sowie von sakralen (christlichen) Motiven, mit Kronleuchtern in Form einer Dornenkrone oder Engeln. Im Raum stehen einige riesige Plastiken, die Fensterbänke sind mit Vasen, Bechern und Schüsseln dekoriert, sorgfältig nach Farbtönen angeordnet. „Manche sind signiert und stehen zum Verkauf“, so Mlázovská.

Anzeige
Familienabenteuerland Sachsen
Familienabenteuerland Sachsen

Die schönsten Regionen Sachsens, die besten Ausflugsziele und kulinarischen Highlights. Hier gibt's Geheimtipps, die garantiert noch nicht Jeder kennt.

Die Kirche von Kunratice beherbergt nun Glaskunst der hiesigen Firma.
Die Kirche von Kunratice beherbergt nun Glaskunst der hiesigen Firma. © Pačinek Glass (Archiv)

Nur zum Anschauen gedacht, ist eine Darstellung des Coronavirus aus Glas und in Rot sowie eine Serie von Antikörpern. Bei einem dieser Stücke wurden beispielsweise die üblichen spitzen Stacheln durch eine Hundertschaft „helfender Händchen“ ersetzt, die sich dem Beobachter entgegenstrecken. „Die Kollektion entstand als Reaktion auf die Corona-Krise, die seit letztem Jahr weltweit zu spüren ist“, erklärte Künstler Jiøí Pačinek. Ausgestellt sind auch gelbgrün funkelnde Kronjuwelen aus Uranglas, die auch beim Burgfest auf dem Oybin, also beim historischen Einzug des Kaisers Karl IV. mit Gefolge, zu sehen sein sollen. In der Kristallglaskirche werden auch weiterhin Gottesdienste der Pfarrgemeinde gefeiert.

Der heute bereits weltweit bekannte Glaskünstler Jiøí Pačinek stammt aus Litoměøice (Leitmeritz), seine berufliche Laufbahn begann er in Chøibská (Krebitz). Im Jahr 1994 war er auch in der legendären Glaskunstfabrik Ajeto Lindava (Lindenau) tätig, wo er zusammen mit Künstlern, Architekten und Designern gearbeitet hat. Seine voluminösen und zugleich bis ins kleinste Detail herausgearbeiteten Werke verschafften ihm so viel Zuspruch, dass es zum eigenen Markenzeichen Pačinek Glass (seit 2008) nur noch ein kleiner Schritt gewesen sei.

Viren und Antikörper aus Glas.
Viren und Antikörper aus Glas. © Pačinek Glass (Archiv)

Am liebsten verarbeitet er das Glas zu Pferdeköpfen oder zu Meerestieren. Seine erste Glasmanufaktur, mit einem typischen Schmelzofen, errichtete er daheim in Lindava in einem alten Umgebindehaus. Im Jahr 2015 folgte dann die zweite Glasfabrik, in Kunratice, in der er seit dem Vorjahr alle Aktivitäten bündelt. In dieser Ortschaft, im ehemaligen Sudetenland, gab es bisher noch nie einen Glasmacher. Das Gebäude der heutigen Glashütte Pačinek diente ursprünglich als Traktorengarage und Pferdestall. Alles sei am Verfallen gewesen, bevor der Künstler das Gelände übernahm. „Hinter dem Ganzen, das man heute bestaunen kann, steckt unglaublich viel Arbeit und selbstverständlich die Meisterleistung der Glasmacherkunst“, sagt Kvìta Vinklátová, die Landesbeauftragte für Kultur, Denkmalschutz und Tourismus in der Liberecer Region. Man kann hier nebst der Hütte auch die Schleiferei, Shop und den magischen gläsernen Garten besuchen, der mit seiner Farbfülle und optischen Illusionen überrascht. Ursprünglich erstrahlte der Garten auch jede Nacht, doch die Ortsbewohner klagten über den Lichtsmog. Also leuchtet er nur noch bei besonderen Anlässen. Dann fühle man sich hier wie in einem Traum. Längst jedenfalls hat der Garten Stammgäste.

„Auch viele Deutsche kommen hierher, meist mit dem Fahrrad“, erzählt Denisa Mlázovská zu. Bis zur Grenze sind es nur wenige Kilometer. In der Werkskantine könne man sich mit einem Leichtbier erfrischen, das auch den zwölf Glasmachern hier munde. Die Kinder gucken neugierig in die „gläserne Hölle“ und schürfen im Sand „Edelsteine“ aus Glas. In den Vorkriegszeiten zählte die Gemeinde Kunnersdorf rund 3.000 Einwohner, die vor allem von der Landwirtschaft und Textilindustrie lebten. Später kamen noch drei Mühlen, ein Ziegelwerk und eine Möbelfabrik dazu, sogar eine Sparkasse und ein Kino gab es. Die Vertreibung der Deutschen im Jahr 1945 leitete das Ende der kleinen Firmen ein, das Dorf wurde beinahe entvölkert. „Bis heute erinnern die Mauerreste einstiger Häuser und zugeschüttete Brunnen daran“, berichtet Mlázovská, die hier aufgewachsen ist.

Heute leben im Ort an der deutsch-tschechischen Grenze rund 600 Menschen. „Wir würden gern mehr über die Geschichte und ehemalige Bewohner des Ortes erfahren“, sagt die Managerin und ruft Zeitzeugen dazu auf, ihre Erinnerungen und gegebenenfalls auch alte Fotografien der Glasmanufaktur zur Verfügung zu stellen. Man wolle die vergessene Geschichte von Kunnersdorf wiederentdecken.

Kontakt: Pacinek Glass, Kunratice u Cvikova 147471 55 Kunratice u Cvikova, www.pacinekglass.com

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen die wichtigsten Nachrichten aus Löbau und/oder Zittau direkt aufs Smartphone gesendet bekommen? Dann melden Sie sich für Push-Nachrichten an.

Weiterführende Artikel

Corona: Montagsdemonstrant bekommt Ärger

Corona: Montagsdemonstrant bekommt Ärger

Infektionszahlen, Polizeikontrollen und die Auswirkungen auf das Leben der Bewohner: Aktuelle Geschichten und Entwicklungen dazu sind hier zu lesen.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Sie haben Hinweise, Kritik oder Lob? Dann schreiben Sie uns per E-Mail an [email protected]ächsische.de oder [email protected]ächsische.de

Mehr zum Thema Zittau