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Das Hochwasser hat auch Teile Tschechiens getroffen

Auch in Nordböhmen in Tschechien hat die Flut Landstriche verwüstet. Eine Finanzhilfe der Regierung bleibt wohl aus. Dafür helfen Spenden.

Jitka Štepánková aus Horní Poustevna und ihre Familie hat es schlimm erwischt. Die meisten Möbel wurden fortgespült, der Rest steht im Garten.
Jitka Štepánková aus Horní Poustevna und ihre Familie hat es schlimm erwischt. Die meisten Möbel wurden fortgespült, der Rest steht im Garten. © Steffen Neumann

Der Generator röhrt und die Trockner laufen auf Hochtouren. Im Garten stehen Möbel und Hausrat verteilt. „Das meiste ist wahrscheinlich längst bei ihnen in Deutschland“, sagt Jitka Štěpánková halb im Scherz. Sie steht vor ihrem Haus in Horní Poustevna (Obereinsiedel) das Oberdorf von Dolní Poustevna (Niedereinsiedel). Dabei ist ihr nicht zum Lachen zumute. „Das war eine Sache von 40 Minuten“, erinnert sich die Mutter dreier Kinder an den Samstagnachmittag. Auf einmal rauschte der Luční potok (Wiesenbach) durch Garten und Haus. Der Zaun und die Zaunpfähle gaben samt Betonfundament gleich nach. Dabei liegt ihr Haus nicht am Bach. Aber bei dem Starkregen reichte das Bachbett nicht mehr aus und bahnte sich auf eigenen Wegen seinen Strom.

Wassermassen stärker als 2010

„Wir kennen das schon. Manchmal, wenn das Wasser nur leicht über die Ufer tritt, öffnen wir die Vorder- und die Hintertür und das Wasser fließt ungehindert durch unseren Flur. Aber diesmal war es stärker“, sagt Štěpánková. Stärker noch als 2010, dem letzten Hochwasser. Die Flut hatte so eine Kraft, dass sie im Erdgeschoss fast alle Möbel mit sich riss. Štěpánková und ihr Mann rissen vorsichtshalber die Fenster auf, damit die Scheiben nicht auch noch kaputt gehen. Den Fernseher schafften sie noch, ins Obergeschoss zu tragen. Doch das Ehebett ist genauso weg wie die Waschmaschine, der Kühlschrank, die Kühltruhe und einige Möbel. „Auch die Küche ist komplett weg. Ein Teil wurde fortgespült und den Rest mussten wir leider abreißen.“ Das Wasser stand fast einen Meter hoch.

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Am schlimmsten ist für Jitka Štěpánková jedoch, dass das Wasser auch den Großteil des Baumaterials im Garten mitgerissen hat. „Wir hatten uns ab Freitag Urlaub genommen, um das Dach zu decken und hatten extra dafür einen Kredit aufgenommen. Jetzt müssen wir alles noch einmal kaufen“, sagt sie. Ihren Urlaub nutzt sie nun, um aufzuräumen. Glücklicherweise haben sie eine Versicherung. Außerdem steht Hochwasseropfern eine Soforthilfe von umgerechnet maximal 2.300 Euro zu. Bis jetzt hat die Familie noch kein Geld erhalten. Dafür aber viel Hilfe. „Wir haben eine Familie, die zusammenhält. Außerdem wurde uns eine Kühltruhe geborgt, damit ich wenigstens Essen lagern kann“, sagt Štěpánková.

Dolní Poustevna gehört neben Lobendava (Lobendau) zu den von dem Hochwasser am schwersten betroffenen Gemeinden. In beiden Orten sind jeweils 40 bis 50 Häuser beschädigt, davon zwölf besonders stark. Allerdings haben die Gemeinden noch Glück, dass wohl kein Haus abgerissen werden muss. Die Schäden sind trotzdem beträchtlich. „Einen Teil des Gehweges hat es komplett weggetragen, die Kanalisation ist beschädigt und mindestens zwei Brücken müssen wir erneuern. Weitere Brücken werden noch untersucht“, zählt Bürgermeister Robert Holec auf. Der neu angelegte Park ist ebenfalls völlig zerstört. „Die Sanierung der Brücken kosten uns pro Bauwerk 1,5 bis 2 Millionen Kronen (60.000-80.000 Euro)“, sagt Holec. Den Gesamtschaden kann er noch nicht sagen.

Der Bach Suchá Belá hat sich eine Furche durch den oberen Parkplatz gebahnt.
Der Bach Suchá Belá hat sich eine Furche durch den oberen Parkplatz gebahnt. © Deník/Alexandr Vanžura

Parkplatz weggeschwemmt

Heftig wütete das Wasser auch in anderen Gemeinden. In Dolní Žleb (Niedergrund), das zu Děčín gehört, bahnte sich das Wasser völlig neue Wege. Es unterspülte einen Pfeiler der Eisenbahnbrücke, weshalb der Verkehr, darunter auch die Eurocity, nur eingleisig fahren können. An anderer Stelle blockierten Sturzfluten teils auch die Gleise, die jedoch noch am Sonntag beräumt werden konnten.

Stark betroffen ist auch der Grenzort Hřensko (Herrnskretschen). Das Bächlein Suchá Bělá, das auf Deutsch „Dürre Biele“ heißt, wurde entgegen seinem Namen zu einem reißenden Strom und bahnte sich eine tiefe Furche durch den Parkplatz am oberen Ende des Dorfes, wo der Wanderweg zum Pravčická brána (Prebischtor) beginnt. Ein Dutzend dort parkender Autos wurde teils zerstört und konnte nur noch mit schwerer Technik befreit werden. Etwas weiter unten ergoss sich die Suchá Bělá in die Kamenice (Kamnitz), die durch die Wilde und die Edmundklamm fließt. Auch ihr Pegel war bedrohlich angeschwollen, blieb aber noch im Bachbett, das nach dem Hochwasser 2010 ausgebaut worden war.

Die Klammen sind offen

Bereits am Sonntag meldete Hřensko, dass die Gondelfahrten in den Klammen ungehindert weiter laufen. Allerdings fehlen nun durch den Wegfall des oberen Parkplatzes die ohnehin raren Parkmöglichkeiten. Schlimmer noch. Auch der Busverkehr ist zwischen Hřensko und Mezní Louka (Rainwiese) bzw. Janov (Jonsdorf) vorübergehend eingestellt, da die Straße von Hřensko für die Busse nicht befahrbar ist. Für Autos ist sie aber geöffnet.

Schwere Schäden verursachte die Sturzflut auch in Liberec (Reichenberg), Hrádek nad Nisou (Grottau) und Jablonné v Podještědí (Deutsch Gabel). Ob die Regierung finanziell hilft, ist aber aktuell noch nicht abzusehen. „Ein Problem ist, dass anders als 2010 aufgrund des lokalen Charakters kein Notstand ausgerufen wurde. Daran sind Finanzhilfen gebunden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass uns die Regierung im Stich lässt, erst recht nicht in einem Wahljahr“, sagt Dolní Poustevnas Bürgermeister Robert Holec. Im Oktober wird in Tschechien ein neues Parlament gewählt.

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Um wenigstens die größte Not zu lindern, hat Holec einen Spendenaufruf gestartet und bei der Komerční banka ein „Transparentes Konto“ eingerichtet. Bis Donnerstag sind dort schon etwas über 200.000 Kronen eingegangen, umgerechnet rund 8.000 Euro. Das ist angesichts der Vielzahl der Geschädigten bisher aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Spendenkonto:
Empfänger: MESTO DOLNÍ POUSTEVNA
Spendenkonto: IBAN CZ35 0100 0001 2331 2610 0297; BIC: KOMBCZPP

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