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Prunkvilla mit Geschichte und Aussicht

Das mondäne Anwesen des Unternehmers Heinrich Schicht steht zum Verkauf. Kurz vorher gab es noch einen Rundgang.

Die mondäne Eingangshalle zur Villa des Industriellen Heinrich Schicht. Das Anwesen am Elbhang gegenüber von Burg Schreckenstein in Ústí nad Labem steht zum Verkauf.
Die mondäne Eingangshalle zur Villa des Industriellen Heinrich Schicht. Das Anwesen am Elbhang gegenüber von Burg Schreckenstein in Ústí nad Labem steht zum Verkauf. © Egbert Kamprath

Wer auf der Suche nach einer besonderen Immobilie ist, sollte mal einen Blick nach Tschechien werfen. Stuck, Säulen, Holzintarsien, Einbauschränke und Fußböden mit 3-D-Muster. Dazu eine ruhige Lage und eine Aussicht direkt auf die Burg Schreckenstein (Střekov) an der Elbe in Ústí nad Labem (Aussig). Die großzügige Villa des Unternehmers Heinrich Schicht erinnert eher an ein Schloss und vermittelt fast 100 Jahre nach ihrem Bau und trotz 15 Jahren Leerstands immer noch das Gefühl von Luxus.

„Die Möbel sind alle weg und in den Jahren des Leerstands verschwanden weitere Dinge. Vor allem Metalldiebe versuchten, alles mitzunehmen, was ging“, erzählt Jaroslav Balšánek. Er ist der Verwalter dieser in jeder Hinsicht besonderen Immobilie, die nun zum Verkauf steht. Die Behörde ÚZSVM, die den tschechischen Staat in Eigentumsfragen vertritt, hat sie in einer elektronischen Auktion zum Startpreis von umgerechnet 740.000 Euro angeboten. Eigentlich nicht viel Geld für so ein riesiges Anwesen mit über zwei Hektar Fläche. „Ich weiß nicht, wie viele Zimmer die Villa hat. Sicher mehr als 30“, sagt Balšánek.

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Klára Patyková und Verwalter Jaroslav Balšánek im ehemaligen Kabinett von Heinrich Schicht.
Klára Patyková und Verwalter Jaroslav Balšánek im ehemaligen Kabinett von Heinrich Schicht. © Egbert Kamprath

Mitgründer von Unilever

Heinrich Schicht war in dritter Generation Direktor der Schicht-Werke. Sie produzierten vor allem Drogeriewaren und Lebensmittel. Berühmt ist die Seife mit dem Hirsch als Logo. Als Heinrich die Firma mit Sitz in Schreckenstein 1907 von seinem früh verstorbenen Vater Johann übernahm, war sie auf dem Weg zu einem multinationalen Konzern. Am Ende stand in den 1920er Jahren die Fusion zum niederländisch-britisch-tschechoslowakischen Konzern Unilever, den es noch heute gibt. Heinrichs Bruder Georg war erster Präsident von Unilever mit Sitz in London. Während die Schichts ihre Anteile an Unilever auch noch nach 1945 behielten, wurden sie in der Tschechoslowakei enteignet und vertrieben. Nach einer Zwischenstation in Pirna siedelten Heinrich Schicht und seine Frau zur Tochter nach Westdeutschland.

Rein architektonisch ist der Bau am linken Elbhang nicht sonderlich einfallsreich. Architekt war Paul Brockardt, der nicht nur für die Schichts, sondern noch weitere Industrielle in Ústí Villen entwarf.

Die von Heinrich ist im damals schon etwas veralteten neobarocken Stil gehalten. Im Inneren befand sie sich jedoch auf dem neuesten Stand. „Es gab einen Aufzug, eine zentrale Heizungsanlage, die mit Kohle bestückt wurde. Davon hatten die Schichts als Eigentümer mehrerer Bergwerke ja genug“, erzählt Balšánek.

Leuchtstoffröhren statt Kronleuchter

Von der nicht beweglichen Ausstattung ist noch erstaunlich erhalten. „Die Fenster sind alle original, einige Fußböden auch, dazu Treppengeländer, Wandschränke und -verkleidungen, Stuckverzierungen, auch die Heizung, die aber nicht mehr geht“, führt der Verwalter durch den Bau. Was dabei auch zu sehen ist: Die Farbe blättert ab, die Fußböden sind beschädigt oder wurden zwischenzeitlich durch nicht passende ersetzt. Die Kronleuchter gibt es schon lange nicht mehr. Stattdessen hängen an der Decke Leuchtstoffröhren.

Die neobarocke Villa gleicht eher einem Schloss.
Die neobarocke Villa gleicht eher einem Schloss. © Egbert Kamprath

„Auch wenn die Villa im Großen und Ganzen in Schuss ist, müsste der neue Eigentümer doch erhebliche Mittel für eine Sanierung aufbringen“, weiß Klára Patyková von der ÚZSVM-Filiale in Ústí. Zumal das Gebäude seit drei Jahren unter Denkmalschutz steht. Wer die Villa erwirbt, kann sie also nicht nach Belieben sanieren oder umbauen.

Im Erdgeschoss befanden sich die gesellschaftlichen Räume: eine große Empfangshalle, weitere Räume für Vernissagen und Konzerte, der Rauchersalon und das Arbeitszimmer von Heinrich Schicht mit Kamin und Blick in den Garten. Auch wenn der Schreibtisch des Magnaten nicht mehr da ist, Balšánek kann noch zeigen, wo er stand. Im Stadtmuseum sind viele historische Aufnahmen erhalten. Darum weiß der Verwalter auch, dass auch zwei Badewannen im ersten Geschoss, wo sich die Wohnräume der Schichts befanden, noch original sind.

Luxuriöses Studentenwohnheim

Ob das den Studenten bewusst war, die hier seit Anfang der 1990er-Jahre bis 2005 lebten, weiß Balšánek nicht. Die Universität in Ústí nutzte die Villa nämlich als Studentenwohnheim. Nicht alle Studenten konnten in einem mondänen Zimmer wohnen. Zum Wohnheim gehörte auch der Seitenflügel mit deutlich kleineren Zimmern, in dem früher die Dienerschaft untergebracht war. Für all jene, die das Glück hatten, in der Villa ein Zimmer zu ergattern, muss es trotzdem eine unvergessliche Zeit gewesen sein.

„Die Lage ist etwas abseits, aber das war natürlich Absicht“, erklärt Klára Patyková. Heinrichs Gesundheit war nicht die beste, weshalb seine Frau Martha auf eine Lage im Grünen drängte. Da bot sich der Standort im ruhigen Stadtteil Vaňov (Wanow) an, denn er lag nicht weit vom Stadtzentrum und der Brücke nach Schreckenstein.

Heute dürfte Vaňov kein Begriff als Villenviertel sein, führt hier doch nicht nur die internationale Eisenbahnstrecke Hamburg-Prag – Wien entlang, sondern auch eine Staatsstraße, die jedoch seit Inbetriebnahme der Autobahn deutlich weniger befahren ist. Von der Villa bekommt man den Verkehr wenig mit, zumal sie eigenartig gebaut ist. „Eigentlich alle Villen hier schauen mit ihrer Front zur Elbe, diese nicht“, erklärt Patyková.

Viel Geld und eine gute Idee

Sie hat die Villa bereits ins Herz geschlossen, obwohl sie noch nicht einmal ein Jahr mit ihr befasst ist. Anfang des Jahres hatte die Universität das Gebäude dem Staat geschenkt, nachdem sie zuvor fast 15 Jahre erfolglos versucht hatte, es zu verkaufen.

„Es gab immer wieder Interessenten und Pläne für ein Sanatorium oder ein Museum zum Beispiel. Ernsthafte Angebote waren aber nie dabei“, sagt Patyková. Auch die Schichts hatten kein Interesse am einstigen Prunkbau. Und staatliche Organisationen, die sie hätten kostenlos bekommen, lehnten auch ab.

Auch die erste elektronische Auktion des Staates war erfolglos. Bis zum Mittwoch ging kein Angebot ein. „Wir werden bald eine neue Runde ausschreiben. Daran können sich natürlich auch Interessenten aus Deutschland beteiligen“, sagt Patyková. Sie und Verwalter Balšánek hoffen, dass sich bald jemand findet, der ihre Herzensvilla rettet.

Dass diese Person oder Firma viel Geld haben muss, ist klar. Vor allem aber braucht sie eine Idee. „Wir haben hier einen großen Mangel an Seniorenheimen, aber auch an Alzheimerkliniken ist großer Bedarf“, nennt Patyková schon mal zwei Möglichkeiten. Vielleicht interessiert sich ja aber auch nur jemand mit Hang fürs mondäne Wohnen für eine Villa in ruhiger Lage mit einem spektakulären Blick.

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