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Mit der Zither über Grenzen

Michal Müller aus Varnsdorf überrascht mit einem Instrument voller Klischees und belebt Traditionen seiner böhmischen Heimat.

Michal Müller in seinem Heimstudio in Varnsdorf (Warnsdorf). Seine Zithern bezieht er aus der Manufaktur von Horst Wünsche in Markneukirchen.
Michal Müller in seinem Heimstudio in Varnsdorf (Warnsdorf). Seine Zithern bezieht er aus der Manufaktur von Horst Wünsche in Markneukirchen. © Steffen Neumann

Seinen Gamsbarthut hat Michal Müller noch. Er hat einen Ehrenplatz in seinem kleinen Studio im Haus im tschechischen Varnsdorf (Warnsdorf). Zum Spaß setzt er ihn noch einmal auf. „Er passt schon lange nicht mehr. Heute würde ich niemals mehr so herumlaufen. Aber früher habe ich ihn mit Stolz getragen“, erzählt er.

Müller ist Profi-Musiker, sein Instrument die Zither. Und schon ploppt es auf, das Klischee vom volkstümlichen, archaischen Instrument und seinem Spieler in Lederhose, Gamsbarthut, der Tiroler Weisen zum Besten gibt. Müller könnte nicht weiter davon entfernt sein. Wer ihn heute spielen hört, hat andere Bilder im Kopf. Müller liebt das Experiment, die Übergänge zwischen den Stilen, und gerade das macht ihn so gefragt. Wenn er spielt, klingt die Zither immer anders. Die Möglichkeiten des Instruments sind beeindruckend. „Die Zither hat einen Tonumfang wie ein Klavier“, sagt er. Ein Beispiel für die experimentelle Seite Müllers sind seine Konzerte mit dem Dresdner Klangkünstler Jan Heinke. Wenn nicht gerade Konzerte unmöglich sind, tritt er regelmäßig bei Folk-Festivals auf, ist ständig in Deutschland zu Gast und tourt natürlich auch durch Tschechien.

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Die Lust am Überschreiten der Genregrenzen hatte er schon, als er die Zither als Jugendlicher noch ganz traditionell spielte. „Damals hatte ich lange Haare und spielte zugleich in einer Trashmetalband“, erinnert sich der groß gewachsene Mann mit dem heute kahlen Kopf. „Zur Zither brachte mich ein Freund meines Vaters. Der spielte regelmäßig bei uns, so auch auf Vaters 40. Geburtstag.“ Müller war sofort fasziniert und erinnerte sich an die Zither, die sein Vater für seinen Bruder gekauft hatte. Was beim Bruder nicht klappte, brach sich bei ihm umso mehr die Bahn. „Eigentlich ging ich zum Freund meines Vaters, damit er mir hilft, die Zither zu stimmen. Doch dann sagte er: Jetzt kommst du jede Woche zum Üben. Und so begann mein Unterricht.“ Schon ein halbes Jahr später nahm ihn sein Lehrer mit auf Konzerte. Da wurde dann alles gespielt, je nachdem, ob Hochzeit, Kirmes oder Beerdigung.

Rock und Blues eingebaut

So richtig tauchte er in die Zither-Tradition in Wien ein, wo er studierte. Als er es an das Konservatorium geschafft hatte, beschloss er, von seinem Spiel zu leben. „Ich spielte überall, von der Kneipe bis hin zu Empfängen ausländischer Delegationen.“ Doch nach vier Jahren Studium war sein Bedarf an Tradition gedeckt. „Ich hatte schon während der Zeit begonnen, Rock und Blues in mein Spiel zu integrieren.“ Bei seiner Professorin traf er dabei auf Verständnis, doch erforderte die Abkehr von der Tradition auch Mut. „Für die meisten war ich eine Art Verräter.“

Das ist inzwischen kein Thema mehr. „Heute gibt es viel mehr Zitherspieler, die neue Wege gehen. Für das Instrument ist das jetzt vielleicht sogar die spannendste Zeit in seiner noch jungen Existenz“, sagt Müller. Das liegt auch an den Zitherbauern. Zithern sind schon längst kein Massenprodukt mehr wie vor 100 Jahren, werden teils maßgefertigt. Für Müller ist die Zither gerade in der Pubertät angekommen. Tatsächlich gibt es sie in der Form, wie wir sie heute kennen, erst seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Umso schneller wurde sie populär, im Biedermeier erlebte das Instrument in Mitteleuropa eine Blütezeit. Mit einer Zither im Hause galt man als modern.

Das war auch in Böhmen und Mähren so. Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 galt die Zither jedoch auf einmal als rein deutsches Instrument. Es spielten zwar auch Tschechen, aber ihre hohe Popularität behielt sie fortan nur in den deutsch besiedelten Gebieten, zu denen auch Varnsdorf gehörte. Mit der Vertreibung der Deutschen 1945 hatte das Instrument endgültig sein Stigma weg. „Damals wurden Tausende Zithern auf den Plätzen verbrannt“, weiß Müller. Dass die Zither trotzdem in Tschechien überlebte, ist Tschechen – wie seinem Lehrer – zu verdanken, aber auch jenen wenigen Deutschen, die 1945 nicht vertrieben wurden.

Michal Müllers Vorfahren gehören dazu, wobei ausgerechnet sein Vater mit dem Namen Müller Tscheche ist. „Meine Großmutter mütterlicherseits war eine Deutsche“, sagt Müller. Sie ist auch ein Grund, warum er sich erneut der traditionellen Musik zugewandt hat, allerdings von ihm auf seine Weise interpretiert, wie er betont. Er stieß auf alte Lieder der im Schluckenauer Zipfel lebenden Deutschen und beschloss, sie aufzuführen. Gemeinsam mit eigenen Kompositionen befinden sie sich auf seiner letzten CD „Kommok“. Diese Lieder sind auch eine Hommage an seine Heimatlandschaft. „Die Deutschen wurden zwar vertrieben, aber die Landschaft ist noch da. Und diese Lieder sind wie sie, immer etwas melancholisch“, meint Müller.

Aus diesen Worten ist zu erahnen, warum der 44-Jährige trotz aller Erfolge nie daran dachte, in eine größere Stadt zu ziehen. „Ich fühle mich wohl an der Grenze zweier Welten“, sagt er. Er, der fließend beide Sprachen spricht, bewegt sich zwischen beiden Seiten hin und her, wenn auch derzeit stark eingeschränkt.

„Aber ich arbeite weiter“, betont er. „Viele meiner Schüler wohnen ohnehin weit weg, sodass der Unterricht nicht erst seit Corona online läuft“, nennt er sein wichtigstes Standbein. Mit dem Theater Bautzen bereitet er ein Projekt vor. „Das läuft alles weiter, auch wenn wir uns nicht persönlich treffen können. Und bald habe ich sogar mein erstes Online-Konzert.“ Zither trifft Moderne.

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