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Kaum noch Hoffnung auf Wintersport in Tschechien

Noch ist die Saison nicht abgesagt, aber für viele Skigebiete, auch Hotels und Pensionen, geht es um die Existenz.

Tschechiens Lifte stehen wohl auch am kommenden Wochenende still. Ivan Soukup bangt um das Weiterbestehen des Skigebiets in Zadní Telnice (Hintertellnitz).
Tschechiens Lifte stehen wohl auch am kommenden Wochenende still. Ivan Soukup bangt um das Weiterbestehen des Skigebiets in Zadní Telnice (Hintertellnitz). © Steffen Neumann

Es war ein Akt der Verzweiflung. Mitte Januar riss Ivan Soukup der Geduldsfaden. Der Betreiber der Skilifte im tschechischen Zadní Telnice (Hintertellnitz) kündigte die Öffnung des Skigebiets an, komme was wolle. Es kam am Ende anders. Hunderte Skifreunde mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren. Angesichts des eigens vor Ort aufgetauchten Polizeichefs des Bezirks Ústí ließ sich Soukup davon abbringen, die Lifte in Bewegung zu setzen. Er hätte eine Ordnungsstrafe von umgerechnet 100.000 Euro riskiert. Aber der Ärger ist ihm auch noch Tage später anzusehen.

„Ein ums andere Mal vertröstet uns die tschechische Regierung mit dem Start der Skigebiete. Wir müssen immer damit rechnen, dass es losgeht, also halten wir das Personal, pflegen die Pisten, nur um eine weitere Woche zu warten“, erklärt er seine Zwangslage. Da seien ihm die Nerven durchgegangen. Nach Jahren ohne Schnee herrschen ideale Wintersportbedingungen. „Wir könnten alle Pisten öffnen, das gab es schon lange nicht mehr“, sagt Soukup.

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In Deutschland sei bereits vor Wochen entschieden, die Skisaison zu beenden. Soukup hätte damit kein Problem. „Das wäre wenigstens eine klare Ansage. Aber unsere Regierung hält uns unentwegt in Unsicherheit. Und richtig entschädigt werden wir auch nicht“, ärgert sich Soukup.

Zum Überleben zu wenig

„Die Skigebiete erhalten für die Zeit der Schließung 50 Prozent der durchschnittlichen Kosten der letzten Jahre ersetzt“, erklärt Libor Knot vom Verband der Wintersportzentren, „Das ist zu wenig, je länger die Schließung dauert.“ Ivan Soukup hätte sich ein Modell wie in Deutschland und Österreich gewünscht, wo die Höhe der Umsätze berücksichtigt wird. „Wir haben die höchsten Kosten noch vor der Saison. Die bekommen wir über die Entschädigung nicht rein, weshalb der Start der Liftsaison die beste Rettung wäre.“

Doch danach sieht es gerade nicht aus. Angesichts der immer noch dramatischen Infektionslage findet sich in der Regierung keine Mehrheit für die Öffnung. Entscheidend für Lockerungen ist die Lage in den Krankenhäusern. Gesundheitsminister Ivan Blatný will, dass die Zahl der Covid-19-Patienten auf unter 3.000 sinkt. Davon ist das Land noch weit entfernt.

Im skiverrückten Tschechien ist nicht auszuschließen, dass die Skigebiete bereits vor der ersten echten Lockerung in Betrieb gehen. Die Frage ist, wann sie kommt. Minister Blatný hatte noch letzte Woche eine Öffnung Anfang Februar in Aussicht gestellt. Aber davon ist im Moment keine Rede. Blatný fürchtet, dass die Schließung der Hotels zunehmend unterlaufen wird. Wie tschechische Medien berichten, kaschieren Familien ihren Hotelaufenthalt als Dienstreise. Würden nun noch die Lifte in Betrieb gehen, wäre eine neue Ansteckungswelle die Folge. Zu leiden haben die Skigebiete wie in Telnice. Sie fühlen sich als Geißel für die Unfähigkeit der Regierung. „Wir sind doch nicht verantwortlich, dass die Hotelschließungen nicht eingehalten werden“, schimpft Petr Zeman, Miteigentümer vom Skigebiet am Klínovec im Erzgebirge. Im Gegenteil, die Skigebiete wären ein Garant für die Durchsetzung der Hygieneregeln. „Im Moment tummeln sich bei uns Massen von Menschen, die sich völlig unkontrolliert und meist ohne Maske bewegen. Da ist die Gefahr einer Ansteckung ungleich höher als bei einem regulären Betrieb“, ist Zeman überzeugt.

Dass die Skigebiete Hygiene können, hätten sie bereits während der kurzen Öffnung über Weihnachten bewiesen. „Die Menschen tragen Helme, Handschuhe, Schals und halten dank der Skilänge Abstand. Skifahren ist pandemiefest“, sagt Zeman. Er könnte mit einer Eröffnung im Februar leben. „Für uns ist jetzt gerade die Mitte der Saison. Wir würden also noch die wichtige Ferienzeit mitnehmen. Jeder Tag geöffnet ist definitiv besser als geschlossen“, so Zeman. Die Tschechen, die in den letzten Jahren die Alpen als Skiurlaub vorgezogen haben, können es nun nicht erwarten, wenigstens im eigenen Land zu fahren. Das würde auch die Deutschen ersetzen, die sonst die tschechischen Skigebiete bevölkerten. Sollte sich die Öffnung der Skigebiete allerdings hinziehen, ist laut Verbandspräsident Knot die Hälfte der Skigebiete vom Bankrott bedroht.

Liberec-Tourismus vor dem Kollaps

Auch im Liberecer Raum trifft es die Skigebiete hart. Sie konnten bislang nur zwischen dem 18. und 26. Dezember öffnen. Nach Angaben des Verbandes der Wintersport-Ressorts liege der Verlust bei 1,2 Milliarden Kronen. In Tschechien gibt es 450 Skigebiete, die rund 45.000 Menschen beschäftigen. Jährlich bringen sie fast 13 Milliarden Kronen in die Staatskasse.

Die gesamte Tourismusbranche in der Region Liberec (Reichenberg) stehe kurz vor dem Kollaps. Das ergab eine Umfrage des Bezirksamtes mit der Bezirkshandelskammer. Regional-Sprecher Jan Mikulička sagte auf SZ-Anfrage: „Von der Pandemie und den damit verbundenen staatlichen Einschränkungen ist der Fremdenverkehr komplett betroffen.“ Befragt wurden 600 Betreiber von Beherbergungsbetrieben, man besuchte Ausflugsziele und sprach mit Veranstaltern von Exkursionen oder Erlebnistouristik. Zurück kamen 188 Antworten, zwei Drittel davon aus dem Sektor Zimmervermietung/Beherbergung.

Die Akteure kritisieren unter anderem, dass die Hygiene-Vorgaben für alle gelten und nicht die aktuelle Situation vor Ort berücksichtigen. „Für kleine Vermieter gelten dieselben Regeln, wie für ein großes Hotel“, sagt Květa Vinklátová, Ratsherrin für Kultur und Touristik. Die Eigentümer kleiner Pensionen und Apartments beklagen sich, dass die praktisch ohne Chance seien, Geld aus den Hilfspaketen des Staates zu erhalten, weil Beherbergung für sie nur Zuverdienst sei. Die Auszahlung aus diesen Programmen dauere oft Monate, in einigen Fällen ist das Geld noch gar nicht angekommen.

Nach Schätzungen sei der Fremdenverkehr in der Region einer der am stärksten betroffenen Sektoren. „Wenn wir uns in dieser Hinsicht hier kein trostloses Land wünschen, muss die Hilfe effektiv und systematisch sein“, meint Vinklátová. Man bemüht sich um gemeinsame Schritte, stoße auf zentraler Ebene aber immer auf eine negative Haltung.

Betroffen ist auch der Zoo Liberec. 2020 sanken die Einnahmen um fast 13 Millionen Kronen. Wegen der Corona-Maßnahmen war der Garten 117 Tage geschlossen. „Es kamen 275.659 Besucher, um 126.000 weniger als 2019“, sagt Sprecherin Barbara Tesaøová. Einen Umsatzrückgang gab es beim Eintritt, in Bistros, Gaststätten, beim Souvenir-Verkauf sowie bei Parkgebühren. „Die Ausgaben lassen sich aber nicht so stark reduzieren. Wir müssen Futter, Energie und Löhne bezahlen“, so Tesaøová.

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