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Der Schmerz des Textilfabrikanten

Ein kleines Dorf in Nordböhmen entdeckt das Werk eines bekannten Architekten. Seitdem keimt Hoffnung auf Tourismus in Dolní Podluží.

Lukáš Janků entdeckte den berühmten Architekten der Familiengruft in Dolní Podluží.
Lukáš Janků entdeckte den berühmten Architekten der Familiengruft in Dolní Podluží. © Steffen Neumann

Bis zu diesem 27. April 1893 hatte Gustav Brass das Glück auf seiner Seite. Der Spross eines Textilfabrikanten aus dem mährischen Zábřeh hatte alles richtig gemacht. Mit gerade einmal 20 Jahren war er weit weg nach Nordböhmen in das Dörfchen Niedergrund (heute Dolní Podluží) gezogen und hatte dort eine Zwirnfabrik und eine Färberei aufgebaut.

Spätestens nachdem er die Tochter des hiesigen Fabrikanten Anton Richter geheiratet hatte, war er in dem Dorf an der Grenze des damaligen Österreich-Ungarn zu Sachsen heimisch geworden. Berta Elisabeth gebar ihm 1875 den Sohn Paul und später noch zwei Töchter. Schon früh war für die Unternehmensnachfolge gesorgt. Paul besuchte das Gymnasium in der Bischofsstadt Litoměřice (Leitmeritz). Doch zu einer Rückkehr sollte es nicht mehr kommen. An jenem Tag im April verstarb der einzige Sohn noch nicht einmal 18-jährig.

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Erbe der deutsch geprägten Geschichte würdigen

Es sind diese Geschichten, an deren Bewahrung Lukáš Janků gelegen ist. Dem Mitarbeiter in der Gemeindeverwaltung von Dolní Podluží, einem Nachbarort des sächsischen Herrenwalde, ist an der deutsch geprägten Geschichte des Ortes sehr gelegen. „Wir haben dieses Erbe bisher nicht angemessen gewürdigt“, sagt er. Er spricht von der Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals lebten in dem hoch industrialisierten Ort mehr als 3.000 Menschen. Heute ist es nur etwas mehr als die Hälfte und von Industrie ist nicht mehr viel zu sehen.

Aber das Erbe und dessen Pflege könnte nach Meinung der Gemeinde zumindest einen anderen Wirtschaftszweig ankurbeln: den Tourismus. Seit genau einem Jahr ist Dolní Podluží nämlich um ein denkmalgeschütztes Gebäude reicher. Es handelt sich um die Gruft der Familie Brass. Wenn Trauerschmerz in Geld umzurechnen ginge, wäre dieser wuchtige neogotische Bau auf dem Friedhof oberhalb der Gemeinde das Ergebnis. Gustav Brass ließ die Gruft für seinen Sohn bauen und beauftragte damit nicht irgendeinen Architekten, sondern mit Victor Luntz gleich mal einen der führenden aus der Reichshauptstadt Wien. Diese Information ist aber relativ neu und brachte entscheidende Bewegung in die Rettung der Gruft.

Das neogotische Mausoleum steht seit einem Jahr unter Denkmalschutz.
Das neogotische Mausoleum steht seit einem Jahr unter Denkmalschutz. © Steffen Neumann

Ein Glücksfall für das Dorf

„Die Gemeinde bemühte sich schon lange um eine Sanierung. Doch über Notreparaturen kam man nicht hinaus“, erzählt Janků. Es fehlte wie so oft das Geld. Alles änderte sich mit seinem Dienstantritt im Herbst 2018. Janků lebt eigentlich in Nový Bor (Haida). Dort hatte er eine ähnliche Tätigkeit und brachte Erfahrung in Verwaltung, Mittelbeschaffung und im Umgang mit historischen Baudenkmälern mit.

Das und sein ausgeprägtes Interesse für die deutsch geprägte Vergangenheit waren ein Glücksfall für das Dorf an der Lausur (Lužnička), wo er sich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung bewarb. Denn so ein Mann findet was er sucht. „In unserem Archiv stieß ich auf Luntz als Architekten. Damit stieg die Bedeutung der Gruft und wir hatten gute Chancen, sie unter Denkmalschutz zu stellen“, erzählt Janků.

„Bei der Gruft handelt es sich um das einzige Werk von Luntz auf dem Gebiet des heutigen Tschechien“, nennt Tomáš Brož, Abteilungsleiter vom Denkmalamt in Ústí nad Labem (Aussig), den wichtigsten Grund für den Denkmalschutz und verweist auf einen ähnlichen Fall im nahen Krásná Lípa, wo der dortige Textilunternehmer Dittrich mit Julius Carl Raschdorff wiederum einen führenden preußischen Architekten für seine Familiengruft beauftragt hatte. „Das zeigt die einstige Bedeutung dieser Region, die damals keineswegs wie heute Peripherie war, sondern deren Unternehmer führende europäische Architekten unter Vertrag nahmen“, sagt Brož.

Von der Innenausstattung hat der Kronleuchter die Zeiten überdauert.
Von der Innenausstattung hat der Kronleuchter die Zeiten überdauert. © Steffen Neumann

Denkmal-Titel in Rekordzeit

Brož höchstselbst hatte die Vorlage für den Denkmalschutz beim Kulturministerium eingereicht. Nach nicht einmal drei Monaten hatte die Gruft bereits den Titel. „Es gibt Gebäude, bei denen solche Verfahren Jahre in Anspruch nehmen. Hier half das vitale Interesse der Gemeinde“, erklärt der Denkmalschützer. Neben der Gruft an sich wurde auch ein Kronleuchter sowie der letzte verbliebene von drei Sarkophagen unter Schutz gestellt. Mit diesem Status steigen die Chancen, Fördermittel für den Erhalt zu bekommen.

Seitdem hat Dolní Podluží schon viel für die Rettung der Gruft getan. Mit Unterstützung des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds wurden die mit Eisen beschlagenen Türen, das Portal und die Bleiglasfenster restauriert. „Die nächsten Schritte sind die Restaurierung des Daches in diesem Jahr und später der Fassade. Dann kommen der Innenraum mit Sarkophag und Kronleuchter dran“, schildert Janků den weiteren Plan. Insgesamt wird die Restaurierung umgerechnet über 170.000 Euro kosten.

Janků lässt den Blick über den Friedhof von Dolní Podluží streifen. Dort befinden sich noch viele Gräber mit deutscher Aufschrift, darunter mehrere Kriegsgräber und zwei weitere Gruften. Zählt er die Wegkreuze und weiteren steinernen Zeugen auf dem Gemeindegebiet hinzu, kommt er zu einem einfachen Schluss: „Um die Schuld an dem historischen Erbe gutzumachen, bleibt noch viel zu tun“, sagt er.

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