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Mit Faulgas in die Zukunft

Ein tschechisches Unternehmen aus der Region Liberec arbeitet an einem klimaneutralen Kraftstoff.

Ein Mitarbeiter von MemBrain schaut in einem Container an der Kläranlage in Stráž pod Ralskem nach dem Rechten.
Ein Mitarbeiter von MemBrain schaut in einem Container an der Kläranlage in Stráž pod Ralskem nach dem Rechten. © Ing. Miroslav Jetleb

Von Arndt Bretschneider und Irmela Hennig

Kraftstoffe aus Gülle und organischen Abfällen, die kein Kohlendioxid verursachen – ein tschechisches Unternehmen stellt diese erfolgreich her. Die Firma „Mega/MemBrain“ in Stráž pod Ralskem (Wartenberg) in der Region Liberec (Reichenberg) reinigt dafür klimaneutrales Biogas. Und zwar an einem ungewöhnlichen Ort. Dort wo fast 30 Jahre lang Uranerz auf chemischem Wege aus 90 Millionen Jahre alten Schichten der „nordböhmischen Kreide“ gewonnen wurde, hat sich das Unternehmen angesiedelt. Inzwischen sind 240 Mitarbeiter beschäftigt.

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Das Team nutzt bakteriell abgebaute organische Stoffe von Haushalts- und Industrieabwasser, die erwähnte Tiergülle und weitere Abfälle. Daraus entsteht durch Gärprozesse nahezu kostenloses Faulgas. Das enthält aber noch unerwünschte, ja gesundheitsschädigende Stoffe, wie man im Unternehmen weiß. Doch das hat sich auf die Herstellung spezieller Membranen konzentriert. Das sind dünne Material- und Gewebeschichten. Mit der passenden Membran lassen sich die Schadstoffe abtrennen und nur das hochkonzentrierte Biomethan in eine Gastankstelle leiten. Das ist dann ein „sauberer“ Kraftstoff, ähnlich dem verflüssigten Erdgas, welches nach internationalem Standard geeignet ist für Verbrennungsmotoren. Der Motor verbrennt das Gas ohne Feinstaub, weniger Kohlendioxid und erfüllt die Schadstoff-Grenzwertvorgaben der EU. 

Ständig verfügbar

Im Gegensatz zum importierten Erdgas ist das Faulgas, das von den Herstellern CRG genannt wird, ständig verfügbar, wenn auch in geringeren Mengen. Das „R“ steht übrigens übersetzt aus dem Englischen für „regeneriert“ oder „erneuert“. Allerdings ist der Aktionsradius eines Fahrzeugs, das mit CRG unterwegs ist, geringer als bei Benzin oder Diesel. Deshalb soll ein Großversuch an der städtischen Kläranlage in Česká Lípa (Böhmisch Leipa) durchgeführt werden. Hier sollen demnächst innerstädtische Linienbusse mit CRG betankt werden. Eine Firma muss die Dieselmotoren der Busse dafür eigens anpassen.

Die Entstehung des experimentierfreudigen Unternehmens „MemBrain“ geht letztlich auch ein stückweit auf die Urangeschichte der Region zurück. Mit dem Ende der intensiven Urangewinnung standen Mitte der 1990er Jahre viele jüngere Fachleute vor der Frage: Sollen wir wegziehen in eine Gegend, wo das umstrittene Erz gewonnen wird oder hierbleiben und die Herausforderung eines Berufswechsels annehmen? Die einen lockte der sehr gute Verdienst in den verbliebenden Staatsbetrieben, die anderen bevorzugten eine Qualifizierung in Forschung und Entwicklung oder im Hochschulwesen der Region Liberec (Reichenberg). An Stelle der nicht mehr benötigten Uranaufbereitungsanlagen entstanden und entstehen vor Ort neue Firmen, darunter sogenannte Start-ups unterschiedlicher Branchen.

Unternehmer hat viele Patente

Ein Innovationszentrum nahm ab dem Jahr 2007 unter der Bezeichnung „MemBrain“ – ein Wortspiel aus Membran und „brain“, englisch für Hirn, – Konturen an. Hier werden technische Membranen konzipiert, hergestellt und in der Wirtschaft erprobt. Die Gesellschaft ist eine Ausgründung des privaten Unternehmens „Mega“ von Investor Luboš Novák, der 2015 zum tschechischen Unternehmer des Jahres gekürt wurde. Novák nennt 20 Patente über Elektromembranen sein geistiges Eigentum oder Miteigentum. Ursprünglich in verantwortlichen Positionen der tschechoslowakischen Urangewinnung tätig, wechselte er nach der Samtenen Revolution in die Wasserwirtschaft, bevor seine Vision einer eigenen Firma durch Entwürfe des Architekten Luboš Kotis Gestalt annahm. Es dauerte noch bis 2012, bevor der Grundstein gelegt werden konnte, doch dann ging es rasant zur Sache. Die Firma Syner als Generalauftragnehmer brauchte nur 13 Monate für die Fertigstellung eines hochmodernen Gebäudetraktes.

Herzstücke darin bilden Labors und Erprobungsstrecken, teilweise großtechnischer Natur. So ermöglicht ein Gasmembran-Trennlabor sowohl die Erforschung als auch Herstellung von Membranen aus synthetischen Hohlfasern. Einen anderen Schwerpunkt bildet das Technologielabor, wo Eigenentwicklungen reale Anwendungsbedingungen bei Kunden simulieren. Ziel ist, damit eine erfolgreiche Verbindung zur Industrie, zur modernen Landwirtschaft und zu kommunalen Dienstleistungsbetrieben zu schaffen. So entstand auch das Projekt für den umweltfreundlichen Kraftstoff.

Da passt das Produkt zur Region. Denn die bei Stráž pod Ralskem jahrelang durch den Bergbau ausgebeutete Natur musste und muss aufwendig in Ordnung gebracht werden. In den rund um die Stadt betriebenen Gruben- und Stollenanlagen wurden bis 1996 insgesamt 15.000 Tonnen Uran gefördert. Die Region war einst das weltweit größte Uranfördergebiet, wie es in einem Buch zur Geschichte der Stadt heißt. Nach kurzer Zeit des Abbaus, erfolgte und erfolgt in den nicht mehr ergiebigen Lagerstätten die Liquidierung, Sanierung und Renaturierung. (mit ihg)

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