merken
PLUS Pirna

Mit Tanzparkett und Internet

Wie die tschechische Siedlung Adolfov wieder an die Zeiten vor 1945 anknüpfen will – als Sommerfrische und Wintersportort.

Wochenendhäusler Jaroslav Cervík steht am Kreuz, das der Bergverein für die ehemaligen Bewohner von Adolfov (Adolfsgrün) anstelle des ehemaligen Friedhofs errichten ließ.
Wochenendhäusler Jaroslav Cervík steht am Kreuz, das der Bergverein für die ehemaligen Bewohner von Adolfov (Adolfsgrün) anstelle des ehemaligen Friedhofs errichten ließ. © Steffen Neumann

Auf den Hängen des nahen Skigebiets Zadní Telnice (Hintertellnitz) liegt noch der Schnee. Oben auf dem Erzgebirgskamm, in Adolfov (Adolfgrün), ist er schon verschwunden. Dabei waren die Vorzeichen in diesem Winter umgekehrt als in anderen Jahren. Das sonst so belebte Skigebiet stand still, während sich oben in Adolfov ein Auto neben dem anderen reihte. Skilanglauf war der Wintersport, der in die Corona-Zeit passte. Die Skifans fanden hier perfekt gespurte Loipen auf mehreren Rundkursen vor. Zu verdanken hatten sie das dem Bergverein Horský spolek Adolfov.

Doch nun ist Ruhe eingekehrt. Erst recht in Corona-Zeiten. Der Gasthof Adolfovský dvůr (Adolfsgrüner Hof) hat geschlossen. Die Pension Florian betreibt am Wochenende einen Fensterverkauf. Ab und zu kommen Wanderer mit Rucksäcken gelaufen und ein Auto vorbeigefahren. Sonst regiert hier nur der Wind. „Der weht eigentlich immer“, sagt Jaroslav Červík, Gründer des Bergvereins. Der 59-jährige ist so etwas wie das Gedächtnis des Ortes. „Adolfov ist für mich zweite Heimat. Hier bin ich seit meiner Kindheit“, erzählt er. Sein Vater hatte in den 1950er-Jahren mit Freunden den ehemaligen Gasthof „Stadt Dresden“ als Wochenendhaus gekauft, ehe sie in das Nachbarhaus umzogen.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Mit der Tram bis Telnice

Anders als die umliegenden Dörfer Habartice (Ebersdorf), Mohelnice (Müglitz) und Větrov (Streckenwald) wurde Adolfov nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1945 nicht abgerissen. „Adolfov hatte ohnehin nur zehn Häuser, von denen jetzt noch fünf übrig sind. Genauso viel wie offiziell gemeldete Einwohner“, sagt Červík. An Wochenenden steigt die Zahl der Menschen hier aber auf ein Vielfaches. Denn in den 1970er-Jahren entwickelte sich der Ort zur Wochenendhaussiedlung. „In meiner Kindheit waren wir hier noch ziemlich allein. Wir hatten sogar ein Feld am Haus. Inzwischen sind es knapp 60 Wochenendhäuser“, erzählt er. Die meisten Wochenendhäusler wohnen ähnlich wie Červík in Ústí nad Labem (Aussig). Doch Adolfov war vor 1945 mehr als nur Wintersportort und Wochenendhaussiedlung. Vor sechs Jahren gründete Červík deshalb den Bergverein, um an diese Zeit zu erinnern und daran anzuknüpfen.

Die Siedlung wurde erst 1833 gegründet. Den Namen hat sie von ihrem Gründer, dem Grafen Adolf von Lebedur. Sie entwickelte sich schnell zu einem beliebten Naherholungsort, was sich darin äußerte, dass gleich drei der zehn Häuser Gaststätten waren. Wie heute kamen die Städter hierher, um Wintersport zu treiben. Allerdings nicht Abfahrt. „Vor 1945 gab es eine Sprungschanze“, weiß Červík. Vor allem in der warmen Jahreszeit herrschte in dem Ort ein für heutige Verhältnisse unvorstellbar lebendiges Treiben. „Adolfov war eine beliebte Sommerfrische“, so Červík. Früher fuhr die Straßenbahn von Ústí bis Telnice. Von dort wanderten die Ausflügler auf den Kamm. „Ich habe das in den 1960er-Jahren noch so erlebt. Später wurde die Straßenbahn eingestellt“, erinnert sich Červík.

Von den einst zehn Häusern in Adolfov stehen heute noch fünf.
Von den einst zehn Häusern in Adolfov stehen heute noch fünf. © Steffen Neumann

„Der Adolfovský dvůr hieß damals Waldesruh. In der Nähe gab es ein Tanzparkett sowie ein Freibad. Die Gäste holten sich ihr Getränk am Waldesruh und gingen dann tanzen oder baden“, erzählt Červík, der im Wald schon mehrfach Kacheln aus der Zeit gefunden hat. Den Teich, der einst das Freibad war, gibt es heute noch. Doch rundherum stehen alte Baracken vom einstigen Svazarm, vor 1989 eine paramilitärische Organisation, vergleichbar mit der ostdeutschen GST.

Kreuzung von Radwegen

Červíks Traum ist es, die alte Sommerfrische wieder aufleben zu lassen. Seit Jahren bemüht sich die Gemeinde Telnice (Tellnitz), zu der Adolfov gehört, das einstige Svazarm-Gelände in Gemeindebesitz zu bekommen. Bisher erfolglos. Dafür gibt es in der Saison regelmäßige Radbusverbindungen. Adolfov eignet sich hervorragend als Ausgangsort für Radtouren. Hier endet der Radweg 3009, der vom Böhmischen Mittelgebirge ins Erzgebirge führt, und trifft auf den Fernradweg 23 von Cheb (Eger) im Westen bis nach Děčín (Tetschen). Außerdem bekommt die Siedlung bald Anschluss an das Internet. Adolfov gehört noch zu den wenigen Orten in Tschechien, die über kein Internet verfügen.

Červík erinnert aber auch an die Vergangenheit. Mit Freunden setzte er ein Kreuz mit einer kleinen Gedenkplatte aus Kupfer mit den Namen der früheren Einwohner auf den einstigen Friedhof. „Es tat mir leid, wie pietätlos wir mit den Verstorbenen umgegangen sind“, sagt er. Und wo vor dem Ort einst eine Mutter-Gottes-Statue stand, errichtete er letztes Jahr ein Holzkreuz.

Doch dann zwang ihn eine Krankheit, kürzer zu treten. Er gab den Vorsitz des Bergvereins ab. Das heißt aber nicht das Ende seiner Bemühungen. „Um die Skiloipen kümmern sich jetzt andere. Ich setze mich weiter für die Sommerfrische ein.“

Mehr zum Thema Pirna