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Moldau übt den Lückenschluss

Für die Wiederbelebung der Strecke Holzhau – Moldava öffnet sich der riesige Grenzbahnhof für ein Kunstprojekt.

Seit Wochen werkeln Veronika Vaculíková (Mitte) und Alex Mo (rechts) am Bahnhofsgebäude. Unterstützung bekamen sie von vielen Freiwilligen, wie Mara (links), eine Kunststudentin aus dem Libanon.
Seit Wochen werkeln Veronika Vaculíková (Mitte) und Alex Mo (rechts) am Bahnhofsgebäude. Unterstützung bekamen sie von vielen Freiwilligen, wie Mara (links), eine Kunststudentin aus dem Libanon. © Steffen Neumann

Veronika Vaculíková öffnet die schweren Flügeltüren des Bahnhofs von Moldava, trotz Schwangerschaft im siebten Monat. „Wir lüften schon einige Wochen, aber die Feuchtigkeit ist nur schwer rauszubekommen“, sagt sie. Das monumentale Gebäude in dem kleinen Erzgebirgsdorf an der Grenze zu Sachsen hat schon einiges erlebt. Einst gebaut für die Beamten der Grenzpolizei, des Zolls, der Post und natürlich der Bahn, steht es inzwischen seit Jahren leer. Erst wurden keine Fahrkarten mehr verkauft, dann schloss der Warteraum, und vor fünf Jahren machte dann auch noch die Bahnhofsgaststätte zu.

Doch für ein Wochenende kehrt die Geschichte zurück und Leben in die feuchten Mauern. Jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag ab 20 Uhr wird das Gebäude für zwei Stunden Schauplatz der Kunstaktion „Moldau - Endlosstation“.

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„Wir machen Besuchern die Geschichte des Bahnhofs und Ortes erlebbar“, sagt Vaculíková. In zehn Stationen erzählen Künstler mithilfe von Tanz, Performance, Ausstellung, Musik, Text und Sound aus dem Gedächtnis des Bahnhofs. „Ortsspezifische Kunst“, nennt das Vaculíková, die eigentlich in Prag als Tanz- und Bewegungskünstlerin arbeitet.

Blick in verschlossene Welt

Dabei bekommen Besucher Zutritt zu bisher für die Öffentlichkeit verborgenen Ecken des Gebäudes. Dazu gehört auch der beeindruckend lange Gang in der ersten Etage. Früher gingen hier die Büros ab, später wohnten hier Studenten und in den 1990ern die Vietnamesen, die seit der Wende den Grenzmarkt betrieben. Auch an sie wird erinnert. „Vor allem ist dieser lange, leere Gang ein Symbol für jene, die hier nicht mehr sind - die Deutschen“, sagt Vaculíková. Ein Zeitstrahl soll an Ereignisse und Einwohner erinnern. „Die Besucher können gern selbst Ereignisse hinzufügen“, lädt sie zum Mitmachen ein.

Überhaupt sind die Grenzen zwischen Künstlern und Besuchern bei der dreitägigen Kunstaktion fließend. Mitmachen ist willkommen. Klangkörper aus Holz dürfen bedient werden. An einer Station kann man Erinnerungen in Verbindung mit Eisenbahn aufschreiben.

Ein langer, leerer Gang wird an die früheren deutschen Bewohner erinnern.
Ein langer, leerer Gang wird an die früheren deutschen Bewohner erinnern. © Steffen Neumann

Inspiration ist der Schriftsteller Adolf Branald, der 1938 in dem Bahnhof als Fahrdienstleister arbeitete. „Die Besucher werden einzeln durch diese lebendige Galerie geschickt“, sagt Vaculíková. Dabei wird viel improvisiert. Vor allem läuft alles zweisprachig ab, betont die Künstlerin. An dem Projekt ist als Partner der Förderverein Pro Rehefeld beteiligt. Eine seiner Mitglieder, Heide Dix, hatte schon bei der Vorbereitung des Gebäudes für die Kunstaktion geholfen und wird auch direkt beteiligt sein. „Eine Station heißt: ‚Fragen Sie!‘ Dort stehen mehrere Experten rund um die Geschichte, den Ort und die Bahnstrecke Rede und Antwort“, sagt Vaculíková.

Gestartet wird die Aktion am Freitag schon 19 Uhr an der Grenzbrücke nach Neu-Rehefeld. Dort enden die Gleise und es beginnt ein bewachsener, acht Kilometer langer Abschnitt. Erst in Holzhau beginnen wieder die Gleise der bis 1945 durchgängigen Strecke Most - Freiberg. Am Freitag wollen die Künstler einen symbolischen Lückenschluss vollziehen. Wie, das wird noch nicht verraten. Nur so viel: „Je mehr Leute, desto größer der Effekt“, sagt Vaculíková.

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Dass eine Künstlerin aus Prag sich für den Lückenschluss zwischen Holzhau und Moldava interessiert, hat mit Alex Mo zu tun, die seit sechs Jahren in Moldava lebt. Sie malt und stellt Textilien her und hat recht klare Vorstellungen, was man mit dem Bahnhof machen könnte. „Hier könnten Galerieräume und Ateliers entstehen, in weiteren Räumen kann man Workshops veranstalten“, sagt sie. Im Herbst letzten Jahres entstand die Idee von dem Kunstprojekt. Alex Mo wünscht sich, dass das Gebäude lebt und Besucher hier viele Möglichkeiten finden, sich zu betätigen, seien es Urlauber, Tagestouristen oder einfach Leute aus der Nachbarschaft.

Mit Heide Dix hat sie eine Verbündete gefunden. Die Rehefelderin interessiert sich für die Landschaft hinter der Grenze, hat kürzlich ein Buch über die früheren Kalköfen herausgebracht, bietet geführte Wanderungen an und plant mit dem 2019 gegründeten Förderverein Pro Rehefeld einen deutsch-tschechischen Rundwanderweg. „Da arbeiten wir eng mit den tschechischen Partnern zusammen. Man kennt sich inzwischen“, beschreibt sie die deutsch-tschechische Gemeinschaft, die sich in den letzten Monaten herausgebildet hat.

Moldau - Endlosstation

Freitag, 19 Uhr, Grenzbrücke, danach bis 22 Uhr Bahnhofsgebäude

Samstag, 20-22 Uhr Bahnhofsgebäude

Sonntag, 20-22 Uhr Bahnhofsgebäude

Eintritt 220 Kronen, ermäßigt 150 Kronen

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Deshalb war es für den Verein selbstverständlich, als Projektpartner dabei zu sein. Dix wünscht sich, dass das grenzübergreifende Interesse noch zunimmt. „Ich erinnere mich gut an die Einweihung des Grenzübergangs 1991. Damals gab es hier eine Riesenparty. Vielleicht sind ja diesmal auch viele Rehefelder dabei“, erzählt sie.

Auf viele Besucher hofft auch Veronika Vaculíková, und das, obwohl die Eisenbahn wegen Bauarbeiten bis Anfang Juli nicht fährt. „Dafür wird es ein Feuer geben, falls man sich Aufwärmen muss, dazu Bratwurst und natürlich Getränke und hoffentlich viele deutsch-tschechische Gespräche.“

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