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Zittau

Hier entstand der größte Teppich der Welt

Das Liberecer Museum erhielt 355 Glasnegative und mehrere Filme von der Fabrikantenfamilie Ginzkey - einst ein Unternehmen mit Weltruf.

Frauen bei der Arbeit in der Teppichfabrik Ginzkey in Maffersdorf – das Nordböhmische Museum Liberec konnte eine Sammlung historischer Fotos zur Firma erwerben.
Frauen bei der Arbeit in der Teppichfabrik Ginzkey in Maffersdorf – das Nordböhmische Museum Liberec konnte eine Sammlung historischer Fotos zur Firma erwerben. © Sammlung Museum

Das Nordböhmische Museum im tschechischen Liberec (Reichenberg) ist um einen Schatz reicher. Es konnte zahlreiche Filme und Negative erwerben. Sie zeigen das Wirken der Teppichfabrikantenfamilie Ginzkey in Maffersdorf, heute Vratislavice. „Es handelt sich um 355 schwarz-weiße Glasnegative und etwa 40 Zelluloid-Filme aus den Jahren 1915 bis 1930“, sagt Kuratorin Anna Daøbujanová. Sie gehörten einst zum Fotoarchiv des Unternehmens.

Der Großteil dieser Sammlung sei nach 1945 verschwunden. Reste des Nachlasses liegen im Archiv von Litomìøice (Leitmeritz) beziehungsweise in der Zweigstelle in Most (Brüx). Die neuentdecken Fotos zeigen das Privatleben der Familie Ginzkey sowie die Entwicklung und Entfaltung des Industriekomplexes in Maffersdorf. Dem Unternehmen verdankte Maffersdorf seinen Aufschwung Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Ginzkey Teppich- und Deckenfabrik erlangte Weltruf. Sie stattete unter anderem 1924 das Hotel Waldorf-Astoria in New York mit dem damals größten Teppich der Welt aus – 15 Meter breit. Willy Ginzkey, Sohn von Gründer Ignaz, war zudem Initiator des Nordböhmischen Gewerbemuseums und Präsident von dessen Kuratorium.

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Ignaz Ginzkey selbst entstammte einer Gärtnersfamilie und lernte zunächst diesen Beruf. Zum Nebenerwerb stellte er einen Webstuhl auf und setzt bald auf das von Joseph-Marie Jacquard entwickelte Webverfahren. Das Unternehmen florierte, war der Konkurrenz bald überlegen – denn Ginzkey gelang es, Wollreste zu verwerten. 1861 stellte er auf Dampfkraft um. Ein Jahr später präsentierte er seine Produkte auf der Londoner Weltausstellung und fand Abnehmer bis in Übersee. 1870 startete die Produktion von Kunstwolle. Nach dem Tod Ignaz Ginzkeys übernahm sein Sohn die Fabrik.

Ein halbes Jahr Verhandlungen

Unter den Fotos sind Aufnahmen von Fabrikgründer Ignaz Ginzkey, sowie vom Interieur der Familienvilla. Mehrere Fotos dokumentieren den Aufbau des Betriebs. Die Bilder zeigen unter anderem den Kohle- und Wasserturm, 1917/1918 erbaut, Verwaltungsgebäude, die Mitarbeiterinnen beim Knüpfen von Teppichen, aber auch Teppichmuster und Baupläne. „Für die Heimatforscher sind sicher auch die Fotos von der Gemeinde interessant“, glaubt Daøbujanová. Sie gibt an, der Fotograf, dessen Name nicht bekannt ist, konnte quasi als Dokumentator in der Fabrik arbeiten. Das Nordböhmische Museum hat mit dem privaten Besitzer der Aufnahmen ein halbes Jahr lang verhandelt. Als Preis für die Sammlung wurden 40.000 Kronen (rund 1.600 Euro) vereinbart. Bezahlt hat das die Stadt Liberec. „Die meisten Negative sind in gutem Zustand. Nur etwas verschmutzt und manche mit abgebrochenen Ecken“, sagt die Historikerin Daøbujanová. Das Museum möchte die Sammlung restaurieren und digitalisieren. „Danach werden die Bilder für jedermann frei zugänglich sein“, sagt der Museumsdirektor Jiøí Køížek. Kürzlich erhielt das Museum von der EU eine Förderung für die Digitalisierung und Restaurierung der Sammlungen in Höhe von 47 Millionen Kronen.

Das historische Gebäude des Nordböhmischen Museums wird derzeit saniert. Die Arbeiten laufen seit Februar 2018 und sollten im September beendet werden. Wegen Corona gibt es Verzögerungen. Nun soll das Haus Anfang Dezember wiedereröffnet werden. Zu diesem Anlass wird eine neue Ausstellung mit dem Titel „Reichenberg kontra Liberec“ vorbereitet, die Veränderungen in der Stadt über einen Zeitraum von 600 Jahren zeigen. Die Kosten für Sanierung und Ausstellung liegen bei 143 Millionen Kronen.

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