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Er war das heimliche Staatsoberhaupt Tschechiens

Prager Medien überschlagen sich in der Berichterstattung über den tragischen Tod des erfolgreichsten Geschäftsmanns des Landes - Petr Kellner.

Petr Kellner, Unternehmer und Milliardär aus Tschechien, ist im Alter von 56 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen.
Petr Kellner, Unternehmer und Milliardär aus Tschechien, ist im Alter von 56 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. © Vondrouš Roman/CTK/dpa

Den kommenden 11. April hatte Petr Kellner in seinem Kalender als wichtig notiert. Da soll auf dem Gelände seiner Telekommunikationsfirma O2 in Prag das größte tschechische Impfzentrum offiziell eröffnet werden. Bis zu 10.000 Menschen am Tag sollen dort gegen Covid immunisiert werden.

Ob der 56-Jährige persönlich zu dem Termin gekommen wäre, steht in den Sternen. So einflussreich der am Wochenende bei einem Hubschrauberabsturz in einem Skigebiet in Alaska tragisch ums Leben gekommene reichste Tscheche auch war, so pressescheu war er zugleich.

Mehrere Millionen Euro stellte er zur Bekämpfung des Virus in seinem Land bereit, spendete unter anderem 50 Beatmungsgeräte. Und er investierte als einer der ersten in Tschechien in biomedizinische Forschung.

Dies sind aber de facto im Leben des Petr Kellner nur Randnotizen. Wer sehr viel mehr Einblick in sein geheimnisumwittertes Leben bekommen wollte, hatte am Dienstag beim Lesen der großen Prager Zeitungen über Stunden gut zu tun. Zig Seiten jeweils waren Kellner gewidmet.

Gewaltiges Firmenimperium

So etwas gab es in der noch jungen Geschichte der selbständigen Tschechischen Republik bisher nur ein einziges Mal: nach dem Tod von Präsident Václav Havel. In einem ihrer vielen Artikel schrieb die Lidové noviny dann wohl auch zurecht: „In gewisser Weise hat Tschechien mit Petr Kellner sein wirkliches Staatsoberhaupt verloren.“

Jeder Tscheche hatte täglich mit Kellners Firmenimperium zu tun, meist ohne es zu wissen. Diejenigen, die mit O2 telefonierten, die sich Geld bei Home Credit liehen, die den meistgesehenen TV-Kanal Nova einschalteten oder die mit Zügen oder Straßenbahnen von Škoda Transportation fuhren. Der Beispiele gäbe es noch viele andere.

Begonnen hatte alles nach einem Studium an der Prager Hochschule für Ökonomie 1986. Kellner begann in der tschechischen Firma Impromat Kopierer zu verkaufen. 1991, in der Zeit der Privatisierung nach der „Wende“, gründete Kellner mit dem Chef von Impromat und einem weiteren Mitstreiter den Privatisierungsfonds PPF. Daraus entstand im Laufe der Jahre der mit Abstand größte Investionsfonds Tschechiens.

2020 landete Kellner auf Platz 68 der Reichsten des Planeten.
2020 landete Kellner auf Platz 68 der Reichsten des Planeten. © Roman Vondrous/CTK/AP/dpa

2003 war Kellner der erste tschechische Dollar-Milliardär. 2006 wurde er erstmals in der Reihe der weltweiten Forbes-Liste der größten Dollar-Milliardäre der Welt geführt, 2008 gehörte er zu den hundert Reichsten, 2020 landete er auf Platz 68 der Reichsten des Planeten.

Sein Vermögen wurde da mit mehr als 17 Milliarden Dollar (14,4 Milliarden Euro) beziffert. Er besaß einen Anteil von 98,93 Prozent an der PPF-Gruppe, einer längst international aktiven Investmentgesellschaft mit einer Bilanzsumme von 44 Milliarden Euro. Und er hatte einen engen Draht zur Politik, namentlich zu den Präsidenten Václav Klaus und Miloš Zeman. Auch für die war der Tod Kellners eine schlimme Nachricht.

Bestürzung auch in Sachsen

In den letzten Jahren wuchs sein Interesse an Geschäften auch in Deutschland. Kellner gehörte zu dem Investorenkreis, der die ostdeutschen Braunkohle-Kraftwerke und Tagebaue von Vattenfall übernommen hatte, die unter dem Namen Leag von Cottbus aus gesteuert werden.

Anfangs gab es in Deutschland Zweifel, ob „irgendwelche reich gewordenen Tschechen“ wirklich geeignete Nachfolger von Vattenfall sein könnten. Nun hat der Tod Kellners Bestürzung und Sorge in Sachsen ausgelöst.

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) äußerte sein Beileid. Weißwassers Oberbürgermeister Torsten Pötzsch würdigte den Verstorbenen als einen „Konzernlenker, der bis auf die unterste Ebene“ gewirkt habe. Man hoffe, dass seine Nachfolger seinem Beispiel folgen werden.

Unkonventionelle Geschäfte

Maßgeblich eingefädelt hatte den Leag-Deal ein zweiter großer Investor aus Tschechien - Daniel Křetínský und dessen EPH Holding. EPH und Kellners PPF sind zu je 50 Prozent an der Leag beteiligt. Křetínský ist überdies Lebenspartner der Kellner-Tochter Anna, einer international erfolgreichen Springreiterin. Anna wird in den tschechischen Medien als mögliche Nachfolgerin ihres Vaters bei PPF genannt. Über sie sage man, sie sei wie ihr Vater, nur trage sie Röcke.

170.000 Mitarbeiter hat die PPF-Gruppe. Aber Kellner traf nahezu alle Entscheidungen allein. Teils sehr unkonventionell, per Handschlag, machte er große Geschäfte. Kellner liebte das Risiko, auch bei seinen Hobbys. Jetzt ist er einem davon zum Opfer gefallen.

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„Die Pandemie hat uns die Relativität der Dinge gezeigt, die uns allen als grundsätzlich und unabänderlich galten. Jetzt denken wir alle darüber nach, was im Leben wirklich wichtig ist“, hinterließ er. Womöglich hatte er noch nicht ausreichend über seinen letzten Satz nachgedacht, als er in den Hubschrauber zu einem Skiabenteuer mit höchstem Risiko stieg.

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