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Provokantes Nostalgie-Denkmal

Ein extremistischer Verein enthüllt in Cínovec die Statue eines Grenzschützers. Im Ort regt sich Protest.

Der Blick des Grenzsoldaten geht in Richtung Sachsen. Die Initiatoren feiern Stacheldraht und Schießbefehl.
Der Blick des Grenzsoldaten geht in Richtung Sachsen. Die Initiatoren feiern Stacheldraht und Schießbefehl. © Steffen Neumann

Es ist ein martialischer Anblick. In Cínovec (Hinterzinnwald) steht eine neue Statue eines Grenzsoldaten. Mit seiner rechten Hand hält er das aufgestellte Gewehr, links von ihm sitzt sein Hund. Davor steht ein Stein mit der Aufschrift: „Im Gedenken an alle gefallenen Beschützer der tschechoslowakischen Staatsgrenze“. Rund herum ist Bergwiese. Der Blick des Grenzers geht nach Richtung Zinnwald in Sachsen. Die Statue wurde am letzten Wochenende aufgestellt. Am Samstag soll sie eingeweiht werden. „Die versammeln sich hier jedes Jahr. Die sind ‚meschugge‘“, gebraucht der Nachbar ein deutsches Wort.

Er meint den Klub der tschechischen Grenzsoldaten, der hinter der Aufstellung der Statue steht. Mit ihr soll erinnert werden, dass vor 70 Jahren das Gesetz zum Schutz der tschechoslowakischen Staatsgrenze erlassen wurde, heißt es in der Einladung. Geht man auf die Internetseite des Klubs, der 1991 gegründet wurde, stößt man auf eine Art Ehemaligenverein. Doch der Klub ist nicht nur ein harmloser Nostalgiebund, wie man auf den ersten Blick denken könnte.

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Das tschechische Innenministerium führt ihn als extremistische Organisation, weil seine Vertreter wiederholt die demokratische Ordnung in Frage stellen. „Es geht nicht nur um nostalgisches Erinnern an die gemeinsame Armeezeit“, sagt der TV-Journalist Karel Vrána. „Die Mitglieder des Klubs feiern mit Stacheldraht gesicherte Grenzen und den Schießbefehl an der Grenze zum Westen, der Hunderten das Leben kostete“, so der Journalist weiter, der sich seit Jahren mit dem Klub beschäftigt. Das Schlimmste sei aber, dass die Mitglieder des Klubs mit ihren Überzeugungen in Staatspräsident Miloš Zeman einen mächtigen Verbündeten haben. „Sie teilen die Überzeugung, dass sich ein Staat um den Schutz seiner Grenzen kümmern muss und ihre Vorliebe für das Russland Putins“, erklärt Vrána. Dabei sei egal, dass Russland als kapitalistischer Staat im Widerspruch zu der Ideologie der altkommunistischen Funktionäre steht. „Die Grenzen sind fließend. Mit den Rechtspopulisten haben sie die Ablehnung von Migranten gemeinsam. Und sie nähren bis heute die Angst vor den Sudetendeutschen, womit sie bei der älteren Bevölkerung punkten“, so Vrána weiter.

In diese Richtung ist auch der Wahlspruch des Klubs zu verstehen: „Nur wenn das Grenzgebiet tschechisch ist, bleibt auch unsere ganze Heimat tschechisch“, heißt es da in Anspielung an das bis 1945 vorwiegend deutsch besiedelte Sudetengebiet. Dass es sich bei den Grenzschützern um einen Klub alter Männer handelt, von denen keine Gefahr mehr ausgeht, lässt Vrána nicht gelten: „Der bisher einzige terroristische Anschlag, der in Tschechien verübt wurde, ging auf das Konto eines Rentners“, erinnert er.

Er hätte gern geschossen

Dass die Grenzschützer-Statue nun ausgerechnet auf einem Privatgrundstück an jener Grenze steht, die nur bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 bewacht war und selbst dann nicht so scharf wie die Westgrenze, erklärt Vrána mit dem Klub-Mitglied Pavel Svoboda aus Teplice (Teplitz). Ihm gehörte das Grundstück, „schon seit über 30 Jahren“, wie der Nachbar bestätigt. Später schenkte er es dem Grenzschützerklub, es entstand vor 13 Jahren der Gedenkstein. Seitdem fand das regelmäßige Gedenken statt. Vrána hat Svoboda mehrfach getroffen. „Er war nicht nur Grenzschützer, sondern auch bezahlter Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes. Mir gegenüber bedauerte er, nur an der Grenze zur DDR gedient zu haben. Er hätte gern auf Flüchtlinge geschossen“, erzählt Vrána.

Es war Svobodas Traum, die Statue auf seiner Wiese aufzustellen. So ein drei Meter hohes Standbild befand sich bis 1989 in Cheb (Eger) fast genau an jener Stelle, wo früher das Denkmal eines amerikanischen Soldaten aufgestellt war. Die US-Armee hatte 1945 große Teile Westböhmens befreit. Nach 1989 landete sie im Museumsdepot. Jahrelang bemühte sich der Grenzschützerklub, sie zu kaufen. Für einige Zeit durfte er sie ausleihen. In diesem Jahr lehnte die Stadt jedoch den Kaufwunsch endgültig ab. Kurz darauf starb Svoboda.

Die Statue steht trotzdem und die Menschen in Cínovec müssen damit leben. In den letzten Jahren sind mehrere vor allem junge Familien zugezogen. „Das ist Propaganda und Feiern eines gewalttätigen und unmenschlichen Regimes, das lehne ich ab“, ärgert sich Veronika Pacáková, eine junge Mutter. So denken die meisten im Dorf. „Es gab Versuche, die Statue zu verhindern, aber sie befindet sich auf einem Privatgrundstück“, sagt sie.

Dabei ist die Verherrlichung von Symbolen des kommunistischen Staates in Tschechien strafbar. Bisher wurde jedoch keine Anzeige gestattet. Die Dörfler werden der Einweihung jedenfalls nicht tatenlos zusehen. „Wir werden demonstrieren“, versichert der Nachbar.

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