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Rettungsaktion für Hradeker Orgel

Der Holzwurm hat dem Musikinstrument zugesetzt, das Gehäuse ist Hunderte Jahre alt. Die Reparatur erfordert Mut und Abenteuerlust - und Spenden.

Organisator und Koordinator: Rolf Bartosch und Petr Benda stellten sich der Aufgabe, die Orgel zu retten.
Organisator und Koordinator: Rolf Bartosch und Petr Benda stellten sich der Aufgabe, die Orgel zu retten. © Roman Sedlácek

Kurz vor seinem runden Geburtstag hat Rolf Bartosch einen Beitrag auf Facebook veröffentlicht. "Fünfzig ist ein Alter, in dem man bereits alles haben sollte, was man verdient", schrieb er auf seiner Seite. Wer ihm zu seinem Jubiläum eine Freude bereiten wolle, möge die Rettung der Orgel in der Kirche des heiligen Bartholomäus unterstützen was bereits mehr als 50 Bürger tun. Sie sei der Mühe wert: Das barocke Gehäuse als ältestes noch erhaltenes Teil stammt von 1654.

Der Kirchenorganist mit deutschen Wurzeln aus Hradek (Grottau) kämpft schon seit Jahren gegen den zunehmend schlechteren Zustand der Orgel an, doch der Holzwurm setzte vorigen Sommer all seinen Bemühungen ein Ende. Die angefragte Fachfirma hielt eine Reparatur für kaum machbar. Sie schlug eine neue Orgel vor, bei der die alten Pfeifen teilweise eingebaut werden könnten. Der Preis für die einfachste Ausführung sollte drei Millionen Kronen (rund 118.000 Euro) betragen. Und so stand im Sommer 2020 die katholische Pfarrei in Grottau vor einem Riesenproblem: was nun?

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Es bedurfte einer ordentlichen Portion Mut und Abenteuerlust, um in Angriff zu nehmen, was sich die anderen nicht zugetraut hätten: die Reparatur der alten Orgel. Die Entscheidungslast dafür liegt auch beim örtlichen Pfarrer Radek Vašinek. Rolf Bartosch und Petr Benda stellten sich schließlich der Aufgabe, sie organisieren und koordinieren das Vorhaben seither während ihrer freien Zeit und nehmen manche komplizierten Reparaturen selbst vor.

Rolf Bartosch wurde als talentierter Jungmusiker schon im Alter von 13 Jahren Organist in Hradek. Seine Liebe zur Orgel und Musik machte er zu seinem Beruf: Der begnadete Orgelspieler repariert Musikinstrumente. In der Freizeit nimmt er mit seinem Freund Petr Benda auch die anfallenden Reparaturen an der Kirche vor. So ist es den beiden auch zu verdanken, dass der Glockenturm wieder besichtigt werden kann.

Spieltisch ist 350 Kilo schwer

So galt es zum Beispiel den 350 Kilo schweren Spieltisch von der Orgelempore in die Werkstatt in Donín zu verfrachten. Eine Herausforderung, die mithilfe der örtlichen Feuerwehr gemeistert werden konnte. Und Rolf Bartosch und Petr Benda sind nicht die einzigen, die selbstlos ans Werk gehen. Auch die einfachsten Arbeiten, wie die Reinigung der Einzelteile, kosten viel Zeit. Die vom Holzwurm befallenen Teile werden in Prag einer speziellen Bestrahlung unterzogen. Das nächste Problem stellten die kaputten Bestandteile dar, die heute nirgends mehr zu kaufen sind. Da waren Erfindungsgeist und Handfertigkeit gefragt. "Der Modellbau bekam hier eine ganz neue Dimension", kommentiert den Eingriff der Ortsbewohner Roman Sedláček.

Die Orgel hat eine bewegte Geschichte, die Mitte des 17. Jahrhunderts in der Prager Altstadt begann. Von Jeronym Altmann gebaut, erklang sie das erste Mal 1654 in der Prämonstratenser Kirche des heiligen Benedikts. Diese wurde jedoch 1676 abgerissen, die Orgel abgebaut und 1714 in der Nachfolgekirche des heiligen Norbert von Leopold Burghardt wieder aufgestellt. Anlässlich der Schließung dieser Kirche durch Joseph II. 1785 kam die Orgel nach Hradek, wo der Zittauer Orgelbauer Johann Gottlob Tamitius sie drei Jahre später überholt und in der Bartholomäus-Kirche aufstellte. Dort baute der renommierte Prager Orgelbauer Heinrich Schiffner 1909 in das historische Gehäuse ein neues Orgelwerk ein.

Die Steuerung der Orgelpfeifen läuft über zwei Manuale und ein Pedal vom Spieltisch, dabei wird der Druck auf die Taste über die Traktur mechanisch, pneumatisch zu den Ventilen unter den Pfeifen geleitet. Und gerade diese schwer zugänglichen Verbindungsteile fielen dem Holzwurm zu Opfer. "Größere Reparaturarbeiten erfolgten zwar 1977, allerdings sparten die Handwerker die schlecht zugänglichen Stellen aus", erklärt Roman Sedláček.

Das Rettungsprojekt läuft weiter: Wer eine Orgel-Patenschaft übernehmen will, findet dazu alle Informationen unter www.hradek.eu/varhany oder +420725601600.

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