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Vom Heilwasserbad zur Saftfabrik

Saftproduzent Kitl hat den Maffersdorfer Sauerbrunnen samt Gebäuden gerettet und füllt dort Flaschen ab. Ihr Chef galt als erfolgreicher Jung-Manager.

Jan Vokurka in seiner Saft- und Mineralwasserfabrik in Vratislavice, links vor und rechts nach der Sanierung.
Jan Vokurka in seiner Saft- und Mineralwasserfabrik in Vratislavice, links vor und rechts nach der Sanierung. © Archiv Kitl

Der Platz war knapp geworden. Für den tschechischen Saftproduzenten Kitl reichten die bislang genutzten Räume in einer ehemaligen Wäscherei in Jablonec nad Nisou (Gablonz) schon seit einer Weile hinten und vorne nicht mehr aus. Etwa eine Million Flaschen füllt das Unternehmen jährlich inzwischen ab. Geschäftsführer Jan Vokurka sah sich also nach einem neuen Domizil um. Er wurde fündig in Vratislavice (Maffersdorf), einem Stadtteil von Liberec (Reichenberg). Dort stand die einstige Mineralwasserfabrik leer. Hier wurde früher das Heilwasser aus dem sogenannten Maffersdorfer Sauerbrunnen abgefüllt.

Vokurka hat ihn erworben und sanieren lassen. „In diesem neuen Domizil können wir unsere Herstellung besser organisieren und verzehnfachen“, sagt der Chef, der 2020 zum Unternehmer des Jahres in der Liberecer Region gekürt wurde. Kitl produziere elf Sorten Kräuter- und Obstsäfte. Das neueste sei ein Sirup aus Rosenblüten, der von den Wissenschaftlern des Instituts für Pflanzenproduktion nach einer erst entwickelten Methode ohne Zugabe von Konservierungsmitteln entwickelt wurde.

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Erst Ruf als „schlechtes Wasser“

Kitl steht nun auf historischem Boden. Die Maffersdorfer Heilquelle wurde 1862 von Karl Skollaude entdeckt, als der neben seinem Haus an der Neißewiese einen Pumpbrunnen für seine Bleiche grub. Das gefundene Wasser besaß einen sonderbaren Beigeschmack, es wurde „schlechtes Wasser“ genannt. Erst drei Jahre später verglich die Mutter von Skollaude den Geschmack dieses Wassers mit dem des Sauerbrunnens in Bad Liebwerda (heute Láznì Libverda). Skollaude ging daraufhin mit einer Flasche seines Wassers zu einem Apotheker nach Gablonz. Der gab ihm den Rat, die Quelle analysieren zu lassen. Die chemische Prüfung bestätigte, dass die alkalischen Eisensäuerlinge belebend und stärkend wirken.

Zur Mineralquelle kamen nun viele Heilwasser-Liebhaber. Im Frühjahr 1866 ließ Skollaude den Brunnen neu einfassen und richtete sein kleines Bleichhaus zum Badehaus her. 1892 wurde eine Genossenschaft gegründet, 1894 erhielt sie die Genehmigung zur Verwendung des Wassers als Heil- und Genussmittel. Es wurde in Flaschen abgefüllt und verschickt. Im Jahr 1897 wurden 382.000 Flaschen verkauft. Maffersdorf machte sich einen Namen als Sommerfrische und Kurort. Noch in den 1970er Jahren war das Mineralwasser in den grünen Flaschen – auch mit Orangen- oder Zitronengeschmack – vielen Tschechen ein Begriff. In den 80er Jahren jedoch glich die Fabrik einer Ruine.

Die einst berühmte Sauerquelle stand jahrelang verlassen herum. 2011 brach zudem ein Feuer im Gebäude aus. Vor allem das Haupthaus mit dem Turm wurde schwer beschädigt. Anfang der 1990er Jahre startete zwar eine Restaurierung. Dem damaligen Besitzer gelang es nicht, den Ruhm der Mineralfabrik wiederzubeleben. Bis 2008 wurde auf dem Gelände noch Mineralwasser abgefüllt. Dann war Schluss. Mehrere Investoren versuchten, den Betrieb wieder aufzunehmen, aber alle scheiterten. Die Lage schien hoffnungslos. Dann aber kam Jan Vokurka. Er brauchte wegen komplizierter Eigentumsverhältnisse vier Jahre, um die Anlage an der Straßenbahnstrecke von Liberec nach Jablonec komplett zu übernehmen. Bevor die Bauleute mit der Arbeit beginnen konnten, musste das fast zwei Hektar große Gelände gründlich gesäubert werden. Überall lagen leere Flaschen, Splitter und Müll herum. 2019 begann Vokurka mit dem Wiederaufbau.

Heilwasser muss noch warten

In der zerstörten Halle wurde ein modernes Lagerhaus eingerichtet, Technik für die Herstellung von Sirup wurde installiert. Die Produktion wurde um eine Filteranlage, die optische Kontrolle der Flaschen und eine Etikettenmaschine ergänzt. Darüber hinaus gebe es eine zweite Füllanlage für die alte Maffersdorfer Quelle.

„Bis wir die abfüllen können, wird es aber mindestens drei Jahre dauern“, schätzt Vokurka. „Wir müssen noch viele gesetzliche und technologische Schritte unternehmen“, so der Geschäftsführer. Die Quelle sei nicht besonders ergiebig. Sie liefere 24 Liter pro Minute. Trotzdem sei sie eine sinnvolle Ergänzung zum Saftangebot der Firma Kitl. Perspektivisch sei noch die Sanierung des historischen Gebäudes mit dem Türmchen vorgesehen.

Vokurka galt einst als erfolgreichster Jung-Manager Tschechiens. Er arbeitete beim Konzern Nestlé und hätte dort Karriere machen können. Doch vor 15 Jahren verließ er das Unternehmen und steckte seine Energie in die Wiederbelebung der beinahe vergessenen Traditionen des Naturheilers Johann Josef Antonius Eleazar Kittel, der als „Faust des Isergebirges“ bekannt ist. Später produzierte Vokurka in seiner kleinen Fabrik in einer Neubausiedlung in Jablonec medizinische Weine und Säfte in Bio-Qualität. Heute hat Vokurka 45 Mitarbeiter. 2020 machte der Betrieb einen Umsatz von umgerechnet 3,3 Millionen Euro.

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