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Bald Tempo 150 auf tschechischen Autobahnen?

In Tschechien startet die neue Regierung mit einem populistischen Vorschlag. Sie will auf Autobahn-Abschnitten statt Tempo 130 Tempo 150 durchsetzen.

Von Hans-Jörg Schmidt
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Der Vorschlag für Tempo 150 auf tschechischen Autobahnen ist nicht neu, scheiterte in den vergangenen Jahren aber immer wieder am Einspruch von Polizei und Verkehrsexperten.
Der Vorschlag für Tempo 150 auf tschechischen Autobahnen ist nicht neu, scheiterte in den vergangenen Jahren aber immer wieder am Einspruch von Polizei und Verkehrsexperten. © dpa

Prag. Zum Lachen haben die Tschechen derzeit wenig Gründe. Die Corona-Zahlen steigen ähnlich besorgniserregend wie in Deutschland an, die Preise für Gas, Sprit und Lebensmittel werden jeden Tag neu pulverisiert und zu allem Überfluss liefert sich auch das neue Parlament die alten verbalen Scharmützel über die Besetzung lukrativer Posten. Die alte Regierung würde am liebsten so schnell wie möglich in die Opposition gehen und die Probleme dem neuen Kabinett überantworten, doch noch muss sie ein paar Wochen geschäftsführend agieren.

Für etwas positive Stimmung in diesen harten Zeiten, ja sogar für einen richtigen Lacher, sorgte am Freitag der künftige Verkehrsminister Martin Kupka aus der Bürgerpartei ODS. Er erklärte gegenüber der Zeitung Lidové noviny den Willen der neuen Regierung, Tempo 150 auf ausgewählten Autobahnabschnitten einzuführen. Das Lachen kommt bei denen auf, die sich daran erinnern, dass die künftigen Regierungsparteien aus der Opposition heraus der Regierung Babiš bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit „Populismus“ vorgeworfen hatten. Und nun kommen ausgerechnet sie mit einem wirklich populistischen Thema um die Ecke, obwohl sie noch nicht mal im Amt sind.

Der Vorschlag für Tempo 150 ist nicht neu, scheiterte in den vergangenen Jahren aber immer wieder am Einspruch von Polizei und Verkehrsexperten. Dabei wagten sich die Befürworter einer höheren Geschwindigkeit stets nur an kleine Brötchen heran. So auch jetzt: Die aktuell gültige Höchstgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde soll nur auf sechsspurigen Abschnitten der Autobahnen auf Tempo 150 erhöht werden. Das betrifft gerade mal 44 der mehr als 1.300 Autobahnkilometer in Tschechien, unweit von Prag und in Mähren. Die Autobahnen Richtung Dresden und Bayern wären nicht von der Neuregelung betroffen.

Tschechen lieben es schnell zu fahren

Doch die Polizei kennt ihre Pappenheimer nur zu gut. Tschechische Autofahrer lieben es, schnell zu fahren, schwärmen regelrecht von ihren Erlebnissen auf deutschen Autobahnen ohne Tempolimit. Leider überschätzen sie ihre Fahrkünste auch gern mal.

Ausländer auf tschechischen Autobahnen beschweren sich regelmäßig darüber, dass tschechische Verkehrsteilnehmer auch bei hoher Geschwindigkeit sehr dicht auffahren. Abstand halten falle in der Fahrschule meist unter den Tisch. Zudem belegen langjährige Erfahrungen, dass die meisten tschechischen Autofahrer ihr Fahrverhalten an der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ausrichten und letztlich auch auf Abschnitten 130 km/h fahren, die beispielsweise nur mit maximal Tempo 100 befahren werden dürfen. Führe man Tempo 150 ein, dann werde das sehr rasch zum Normaltempo auch auf nicht dafür freigegebenen Abschnitten werden. Was wiederum das Unfallrisiko erhöhe.

Der künftige Verkehrsminister sieht das anders. Kupka verweist auf Analysen aus Polen, wo auf Autobahnen maximal 140 km/h gefahren werden dürfen. „Dort hat das nicht zu mehr Unfällen geführt.“ Außerdem sei gerade die Sicherheit eines der Hauptkriterien bei der Auswahl der Abschnitte für Tempo 150.

100 statt 80 km/h in Tunneln

Der Verkehrsexperte Roman Budský hält dagegen: „Tempo 130 ist absolut angemessen. Der Europarat sagt gar, dass aus Sicherheitserwägungen Tempo 120 optimal wäre. Ein großer Teil unserer Autobahnen ist überhaupt nicht für größere Geschwindigkeiten ausgelegt.“ Budský warnt außerdem: „An unseren Autobahnen wird viel gebaut. Schon jetzt versuchen die Autofahrer, verlorene Zeit in Baustellenabschnitten mit überhöhtem Tempo wieder aufzuholen.“

Der neue Verkehrsminister will übrigens noch ein weiteres Risiko eingehen und die Höchstgeschwindigkeit in den Tunnelabschnitten namentlich in Prag von 80 auf 100 km/h anheben. Angeblich werde damit die Durchlässigkeit erhöht. Man müsse dazu aber für mehr Helligkeit und bessere Entlüftung der Tunnel sorgen. Von besserer Fahrschulausbildung sprach er nicht.

Die Lidové noviny, ein Blatt, das dem scheidenden Premier Babiš gehört, amüsiert sich am Freitag besonders über den Populismus des Vorschlags. Die Zeitung räumt zwar ein, dass die Tschechen, die deutsche Autobahnerfahrung haben, jubeln würden. Aber: „Dass das mit den höheren Geschwindigkeiten in Deutschland funktioniert, heißt noch lange nicht, dass das auch bei uns klappen würde. Man kann von der Schweiz auch nicht Formen der direkten Demokratie so einfach abkupfern oder die lockeren Waffengesetze aus den USA importieren.“