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Flaute in Tschechiens Kreißsälen

Die eh schon schwache Geburtenrate in Tschechien bricht ein. Feiert nun ein „Ehekredit“ aus sozialistischen Zeiten Wiederauferstehung, den es ähnlich auch in der DDR gab?

Von Hans-Jörg Schmidt
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In Tschechien ist die Geburtenrate zuletzt stark gesunken.
In Tschechien ist die Geburtenrate zuletzt stark gesunken. © Symbolfoto: dpa

Prag. In Tschechiens Kreißsälen war es schon lauter. Die ersten Schreie Neugeborener gehen zahlenmäßig zurück. Von einem „extremen Einbruch“ spricht der Prager Hörfunk: „Im Jahr 2021 lag Tschechien bei der Geburtenrate noch weit vorn in Europa. Doch im vergangenen Jahr kamen rund 12.000 Kinder weniger hierzulande auf die Welt als noch zwölf Monate zuvor. Die Zahl der Neugeborenen lag so niedrig wie zuletzt vor 18 Jahren.

Damit sank die Geburtenrate auf einen Wert von 1,66.“ In Deutschland lag diese rein statistische Zahl im Vergleich noch niedriger: bei nur 1,3 Kindern pro Frau. Erwünscht ist ein Wert von 2,1 Kindern.

Über die Gründe der Flaute in den Kreißsälen zu rätseln, ist das eine. Wichtiger ist, dem Trend etwas entgegen zu setzen. Und da fällt in Tschechien immer häufiger der Begriff von „Husáks Kindern“. Um diesen Begriff zu erklären, muss man zurück in die 1970er Jahre. Nach dem gewaltsamen Ende des Prager Frühlings machte sich in der damaligen Tschechoslowakei eine generelle Müdigkeit breit. Auch nach Kindern.

Um die Loyalität der Menschen auf irgendeine Weise neu zu gewinnen, legte die Staatspartei ein sozialpolitische Programme auf. Junge Ehen wurden mit Krediten geködert, die man mit der Geburt von Kindern „abzahlen“ konnte. Diese Kinder werden bis heute in Tschechien „Husáks Kinder“ genannt - nach dem Namen des damaligen Parteichefs und späteren Präsidenten Gustáv Husák.

Husáks Programm ähnelte dem der Ehekredite in der DDR, die unter Erich Honecker nach dem VIII. Parteitag der SED eingeführt wurden. Mit Erfolg: „Wir heirateten, um an Geld zu kommen“, sagen die damaligen jungen Eheleute in beiden Ländern. Im tschechischen Landesteil der ČSSR wurden im Rekordjahr 1974 fast 200.000 Kinder geboren, doppelt so viel wie heute. Dass sich die Tschechen und Slowaken wie die Ostdeutschen mit ihrer Sozialpolitik wirtschaftlich völlig übernahmen, steht auf einem anderen Blatt.

In Tschechien reden manche dennoch einem neuen „Husák“-Programm das Wort, weil die Angst vor einer Verstetigung der niedrigen Geburtenzahlen wächst. Spätestens wenn die „Husák“-Kinder geballt in Rente gehen, wird es kaum noch Arbeitsfähige geben, die deren Rente erwirtschaften müssen. Doch für aberwitzige sozialistische Sozialprogramme ist kein Geld vorhanden. Spötter empfehlen, die Mehrwertsteuer für Kondome und andere Verhütungsmittel massiv zu erhöhen. Das helfe entweder dem Staatshaushalt oder bringe wieder Betrieb in die Kreißsäle.