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Tschechien: Verdiente letzte Ruhe

Vom Friedhof in Sněžník ist nicht mehr viel übrig. Jetzt wird an ihn erinnert.

Bürgermeister Miroslav Kalvas und Gerhard Hahnel, der mit 13 Jahren vertrieben wurde.
Bürgermeister Miroslav Kalvas und Gerhard Hahnel, der mit 13 Jahren vertrieben wurde. © Steffen Neumann

Ein bemerkenswertes Denkmal steht seit einigen Wochen am Waldrand bei Sněžník (Schneeberg). Aufgeschichtet und in einem rechteckigen Grundriss gestaltet wirkt es improvisiert. Denn die Teile, aus denen das Denkmal zusammengestellt ist, sind Reste von Grabsteinen vom Friedhof, der sich hier einst befand. Auf einem Grabstein, auf dem die Inschrift fehlt, aber noch ein Baum zu erkennen ist, wurde eine Gedenkplatte mit der zweisprachigen Aufschrift „Ruhe in Frieden“ befestigt. Das Denkmal, das vergangenen Freitag eingeweiht wurde, soll an den Friedhof und vor allem die Verstorbenen erinnern.

Vergessener Friedhof

Das ist auch nötig, denn dass sich hier einmal ein Friedhof befand, war lange unbekannt und sein Auffinden reiner Zufall. „Der Landwirt, dem die benachbarten Grundstücke gehören, wollte uns diese Parzelle abkaufen“, sagt Miroslav Kalvas, der Bürgermeister von Jílové u Děčína (Eulau), zu dem Sněžník gehört. Als die Stadt von dem Friedhof erfuhr, entschied sie sich, das Grundstück zu behalten und hier einen Gedenkort einzurichten. Der Vorschlag der Landesversammlung der deutschen Vereine in Tschechien, mit einer Gedenktafel an die hier Bestatteten zu erinnern, kam da gerade recht.

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„Das ist das mindeste, was wir für diese Menschen tun können“, meint Olga Bauerová aus Děčín (Tetschen). Sie arbeitet für den Steinmetzbetrieb Hýbl in Jílové, der sich um das Denkmal gekümmert hat. „Wir haben die Steine mit eigenen Händen ausgegraben, sie teils bearbeitet und dann in der Form aufgestellt“, sagt Steinmetz Daniel Mašek und er fügt hinzu: „Bei dieser Arbeit hatte ich ein sehr gutes Gefühl.“

Auf dem Friedhof wurden einst die deutschen Bewohner von Sněžník bestattet, die hier bis 1945 lebten. Nach ihrer Vertreibung wurden zwar Menschen aus dem sogenannten tschechischen Inland angesiedelt, doch der Friedhof wurde nicht mehr genutzt. „Er wurde Ziel von Dieben und sinnloser Zerstörung und letztendlich eingeebnet“, sagt Lucie Römer von der Landesversammlung der deutschen Vereine in Tschechien. Neben Sněžník konnten in diesem Jahr unter finanzieller Mithilfe der Ackermann-Gemeinde und des Bundesinnenministeriums an vier weiteren Orten Gedenktafeln aufgestellt werden, um an verschwundene Friedhöfe zu erinnern. Im kommenden Jahr sollen weitere fünf Tafeln folgen. Doch während es an den meisten Orten bei einer Tafel blieb, entstand hier eine richtige Installation. Und dabei soll es nicht bleiben. „Wir haben noch weitere Grabsteine gefunden. Die bekommen wir aber nur mit schwerer Technik ans Tageslicht“, sagt Steinmetz Mašek.

Reue stellt sich ein

Erinnern kann man gar nicht genug, meint Gerhard Hahnel aus Bad Gottleuba. Der 89-jährige wurde als 13-jähriger aus seiner Heimat vertrieben. Er stammt aus Raitza (tschechisch: Rájec). Er war ein guter Schüler, war beliebt. Die Vertreibung riss ihn aus einer glücklichen Kindheit. Doch es blieb nicht bei der Vertreibung. „Das deutsche Erbe wollte man zerstören. Dabei waren wir es, die dieses Land erst urbar gemacht hatten“, erinnert Hahnel an die deutsche Besiedlung dieser einstigen Wildnis im Mittelalter. Trotz unguter Erinnerungen und körperlicher Beschwerden ist er zur Einweihung gekommen. „Meine Freunde wollten nicht kommen, aber ich finde, eine Einladung soll man nicht ausschlagen“, sagt er. Das Denkmal ist für ihn auch Genugtuung. „Das ist die Reue, die sich einstellt. Aber das sind Leute, die einen Kopf haben. Die gewöhnlichen Tschechen hassen uns noch immer“, weiß er.

Doch das Interesse steigt immer mehr, weiß Bürgermeister Kalvas: „Inzwischen leben die Menschen gern hier. Sie haben Wurzeln geschlagen und interessieren sich für die Geschichte. Dem kommen wir entgegen, indem wir einen historischen Lehrpfad geschaffen haben.“ Dieser soll in Zukunft um mehrere Stationen erweitert werden. Dazu wird auch der einstige Friedhof Sněžník gehören. Fürs erste hat die Stadt schon mal eine Bank aufgestellt. Von hier geht der Blick nach Osten auf den Tafelberg Děčínský Sněžník (Hoher Schneeberg). „Dieses Denkmal soll die Menschen zum Nachdenken anregen, wozu menschlicher Hass in der Lage ist“, sagt Steinmetz Mašek. „Und zugleich ist es Prävention, damit das nicht wieder passiert“, ergänzt Olga Bauerová.

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